Autor: ramoncunz

  • «Eine Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit Ausgegrenzten umgeht»

    «Eine Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit Ausgegrenzten umgeht»

    Hanishha Soosai wuchs als Tochter tamilischer Geflüchteter im Berner Oberland auf. Hier spricht sie über Ausgrenzung in ihrer Kindheit und ihre Arbeit für eine gerechte Gesellschaft.

    Früh erlebte Hanishha Soosai, wie es sich anfühlt, anders zu sein. Die 24-Jährige ist als Tochter tamilischer Flüchtlinge in Frutigen aufgewachsen. Ihre Eltern flohen in den 1980er-Jahren vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka in die Schweiz. Im Berner Oberland war ihre Familie eine der wenigen, die nicht ins stereotype Bild von Schweizerinnen und Schweizern passte.

    Heute vertritt Hanishha Soosai die Schweiz als erste UNO-Jugenddelegierte und sprach unter anderem im Plenarsaal der Vereinten Nationen in New York vor Vertreterinnen und Vertretern aus über 180 Staaten. In ihrer zweijährigen Amtszeit beschäftigt sie sich erneut mit dem Anderssein – sie setzt sich für Kinder und Jugendliche ein, die aufgrund einer Behinderung oder ihrer Herkunft ausgegrenzt oder diskriminiert werden.

    Frau Soosai, Sie sind als Tochter tamilischer Eltern in Frutigen aufgewachsen. Wurden Sie diskriminiert?

    Mein Bruder und ich sind in der Schweiz geboren, trotzdem galten wir manchmal als nicht von hier, als die «anderen», die Ausländer. Das, obwohl wir offiziell Schweizer sind. Zudem war meine Familie im Dorf damals eine der wenigen Familien, die anders waren, anders aussahen. Heute kann ich sagen, dass ich in Frutigen schöne Erfahrungen gemacht habe, aber es war nicht immer einfach. Besonders in der Primarschule gab es auch Mobbing.

    Mögen Sie davon erzählen?

    An vieles kann ich mich nicht mehr so gut erinnern, einige Erinnerungen sind aber sehr klar. Zum Beispiel ein Schultag, da war ich vielleicht acht. Ich hatte ein neues, pinkes Trottinett bekommen und war sehr glücklich. Dann wurde ich deswegen gemobbt. Ein Junge sagte, mein Trotti sei hässlich. Er rief mir «Scheiss-Tamil» nach. Ab dem Zeitpunkt hatte ich auf dem Schulweg Angst, von dem Jungen beschimpft zu werden.

    Sie waren sehr jung. Wie sind Sie mit solchen Situationen umgegangen?

    Ich habe das Gefühl, dass ich einfach gar nicht damit umgegangen bin. Ich war verunsichert und wusste nicht, wie ich reagieren sollte.

    Und Ihre Eltern?

    Meinen Eltern tat das sehr leid, aber ich denke, sie wussten selbst nicht, wie sie damit am besten umgehen sollten. Irgendwann war es dann nicht mehr: «Komm, wir wehren uns jetzt», sondern eher: «Es tut mir sehr leid, aber das gehört wohl irgendwie dazu.»

    «Manchmal denke ich: Ich
    bin gerade die einzige
    Dunkelhäutige
    im Raum.»

    Ihre Eltern machten also ähnliche Erfahrungen?

    Sie sprachen nicht wirklich darüber. So wird das wohl in den meisten Migrantenfamilien gehandhabt. Ich denke, sie wollten meinen Bruder und mich nicht belasten. Als wir älter wurden, erzählten sie ab und zu von Vorfällen. Heute wiederum ist es weniger direkter Rassismus, da ist man wohl zurückhaltender geworden, es ist eher ungerechte Behandlung. Dabei ist aber das Problem: Man weiss nie – wird man ungerecht behandelt, weil man eben anders ist, oder hat das einen ganz anderen Grund?

    Woran machen Sie denn Ihr Anderssein fest?

    Gute Frage. Optisch – dass ich einfach anders aussehe. Ich selbst vergesse es zwar immer wieder und merke es oft erst, wenn man es mir zu spüren gibt. Manchmal denke ich: Ich bin gerade die einzige Dunkelhäutige im Raum. Das kommt aber immer seltener vor. 

    Warum grenzen Menschen andere aus?

    Als Kind konnte ich es nicht verstehen. Heute denke ich: Es ist wohl oft Angst vor dem Unbekannten. Wobei – wie unbekannt ist es eigentlich noch? Unsere Welt ist heute so durchmischt – Kulturen, Nationalitäten, Religionen. Wenn man da immer noch so eine abweisende Haltung hat, frage ich mich schon: Was ist los? Will man einfach nicht aus gewohnten Denkmustern hinaus?

    Luftaufnahme von Frutigen in der Schweiz, umgeben von grünen Hügeln und Bergen mit einem klaren Himmel.
    Frutigen hat einen tiefen Ausländeranteil von knapp 10 Prozent.
    Foto: Bruno Petroni

    Ist Ihre Familie inzwischen im Dorf angekommen?

    Auf jeden Fall. Wir leben in einem schönen Quartier mit extrem lieben Nachbarn. Meinen Eltern war es immer wichtig, in lokale Traditionen eingebunden zu sein. Einmal im Jahr machen meine Eltern am Frutigmärit mit und verkaufen tamilische Spezialitäten, zusammen mit einer anderen tamilischen Familie, die zugezogen ist. Viele kennen uns mittlerweile und freuen sich jedes Jahr. Das ist auch ein Grund, warum ich froh bin, auf dem Land aufgewachsen zu sein: Anders als in der Stadt entsteht hier nicht so schnell eine Art kulturelle Blase. In Frutigen gibt es nicht viele tamilische Familien – das war also gar nicht möglich.

    Heute sprechen Sie über Themen wie Gerechtigkeit und Teilhabe. Wie prägten diese Erfahrungen Ihre Arbeit als UNO-Jugenddelegierte der Schweiz?

    Es ist mir wichtig, zu sagen: Das waren Vorfälle, die mich zwar geprägt, aber nicht bestimmt haben. Oder anders gesagt: Mein Hintergrund aus einer Familie mit Fluchtgeschichte und mein Aufwachsen in Frutigen haben mich für Themen wie Gerechtigkeit und Teilhabe sensibilisiert. Jetzt möchte ich etwas bewegen – besonders für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten und verletzlichen Gemeinschaften.

    Was können Sie als Jugenddelegierte bewegen?

    Mein Mandat beschäftigt sich mit Bildung, Migration und Chancengerechtigkeit. Wir geben Workshops, besuchen Schulen, sprechen mit Jugendlichen. An den Schulen arbeiten wir oft auch mit Rollenspielen, damit Kinder und Jugendliche sich konkret vorstellen können, wie es sich anfühlt, in bestimmten Situationen zu sein. Oder auch, wie unterschiedlich Wahrnehmungen sein können. Es wäre ja auch komisch, wenn wir alle gleich denken würden.

    Die UNO steht in der Kritik – es werde viel geredet, es passiere aber wenig. In letzter Zeit hört man oft, sie sei «zahnlos».

    Die Frage ist halt immer: Wann ist solch eine Institution erfolgreich – welche Veränderung möchte man denn sehen? Ein neues Gesetz? Seine Einführung? Oder dass sich Menschen tatsächlich daran halten? Ich finde: Wenn sich in den Köpfen etwas bewegt, also wenn ein Denkprozess beginnt, hat man schon sehr viel erreicht. Genau da sehe ich im Moment meine Rolle.

    Ist Ihre Familie inzwischen im Dorf angekommen?

    Auf jeden Fall. Wir leben in einem schönen Quartier mit extrem lieben Nachbarn. Meinen Eltern war es immer wichtig, in lokale Traditionen eingebunden zu sein. Einmal im Jahr machen meine Eltern am Frutigmärit mit und verkaufen tamilische Spezialitäten, zusammen mit einer anderen tamilischen Familie, die zugezogen ist. Viele kennen uns mittlerweile und freuen sich jedes Jahr. Das ist auch ein Grund, warum ich froh bin, auf dem Land aufgewachsen zu sein: Anders als in der Stadt entsteht hier nicht so schnell eine Art kulturelle Blase. In Frutigen gibt es nicht viele tamilische Familien – das war also gar nicht möglich.

    Heute sprechen Sie über Themen wie Gerechtigkeit und Teilhabe. Wie prägten diese Erfahrungen Ihre Arbeit als UNO-Jugenddelegierte der Schweiz?

    Es ist mir wichtig, zu sagen: Das waren Vorfälle, die mich zwar geprägt, aber nicht bestimmt haben. Oder anders gesagt: Mein Hintergrund aus einer Familie mit Fluchtgeschichte und mein Aufwachsen in Frutigen haben mich für Themen wie Gerechtigkeit und Teilhabe sensibilisiert. Jetzt möchte ich etwas bewegen – besonders für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten und verletzlichen Gemeinschaften.

    Was können Sie als Jugenddelegierte bewegen?

    Mein Mandat beschäftigt sich mit Bildung, Migration und Chancengerechtigkeit. Wir geben Workshops, besuchen Schulen, sprechen mit Jugendlichen. An den Schulen arbeiten wir oft auch mit Rollenspielen, damit Kinder und Jugendliche sich konkret vorstellen können, wie es sich anfühlt, in bestimmten Situationen zu sein. Oder auch, wie unterschiedlich Wahrnehmungen sein können. Es wäre ja auch komisch, wenn wir alle gleich denken würden.

    https://www.instagram.com/reel/DK-G6ehM9mJ/embed/captioned/?cr=1&v=14&wp=1080&rd=https%3A%2F%2Fwww.bernerzeitung.ch&rp=%2Fbern-hanishha-soosai-aus-frutigen-vertritt-schweiz-in-der-uno-265223496228#%7B%22ci%22%3A0%2C%22os%22%3A1281%2C%22ls%22%3A469%2C%22le%22%3A1272%7D

    Die UNO steht in der Kritik – es werde viel geredet, es passiere aber wenig. In letzter Zeit hört man oft, sie sei «zahnlos».

    Die Frage ist halt immer: Wann ist solch eine Institution erfolgreich – welche Veränderung möchte man denn sehen? Ein neues Gesetz? Seine Einführung? Oder dass sich Menschen tatsächlich daran halten? Ich finde: Wenn sich in den Köpfen etwas bewegt, also wenn ein Denkprozess beginnt, hat man schon sehr viel erreicht. Genau da sehe ich im Moment meine Rolle.

    Worum geht es Ihnen dabei im Kern?

    Mir ist wichtig, dass Menschen ihren Horizont erweitern – auch mal Dinge sehen, die sie vielleicht nicht sehen wollen oder konnten. Also Offenheit zu erzeugen für gesellschaftliche Probleme. Vor allem das Thema Gerechtigkeit ist mir sehr wichtig.

    Gerechtigkeit – in welchem Sinn?

    Wichtig ist: Gerechtigkeit ist nicht Gleichberechtigung. Nicht alle Menschen haben die gleichen Voraussetzungen – sozial, finanziell oder kognitiv.

    Gerechtigkeit ist nicht Gleichberechtigung?

    Gleichberechtigung bedeutet, dass man allen das Gleiche gibt, egal, was sie mitbringen. Gerechtigkeit wiederum bedeutet, dass man auf die unterschiedlichen Voraussetzungen eingeht. Das individuelle Lebensumfeld eines Menschen ist mir sehr wichtig – gerade bei Kindern in der Schule.

    Was bedeutet das konkret?

    Manche Kinder haben zu Hause nicht dieselbe Unterstützung – etwa sprachlich oder auch aufgrund ihres sozialen Hintergrunds, unabhängig von der Herkunft. Deshalb braucht es individuelle Förderung. Wichtig ist, dass sich niemand dafür schämen muss, wenn er oder sie Unterstützung bekommt. Es sollte normal sein, nach Hilfe zu fragen und diese auch zu bekommen – nicht stigmatisierend.

    Hanishha Soosai, 23, UN-Jugenddelegierte der Schweiz, steht in Frutigen vor einem Glasfenster.
    «Offenheit ist für mich der Schlüssel zu allem»: Hanishha Soosai setzt sich für Bildung, Migration und Chancengerechtigkeit ein.
    Foto: Raphael Moser

    Werden dadurch nicht Minderheiten ungerechterweise bevorzugt?

    Wieso? Eine gerechte Gesellschaft misst sich für mich nicht daran, wie sie mit der Mehrheit umgeht, sondern daran, wie sie mit jenen umgeht, die bewusst oder unbewusst an den Rand gedrängt werden. Inklusion sollte kein Zusatz sein, sondern eine Grundhaltung.

    Ist Gerechtigkeit nicht grundsätzlich eine Illusion – und das Leben halt hart.

    Solche Sätze hört man tatsächlich oft. Und ehrlich gesagt: Ich habe nicht die perfekte Antwort darauf. Viele wollen sich gar nicht erst mit anderen Perspektiven auseinandersetzen. Aber genau das wäre wichtig: Zuhören und nicht gleich urteilen.

    Was muss eine Gesellschaft leisten, damit sich alle als Teil von ihr fühlen können?

    Offenheit – für mich ist sie der Schlüssel zu allem. Viele fühlen sich bedrängt, wenn jemand anders ist oder Neues mitbringt. Sie glauben, sie müssten sich direkt anpassen oder etwas werde ihnen aufgezwungen. Dabei muss sich die Gesellschaft gar nicht stark verändern. Oft reicht es, Vielfalt einfach zu akzeptieren. Unterschiedliche Religionen, Kulturen, Nationalitäten sowie Bräuche und Traditionen können auch nebeneinander existieren. Zulassen und respektieren – das genügt oft schon.

    Veröffentlicht in der Berner Zeitung und dem Thuner Tagblatt am 08.10.25

  • «Ein Strafurteil bringt einen geliebten Menschen nicht zurück»

    «Ein Strafurteil bringt einen geliebten Menschen nicht zurück»

    Sieben Jahre nach einem tödlichen Tauchunfall verurteilt das Obergericht den Kursleiter wegen fahrlässiger Tötung. Ein weiterer Beteiligter wird freigesprochen.

    In Kürze:

    • Ein Stickstoffrausch führte beim Tieftauchen im Thunersee zum tödlichen Unfall.
    • Nach der Verurteilung im Jahr 2021 wird der Fall erneut vom Obergericht beurteilt.
    • Das Obergericht verurteilt den Tauchlehrer wegen mangelnder Sorgfaltspflicht.
    • Der Kursorganisator wird dagegen freigesprochen.

    Der Tauchgang war nur einer von vielen, die jedes Jahr im Thunersee stattfinden. Doch dieser endete tödlich. Im September 2018 nahm ein 29-jähriger Mann an einem Weiterbildungskurs für angehende Tauchlehrer teil. Beim Abstieg zwischen Gunten und Merligen begab er sich gemeinsam mit dem Tauchkursleiter in rund 38 Meter Tiefe.

    Dort führten sie eine Übung durch – bis der Teilnehmer mit einem Handzeichen signalisierte, dass etwas nicht stimme. Die beiden begannen einen kontrollierten Aufstieg. Als sich der Leiter mit dem Kompass orientierte, verlor er seinen Tauchschüler aus dem Blick.

    Was genau geschah, lässt sich nur rekonstruieren. Offenbar setzte der 29-Jährige den Aufstieg allein fort und das mit zu hoher Geschwindigkeit. Laut einem Gutachten geriet er in Panik, ausgelöst durch eine Stickstoffnarkose, auch Tiefenrausch genannt. Durch den raschen Aufstieg dehnten sich die Atemgase in seinem Körper stark aus; es kam zu mehreren Lungenrissen. Der Mann überlebte den Tauchgang nicht. Zehn Tage später fand man seinen Leichnam auf dem Grund des Thunersees.

    Ein Unfall mit Folgen

    Das Regionalgericht Oberland verurteilte im Jahr 2023 sowohl den Tauchkursleiter als auch den Organisator des Kurses wegen fahrlässiger Tötung. Es befand, dass sich die beiden Beschuldigten ungenügend über die Erfahrung des 29-jährigen Opfers informiert und sich vor dem Tauchgang zu wenig abgesprochen hätten. Mit besserer Vorbereitung und Abstimmung, so das Gericht, hätte sich der Unfall vermeiden lassen.

    Fassade des Gebäudes des Obergerichts mit neoklassizistischen Säulen und geschnitztem Schriftzug, blauer Himmel im Hintergrund.
    Fast sieben Jahre nach dem tödlichen Tauchgang befasste sich nun das Obergericht in Bern mit dem Fall.
    Foto: Adrian Moser

    Die Verurteilten legten gegen das Urteil Berufung ein. Rund zweieinhalb Jahre nach dem Entscheid der ersten Instanz verhandelt das Berner Obergericht den Fall nun erneut. «Ich sehe das nicht so, dass das fahrlässige Tötung ist, es war ein Unfall», sagt der angeklagte Tauchkursleiter vor Gericht. «Ich weiss nicht, wie ich anders oder besser hätte reagieren können», ergänzt er. Auch der Organisator des Tauchkurses sagt: «Ich bin überzeugt, wir haben alles richtig gemacht.»

    Die Verteidigung spricht von einem tragischen, aber nicht schuldhaften Unglück. Der Teilnehmer sei zudem ein erfahrener Taucher gewesen: «Er war kein junger Draufgänger, sondern ein besonnener Berufsmann.»

    Doch Staatsanwaltschaft und Privatkläger widersprechen dieser Darstellung: Der Tauchgang sei für den Teilnehmer zu anspruchsvoll und die Vorbereitung ungenügend gewesen. Auch für die Privatklägerschaft in Vertretung der Angehörigen ist klar: Der Mann habe sich auf die Erfahrung des Tauchkursleiters verlassen und sei unter Wasser dennoch letztlich allein geblieben.

    Gericht erkennt Pflichtverletzung

    War der tragische Tauchunfall also vermeidbar gewesen? Das Obergericht kommt zum Schluss: Ja – zumindest durch einen Beteiligten. Aus Sicht des Gerichts verletzte der Tauchkursleiter seine Sorgfaltspflicht doppelt: Erstens habe er sich vor dem Tauchgang nicht ausreichend über die Tieftaucherfahrung des Teilnehmers erkundigt. Denn dieser habe nur wenige vergleichbare Tauchgänge unter 30 Metern vorweisen können.

    Zweitens habe der Kursleiter nicht angemessen auf zwei Handzeichen reagiert, mit denen der Teilnehmer signalisiert hatte, dass etwas nicht in Ordnung sei. Statt bei ihm zu bleiben und ihn gegebenenfalls zu greifen und nach oben zu führen, habe er sich um seine eigene Orientierung gekümmert und damit seinen Schüler aus den Augen verloren.

    Das Obergericht folgt damit der Argumentation der Staatsanwaltschaft, wonach ein Lehrer-Schüler-Verhältnis vorliege. «Ein Tauchlehrer muss das Wohlergehen seines Schülers über alles andere stellen», hält die Kammer fest.

    Gerade weil sich unter Wasser nicht sprechen lässt, wäre mehr nonverbale Kommunikation notwendig gewesen, so das Gericht. Die Risiken einer Stickstoffnarkose seien dem Tauchkursleiter durchaus bekannt. Auch in diesem Punkt folgt das Gericht der Staatsanwaltschaft, die die Symptome als «Wundertüte» bezeichnet – sie reichten von Denkstörung bis Panikattacke. «Er hat den Fokus auf das Falsche gelegt», hält die Kammer final fest. Rechtzeitiges Eingreifen wäre möglich gewesen.

    Freispruch für den Organisator

    Der freigesprochene Kursorganisator war für die Planung und Leitung des Weiterbildungskurses verantwortlich, nahm aber am Tauchgang selbst nicht teil. Zwar hätte er den Kursleiter gemäss Padi-Richtlinien genauer über die begrenzte Tieftaucherfahrung des Teilnehmers informieren müssen – Padi (Professional Association of Diving Instructors) ist der weltweit grösste Verband für die Ausbildung von Sporttauchern und gibt entsprechende Sicherheitsrichtlinien vor. Damit habe er zwar einen Fehler gemacht, doch der lückenhafte Informationsfluss ist laut Gericht nicht ursächlich für den Todesfall.

    Denn der Tauchkursleiter hätte sich selbst ein Bild von der Taucherfahrung des 29-Jährigen machen müssen. Laut Gericht ist zudem unklar, ob eine bessere Informationslage dessen Verhalten überhaupt verändert hätte – die Symptome einer Stickstoffnarkose treten bei erfahrenen und unerfahrenen Tauchern gleichermassen auf.

    Ein Tauchlehrer müsse deshalb auch routinierte Schüler eng begleiten, wenn diese unter Wasser in Stress geraten. Der Organisator wird deshalb freigesprochen und erhält eine Entschädigung für seine Verteidigungskosten.

    Der Versuch eines Abschlusses

    Das Berner Obergericht verurteilt den Tauchkursleiter zu einer bedingten Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je 210 Franken, mit einer Probezeit von zwei Jahren. Zudem muss er die Verfahrenskosten tragen sowie den Eltern des Verstorbenen je 10’000 Franken Genugtuung bezahlen.

    «Ein Strafurteil bringt einen geliebten Menschen nicht zurück», sagt Oberrichterin Franziska Friederich Hörr bei der Urteilsverkündung. «Aber vielleicht hilft es, einen Abschluss zu finden.» Die langjährige Verfahrensdauer sei besonders für die Angehörigen belastend gewesen.

    Veröffentlicht in der Berner Zeitung, dem Thuner Tagblatt und dem Tages Anzeiger am 26.05.2025

  • Eine 16-Jährige schafft Nistplätze für Vögel – und wird Unternehmerin

    Eine 16-Jährige schafft Nistplätze für Vögel – und wird Unternehmerin

    Ein Erlebnispfad im Wald oberhalb von Steffisburg macht sichtbar, was sonst verborgen bleibt – Meisen, Waldkäuze, Fledermäuse. Und er erzählt vom Engagement einer Gymnasiastin.

    In Kürze:

    • Aisla Spichiger hat zusammen mit fünf anderen Gymnasiasten den Erlebnispfad «Federfröhlich» eingerichtet.
    • Der Pfad informiert Besuchende über heimische Vögel, Fledermäuse und Hornissen.
    • Nistkästen am Weg bieten Lebensraum für viele Vogelarten.
    • Banken und lokale Unternehmen unterstützen das Projekt, das bis 2030 weiterlaufen soll.

    Aisla Spichiger steigt eine Leiter hinauf, die in die Bäume führt. In der einen Hand hält die 16-Jährige einen Bunsenbrenner, mit der anderen zieht sie sich zu einem Vogelhäuschen hoch, in dem im Frühling ein Vogelpaar aus Moos und Federflaum ein Nest gebaut hat. Aus den Haselbüschen und von den Ästen der Tannen ringsum zwitschert und pfeift es.

    Sie weiss genau, was sie tut. Zusammen mit fünf weiteren Gymnasiastinnen und Gymnasiasten hat sie das Umweltprojekt «Federfröhlich» aufgebaut – einen Erlebnispfad am Waldrand oberhalb von Steffisburg. Tafeln entlang des Weges informieren über das Leben der Vögel, Fledermäuse und Hornissen, die hier heimisch sind.

    Ein Dörfchen für Vögel

    Die Tafeln entlang des Weges seien nur provisorisch zur Vorschau montiert, erklärt Spichiger, für die endgültige Installation stehe noch eine Baubewilligung aus. Wissbegierige müssen sich also noch etwas gedulden, aber man wird Spannendes erfahren können: etwa dass der Waldkauz seinen Kopf um bis zu 270 Grad drehen kann, dass der Stich einer Hornisse harmloser ist als der einer Biene oder dass der Trauerschnäpper nach seiner Reise nach Afrika oft wieder genau an denselben Ort zurückkehrt.

    Das Wichtigste aber steht nicht auf Augenhöhe: Versteckt im Dunkelgrün der Tannen hängen grössere und kleinere Holzhäuschen – Nistplätze für Meisen, Kleiber und andere Vögel, die hier leben, brüten und jeden Frühling zurückkommen.

    Ein Vogel sitzt auf einem Nistkasten, umgeben von grünen Blättern an einem Baum.
    Eine Meise hat im Frühling ihr neues Zuhause bezogen.
    Foto: PD

    «Auch Vögel mögen es sauber, wenn sie sich im Frühling ein Zuhause suchen, um ihre Jungen aufzuziehen», sagt Spichiger. Sie steigt wieder von der Leiter herunter, ohne den Bunsenbrenner gebraucht zu haben. Heute trug sie ihn nur zur Demonstration mit. Später, im Herbst nach dem ersten Frost, wird sie wieder hinaufsteigen, um dann mit ein paar Feuerstössen Milben, Bakterien und Pilzsporen, die sich während der Brut angesiedelt haben, abzutöten. Wie das funktioniert, hat ihr der Natur- und Vogelschutzverein Steffisburg gezeigt.

    Ein Vogelhäuschen hängt an einem Baum im dicht bewachsenen Natur-Erlebnispfad FederFröhlich in Steffisburg.
    Versteckt in den Tannen hängen Nistkästen.
    Foto: Franziska Rothenbühler

    Tatsächlich zeigen Studien, dass gereinigte Nistkästen deutlich häufiger bezogen werden. «Chemie ist ungesund für die Vögel. Aber ein wenig Feuer reicht, um die Vogelkästen zu säubern», sagt Spichiger.

    In einer Lichtung über Steffisburg

    or der sommerlichen Waldkulisse stellt die junge Frau zur Anschauung eine Reihe kleinerer und grösserer Holzhäuschen auf – mit unterschiedlich weiten Einfluglöchern und weinroten Chromstahldächern. Ein grosses für den Waldkauz. Einen schwarzen Kasten für die Fledermäuse. «Sie lieben es, im Sommer zu schwitzen», erklärt Spichiger. Die Nistkästen liessen die Jugendlichen von einer Schreinerei im Emmental herstellen, rund 30 Jahre sollen sie der Witterung trotzen.

    50 Nistkästen, fünf Fledermaushöhlen und zwei Hornissenkästen haben die Jugendlichen installiert, rund zwei Drittel wurden in diesem Frühling und Sommer bezogen. Nistkästen sind für bedrohte Vogelarten wichtig, weil natürliche Brutplätze etwa in alten Bäumen oder Hecken zunehmend verschwinden.

    Gruppe von Personen betrachtet den Natur-Erlebnispfad FederFröhlich in Steffisburg, erstellt von Gymnasiasten aus Thun, mit Vogelhäuschen entlang des Wegs.
    Der Erlebnisweg stösst auf Interesse bei einer Gruppe Wanderer.
    Foto: Franziska Rothenbühler

    Der Erlebnispfad führt am Waldrand entlang und zieht eine Schleife um eine Waldschneise, den Schnittweier. In ihrer Mitte fliesst ein Bächlein. «Ein idyllischer Ort», sagt Spichiger – gerade im Gegensatz zur im Sommer schwitzenden Stadt, dem Asphalt und den Abgasen. Aus dem Tannenwald riecht es dunkel und satt, und plötzlich springt aus dem Waldschatten ein Reh auf die Wiese. «Die Idee mit den Nistkästen hatte ich, als ich hier mit Chesmu, meinem Hund, spazieren gegangen bin. Es ist mir sehr wichtig, dass das hier weiterbesteht.»

    Aisla Spichiger wohnt in der Nähe des Schnittweiers, in einer Lichtung im Wald sei sie aufgewachsen. Sie gerät ins Träumen, wenn sie davon erzählt, umrahmt ihre Worte mit den Händen. Denkt sie an ihre Kindheit, war da immer das Zwitschern der Vögel. «Als mein Urgrossvater gestorben ist, hat uns gleich danach ein Vögelchen besucht – wir dachten, vielleicht war das ein Abschiedsgruss von ihm.»

    Ein Wirtschaftsprojekt für die Natur

    Doch die junge Frau ist jetzt auch Unternehmerin. Sie spricht schnell, wenn sie erzählt, wie die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten Federfröhlich im Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht aufgebaut haben. Denn bei diesem Projekt geht es nicht allein um die Tiere im Wald, die Schülerinnen und Schüler sollen auch lernen, wie man ein Unternehmen gründet.

    Gymnasiastin Aisla Spichiger steht lächelnd neben einem Vogelhäuschen auf dem Natur-Erlebnispfad FederFröhlich in Steffisburg.
    Aisla Spichiger zeigt die Behausungen für unterschiedliche Tiere. Die schwarze ist für die Fledermäuse.
    Foto: Franziska Rothenbühler

    Im September haben sie begonnen: das Aufstellen von Geschäftskonzepten, Budgetplanung, die Suche nach Geldgebern, das Vorstellen des Projekts in Besprechungsräumen von Banken, Meetings mit Unternehmen, die mitfinanzieren, und Gespräche mit der Vogelwarte Sempach.

    Aisla Spichiger hat die Rolle der Koordinatorin übernommen. «Eigentlich die CEO-Rolle», sagt sie, «aber so nennen wir das nicht.» Sie zeigt auf das Logo, das mit «viel Herzblut» und KI-Unterstützung erstellt wurde: Aus dem dezenten Grün des Waldes leuchtet ein lachender Vogel. Darunter ein Code für Spenden an Federfröhlich. «Nein, wir verdienen selbst nichts daran», die Frage bringt sie zum Lachen.

    Drei Flyer für den Natur-Erlebnispfad FederFröhlich in Steffisburg, mit einem Papageienbild, gehalten von einer Person in einem rosa Blumenhemd.
    Auch ein Logo und eine Internetseite haben die Gymnasiasten für ihr Projekt entworfen.
    Foto: Franziska Rothenbühler

    Trotzdem ist Federfröhlich längst über ein Schulprojekt hinausgewachsen. Das zeigt schon die Liste mit den Sponsoren: Banken, mehrere Firmen, Gemeinden und Burgergemeinden und auch der Gasthof Schnittweierbad, der Ausgangsort des Rundwegs ist. «Vernetzen ist wichtig fürs Geschäft», sagt sie und erzählt, dass die Eröffnungsrede für den Naturerlebnispfad Hanspeter Latour gehalten hat. Der ehemalige Fussballtrainer ist inzwischen bekannt als Naturfotograf und Autor zum Thema Artenvielfalt.

    Dabei zeigt die 16-Jährige kaum Stolz, klar, ein wenig schwingt mit, wenn sie spricht, doch spürbar ist vor allem Tatendrang und ein Sinn fürs Konkrete. Vor wichtigen Treffen sei sie schon ein wenig nervös. «Aber ich habe gemerkt, dass sich meine Nervosität schnell legt, sobald ich in der Situation drin bin», sagt sie.

    Eine junge Frau in einem blumigen Sommerkleid hält ein Vogelnest in den Händen auf dem Natur-Erlebnispfad FederFröhlich in Steffisburg.
    In diesem Nest hat ein Vogelpaar im Frühling seine Jungen aufgezogen.
    Foto: Franziska Rothenbühler

    Sie sei zufrieden, wenn sie etwas aufbauen könne. Bevor sie nach dem Gymnasium ein Studium beginnt, plant sie ein Zwischenjahr. Auch, um sich weiter um Federfröhlich zu kümmern. Sie will die Behausungen für Vögel, Hornissen und Fledermäuse pflegen und dafür sorgen, dass der Erlebnispfad am Schnittweier mindestens bis ins Jahr 2030 weiterbesteht.

    Veröffentlicht im Thuner Tagblatt und der Berner Zeitung am 14.07.25

  • Auf der ARA Thunersee steht jetzt die grösste faltbare Solaranlage der Welt

    Auf der ARA Thunersee steht jetzt die grösste faltbare Solaranlage der Welt

    Die Solaranlage über den Klärbecken faltet sich bei Unwetter oder Betriebsarbeiten zusammen. Ihr Vorteil: Sie steht auf bereits bebautem Raum und verbraucht keine wertvollen Grünflächen.

    In Kürze:

    • Die weltweit grösste Solarfaltdachanlage wurde über der ARA Thunersee in Betrieb genommen.
    • Bei Unwetterwarnungen oder Hagelschlag faltet sich die Anlage automatisch zusammen.
    • Im Gegensatz zu anderen grossen Solarprojekten im Berner Oberland gab es kaum Widerstand.
    • Für überschüssigen Solarstrom prüft die ARA derzeit nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten.

    Es mutet futuristisch an – eine weite, im Sonnenlicht glänzende Decke aus Solarpanels erstreckt sich über den Abwasserbecken der ARA Thunersee am Rand von Uetendorf. Unten wird das Wasser gereinigt, oben die Energie dafür produziert.

    Tatsächlich ist hier eine neue Technologie am Werk. «Wenn der Wind bläst oder Hagelschlag droht, faltet die Anlage die Solarpanels zusammen und fährt sie ein», erklärt Ingo Schoppe, Geschäftsführer der ARA Thunersee. Die Konstruktion gleitet über Rollen, wie man sie aus der Seilbahntechnik kennt. Solarfaltdach nennt sich dieses System. Entwickelt wurde es von der Firma DHP Technology mit Sitz in Graubünden.

    Ingo Schoppe von der ARA Thunersee steht unter einem Solarfaltdach, einer automatischen Photovoltaikanlage, in Uetendorf.
    Ingo Schoppe, der Geschäftsführer der ARA Thunersee, ist sichtlich stolz auf die neue Anlage.
    Foto: Nicole Philipp

    «Das geschieht vollautomatisch, ohne dass wir hier etwas zu tun hätten», ergänzt er. Mit sechs verschiedenen Wetter-Apps lasse DHP Technology die Wetterlage überwachen; ein Algorithmus entscheide dann, ob es nötig sei, die Solarpanels einzufahren. Auch Arbeiten an den Becken mit grösseren Maschinen sei durch das Einfahren möglich.

    Seit November ist das Solarfaltdach über der ARA Thunersee in Betrieb. «Es ist das weltweit grösste», sagt Schoppe. 3400 Megawattstunden Strom soll die Anlage im Jahr produzieren – das entspricht dem Bedarf von rund 700 Haushalten. Etwa ein Drittel ihres Strombedarfs deckt die ARA mit der Anlage.

    Faltbare Photovoltaikanlage auf der ARA Thunersee, mit vollständig ausgefahrenem Solarfaltdach. Im Hintergrund sind Bäume und Berge sichtbar, unter klarem Himmel.
    Die Solarpanels über der ARA Thunersee sind an Rollen befestigt und lassen sich einziehen.
    Foto: Nicole Philipp

    Solarprojekte haben es schwer im Berner Oberland

    Die ARA Thunersee scheint mit der Faltdachanlage eine praktikable Lösung gefunden zu haben. Denn grosse Solarprojekte haben es schwer im Berner Oberland. Deutlich wurde das beim geplanten Projekt Tschingel oberhalb von Schattenhalb. Obwohl die Gemeinde Schattenhalb dahinterstand, gab die BKW das Vorhaben im Juni auf. Der Widerstand war zu gross, Bedenken rund um Landschaftsschutz und Biodiversität überwogen.

    Grosse Solaranlage auf grüner Berglandschaft mit steilen Klippen.
    Diese Visualisierung zeigt, wie die Solaranlage Tschingel ausgesehen hätte. Die BKW hat das Projekt inzwischen aufgegeben.
    Visualisierung: PD/BKW

    Auch die alpine Solaranlage auf der Alp Morgeten bei Oberwil kommt derzeit nicht vom Fleck. Zwar erhielt sie 2024 eine Baubewilligung und wurde vom Kanton als umweltverträglich eingestuft, doch mehrere Umweltorganisationen legten dennoch Beschwerde ein.

    «Es hat sehr wenig Widerstand gegen unser Projekt gegeben. Wir bauten keine Grünflächen zu, sondern überspannen ohnehin schon verbautes Gelände», sagt Schoppe. Die 36 Verbandsgemeinden der ARA seien einstimmig dabei gewesen. Aus der Anwohnerschaft habe es einzelne Bedenken gegeben, dass sie Solarpanels bei Sonneneinstrahlung stark blenden würden, doch diese hätten sich an Infoveranstaltungen aufgelöst. «Da die Panels aus Kunststoff bestehen und nur leicht geneigt sind, ist kaum mit Blendwirkungen zu rechnen», erklärt er.

    Umsetzung wegen hohen Strompreises möglich

    Allerdings sei die Umsetzung einer Faltdachanlage dieser Grösse lange unrealistisch gewesen. Dreimal habe die ARA Thunersee zwischen 2010 und 2020 eine Machbarkeitsstudie durchgeführt mit dem Ergebnis, dass die Kosten zu hoch seien. Erst als 2022 die Strompreise in die Höhe schossen, änderte sich das. «Mit dem Preisschock rentierte sich die Stromproduktion auf einmal, und die Gemeinden waren dabei», sagt Schoppe. Bewilligt waren 12,3 Millionen Franken; effektiv liege der Betrag dank Einsparungen und Bundesbeiträgen tiefer, sagt Schoppe über die Kosten.

    Ingo Schoppe präsentiert das Kontrollsystem einer faltbaren Photovoltaikanlage auf einer grossen Bildschirmwand in der ARA Thunersee, Uetendorf.
    Ein Blick in den Kontrollraum: An diesem Bildschirm wird die Photovoltaikanlage überwacht.
    Foto: Nicole Philipp

    In der Kosten-Nutzen-Rechnung bleibt indes eine wichtige Frage offen: Was geschieht mit dem überschüssigen Strom, den die ARA zeitweise nicht verbraucht? Ab 2026 werden die Einspeisevergütungen der Energieversorger an den Strommarkt gekoppelt und sind damit schwer voraussehbar.

    «Drei Optionen stehen im Raum», sagt Schoppe: erstens eine lokale Energiegemeinschaft mit den vielen Industriebetrieben in Uetendorf; zweitens beschäftigt die ARA sich mit Speicherlösungen – doch weil die Preise für Batteriespeicher stark sinken, wäre derzeit ein Kauf unklug; und drittens steht die Einspeisung ins Stromnetz zur Diskussion, wofür die BKW bereits Interesse gezeigt hat. Die Evaluation läuft noch bis nächsten August.

    Es gehe der ARA nicht darum, Geld zu verdienen, betont Schoppe. «Unser Ziel ist eine möglichst nachhaltige Abwasserreinigung – ökologisch wie wirtschaftlich.» Jede selbst produzierte Kilowattstunde senke langfristig die Betriebskosten und damit die Gebühren für die Bevölkerung.

    Veröffentlicht im Thuner Tagblatt und der Berner Zeitung am 20.12.25

  • Moorschutz von nationaler Bedeutung sorgt für Widerstand in Schangnau

    Moorschutz von nationaler Bedeutung sorgt für Widerstand in Schangnau

    Gestützt auf die Bundesverfassung will der Kanton Bern das Naturschutzgebiet Buhüttli in Schangnau erweitern. Die Gemeinde wehrt sich gegen die Pläne, hat aber wenig Spielraum.

    In Kürze:

    • Das Moor im Buhüttli in Schangnau soll erweitert werden, um es vor Austrocknung zu schützen.
    • Die Gemeinde Schangnau lehnt die Pläne wegen Einschränkungen bei der Landbewirtschaftung ab.
    • Der Kanton konnte einzelne Bedenken berücksichtigen, muss aber am Kernprojekt festhalten.
    • Moore sind verfassungsrechtlich geschützt, dennoch verbuschen schweizweit jährlich etwa fünf Hektaren Hochmoor.

    Das Moor im Buhüttli in der Gemeinde Schangnau ist ein seltenes Juwel. «Im offenen Hochmoor wachsen Torfmoose, Scheidiges Wollgras und auch Rosmarinheide», schreibt das kantonale Amt für Landwirtschaft und Natur (Lanat) in einem Bericht zum Naturschutzgebiet. Auch das Auerhuhn lebt hier. Werde der seltene Vogel gestört, gerate er leicht unter Stress und könne im Winter sterben, so das Amt.

    Aus Sicht des Kantons ist das Moor aber nicht ausreichend geschützt. Deshalb soll das Naturschutzgebiet Buhüttli vergrössert werden – von 15,8 auf 23 Hektaren. Zusätzlich sind Pufferzonen vorgesehen, die das Moor vor «Nährstoffeinträgen» aus der Landwirtschaft schützen sollen. Dafür müsste bewirtschaftetes Land Teil der Schutzzone werden; Düngen etwa wäre dort nicht mehr erlaubt.

    Nahaufnahme eines Auerhahns im Tierpark Dählhölzli, Bern, mit detailliertem Federkleid und markanter Kopfform.
    Dieses Auerhuhn wurde im Tierpark Dählhölzli aufgenommen. In der Wildnis ist es selten geworden und lebt in Moorlandschaften wie beim Buhüttli.
    Foto: Valérie Chételat

    Auch im Moor sieht der Kanton Probleme. Ein Entwässerungsgraben und eine alte Quellfassung entzögen ihm Wasser. Zudem seien Teile des Moors trittempfindlich, und nebst dem Auerhuhn reagierten auch andere Wildtiere sensibel auf Störungen. Deshalb soll in weiteren Bereichen ein Betretungsverbot gelten. Eigentümerinnen und Bewirtschafter dürften die Flächen aber weiterhin begehen, etwa für Kontrollgänge.

    Bewirtschafterinnen in Schangnau fürchten um Land

    In der Gemeinde Schangnau, die mehrere Hochmoore umfasst, kommen die Pläne des Kantons nicht gut an. «Für uns ist das schlecht», sagt Gemeindepräsident Beat Gerber. «Der derzeitige Schutz reicht aus.»

    Die Gemeinde stört, dass für die Erweiterung des Schutzgebiets Land einbezogen werden soll; dort verbringe Vieh im Sommer die Alpzeit. Zudem müsse die Trinkwasserquelle im Moor ersetzt werden, was zusätzlichen Aufwand bedeute. Auch beim Wald hat Gerber offene Fragen: In Schutzgebieten gälten strengere Vorschriften, und es sei unklar, wie die Waldbewirtschaftung künftig möglich sei.

    Vergleich von zwei Kartenansichten: Links eine schematische Karte mit grünen und weissen Flächen, rechts eine Satellitenaufnahme mit einem umrissenen Bereich.
    Die beiden Karten des Amts für Landwirtschaft und Natur (Lanat) zeigen die alte (orange) und die neue Grenze (rot) des Naturschutzgebiets.
    Karte: PD

    Kritisch beurteilt der Gemeindepräsident auch das Betretungsverbot. Er frage sich, wie dieses überhaupt kontrolliert werden solle. Ein Zaun etwa sei aus seiner Sicht keine Lösung und auch für Wildtiere problematisch.

    Kanton präzisiert Vorgaben fürs Buhüttli

    Auf Anfrage schreibt das Amt für Landwirtschaft und Natur, dass es während der öffentlichen Mitwirkung im Sommer einige Bedenken der Bevölkerung berücksichtigt habe. So bleibe etwa die Waldbewirtschaftung mit Forstmaschinen zulässig, auch in der Zone mit Betretungsverbot. Sie müsse aber «schonend und naturnah» erfolgen. Das Betretungsverbot soll durch Ranger sowie durch die kantonale Wildhut kontrolliert werden.

    Zu Entschädigungen äussert sich der Kanton punktuell. Entschädigt werden Bewirtschafter und Bewirtschafterinnen, wenn Auflagen «zu Mindererträgen oder Mehraufwänden führen». Bei einem vollständigen Nutzungsverzicht könne es zu einer einmaligen Zahlung kommen.

    Hochmoor bei Schangnau, verschneite Wiese mit Pfosten im Vordergrund, umgeben von Bäumen, am 20.12.2025.
    Blick in das Hochmoor beim Buhüttli in Schangnau. Ein Teil des Landes, das neu zum Schutzgebiet gehören soll, dient im Sommer als Weidefläche für Tiere.
    Foto: Christian Pfander

    Am Kern des Projekts habe man jedoch nichts geändert, betont das Amt. Die Revision des Schutzgebiets sei «gemäss den rechtlichen Vorgaben des Bundes zwingend notwendig».

    Moorlandschaften sind von nationaler Bedeutung

    Grund dafür ist der strenge Moorschutz, der in der Schweiz seit der Annahme der Rothenthurm-Initiative im Jahr 1987 gilt. Seither stehen Moorlandschaften unter dem Schutz der Bundesverfassung. Hintergrund ist ein massiver Verlust: In den letzten 200 Jahren hat die Schweiz rund 90 Prozent ihrer Feuchtgebiete eingebüsst. Sie galten als wertloses Land und wurden für Siedlungen, Landwirtschaft und den Torfabbau entwässert.

    Trotz des strengen Schutzes zeigt ein 2024 veröffentlichter Bericht im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu), dass insbesondere Hochmoore weiterhin gefährdet sind: Jährlich verbuschen rund fünf Hektaren – das entspricht etwa der Fläche des Rosengartens in Bern. Gründe dafür sind unter anderem die Austrocknung durch den Klimawandel und dass Stickstoff aus der Landwirtschaft ins Moor gelangt, etwa durch Dünger und Gülle.

    Hochmoor Steinmösli in Eggiwil mit grasbewachsenen Ufern und stillstehendem Wasser. Reflektionen des Himmels sichtbar.
    Moorlandschaften haben ihre ganz eigene Schönheit: Blick in das Hochmoor Steinmösli, das ebenfalls auf dem Gebiet der Gemeinde Schangnau liegt.
    Foto: Raphael Moser

    In Schangnau sind gegen die öffentliche Auflage drei Einsprachen eingegangen. Die Gemeinde wolle die Pläne an die nächste Instanz weiterziehen – auch wenn man gegen Bundesrecht wohl kaum Chancen habe, räumt Beat Gerber ein. «Ob das am Ende etwas bringt, wissen wir nicht. Aber wir wollen zeigen, dass wir nicht einfach über uns bestimmen lassen.»

    Veröffentlicht in der Berner Zeitung am 28.12.25

  • 100’000 Kubikmeter Fels kamen runter

    100’000 Kubikmeter Fels kamen runter

    Nach dem Felssturz bei Wilderswil bleibt die Kantonsstrasse offen. Fachleute führen das Ereignis auf den starken Regen zurück. Der Fall zeigt, wie sensibel das scheinbar feste Gebirge auf Veränderungen reagiert.

    In Kürze:

    • Rund 100’000 Kubikmeter Gesteinsmasse lösten sich oberhalb der Kantonsstrasse zwischen Wilderswil und Zweilütschinen.
    • Das Tiefbauamt bestätigt die Sicherheit der Strasse nach eingehender Untersuchung.
    • Starke Regenfälle haben das bereits brüchige Gestein zusätzlich destabilisiert.
    • Solche Ereignisse werden vermutlich zunehmen, und es stellen sich grundsätzliche Fragen.

    Der Berg ist in Bewegung. Auch im Berner Oberland. Oberhalb der Kantonsstrasse zwischen Wilderswil und Zweilütschinen gerieten am Mittwochnachmittag Gesteinsmassen ins Rutschen. Videoaufnahmen zeigen, wie sich der Fels löste und Bäume wie Zündhölzer umknickten. Die Strasse blieb verschont und ist derzeit auf beiden Seiten befahrbar. Verletzt wurde niemand.

    «Das war ein Extremereignis», sagt Mirjam Dürst Stucki. Sie ist Projektleiterin Naturgefahren beim kantonalen Tiefbauamt und klärt die Bevölkerung über den Felssturz auf. «Wir gehen davon aus, dass rund 100’000 Kubikmeter Gesteinsmasse heruntergekommen sind.» Als Hauptursache nennt sie den starken Regen der vergangenen Wochen, der das ohnehin brüchige Gestein zusätzlich geschwächt habe.

    Zufahrtsstrasse unterhalb eines Felssturzes mit Absperrung und Schild ’Achtung Steinschlag’ bei Wilderswil.
    Die Zufahrtsstrassen unterhalb vom Felssturz wurden abgesperrt.
    Foto: Christian Pfander

    Der Kanton sei vor Ort gewesen, um die Gefahrenlage zu beurteilen. Am Mittwoch wurde das Gebiet per Helikopter begutachtet. Am Donnerstag folgte dann die Begehung zu Fuss. Das Ergebnis: «Eine Gefahr für Autofahrer auf der Kantonsstrasse besteht nicht», sagt Dürst Stucki. Die Lage sei stabil, die Strasse bleibe beidseitig befahrbar. Nur einzelne Zubringerstrassen seien gesperrt worden.

    Der Felssturz kam nicht unerwartet

    Der Felssturz an dieser Stelle kommt für das Tiefbauamt nicht überraschend. «Das entspricht dem, was wir erwartet haben», sagt Dürst Stucki. Die Region sei bekannt für steile, brüchige Hänge. Frühere Studien hätten mögliche Abbruchstellen in der Gegend um den Felssturz erfasst – mit Schutzmassnahmen wie Netzen und Felsräumungen würden solche Stellen dann falls nötig gesichert.

    In diesem Fall seien jedoch keine Massnahmen nötig gewesen. Die Modelle hätten gezeigt, dass ein Felssturz die Strasse nicht erreichen würde, sagt Dürst Stucki und ergänzt: «Das hat sich jetzt bestätigt – das Material ist im erwarteten Bereich niedergegangen.»

    Ob das Erdbeben vor zehn Tagen bei Mürren eine Rolle gespielt habe, sei offen. «Das ist schwierig zu beurteilen, das schauen wir uns noch genauer an.» Klar sei aber: Die Hänge seien zerrüttet, das Gestein durchzogen von Rissen. Möglich sei, dass das Beben Spannungen im Fels verstärkt hat.

    Klimaerwärmung erhöht die Felssturzgefahr

    Der Berg ist in Bewegung – das ist nicht ein Bild, sondern Realität. Und der Felssturz oberhalb von Wilderswil passt in ein grösseres Muster. Flavio Anselmetti, Professor der Geologie und Direktor des Geologischen Instituts an der Universität Bern, sagt auf Anfrage: «Es kann erwartet werden, dass solche Ereignisse mit der Klimaerwärmung zunehmen.» Nicht nur im Hochgebirge durch das Schmelzen des Permafrosts, sondern vermutlich auch durch andere Prozesse und in tieferen Lagen unter 2500 Metern.

    Ein grosser Felsbrocken liegt im Wald oberhalb der Kantonsstrasse, im Rahmen einer Reportage über den Felssturz vom 30. Juli 2025 nahe Wilderswil und Zweilütschinen.
    Die Gewalt des Erdrutschs ist eindrücklich. Hier hat er etwas oberhalb der Kantonsstrasse einen Felsbrocken in den Wald gebracht.
    Foto: Christian Pfander

    Zwar lasse sich schwer beziffern, ob solche Ereignisse tatsächlich zunähmen, da es Felsstürze und Erdrutsche schon immer gegeben habe – und systematische Erhebungen erdgeschichtlich erst seit sehr kurzer Zeit durchgeführt würden. Doch sagen könne man: «Intensiver Niederschlag, wie ihn der Juli gebracht hat, kann Felsmassive destabilisieren. Mehr Wasser kann auf verschiedene Arten die Stabilitätsgrenzen verschieben, sodass der Hang zu rutschen beginnt.»

    Und dies sei wiederum eine indirekte Folge des Klimawandels, wie der Geologe erklärt. Warme Luft könne mehr Feuchtigkeit aufnehmen – bei geeigneten Bedingungen komme es dann zu intensiverem Regen. «Es ist einfach mehr Wasser im System», sagt Anselmetti. Dieses Wasser wirke in den Rissen wie ein Hebel, der die Hänge in Bewegung setzen könne.

    Kann man in Gefahrenzonen noch wohnen?

    Wichtig sei, dass man gefährdete Hänge kenne und beobachte, so Anselmetti. Dafür erstellt der Kanton Naturgefahrenkarten. Sie zeigen Zonen mit unterschiedlicher Gefährdung – von gelb über blau bis rot, in steigender Gefahrenstufe. Allerdings: Diese Karten sind nicht unveränderlich. «Neue Ereignisse können dazu führen, dass eine Zone neu bewertet wird und die rote Zone erweitert wird.» In der Vergangenheit sei das etwa in Brienz oder in Schwanden im Kanton Glarus passiert. Und manchmal dürfe dann nicht mehr gebaut werden.

    Blick auf den Schuttkegel eines Bergsturzes in Blatten mit einem Super Puma Hubschrauber der Armee in der Luft, umgeben von Bäumen und grünen Hügeln, am 18.06.2025.
    Blick auf den Schuttkegel in Blatten. Naturkatastrophen wie diese werfen auch die Frage auf, ob man in Risikogebieten noch siedeln kann.
    Foto: Raphael Moser

    «Die Qualität der Karten ist sehr gut», sagt er. Aber absolute Sicherheit gäbe es auch mit ihnen nicht. Am Ende stelle sich davon abgesehen eine grundlegende Frage, so Anselmetti. «Wie viel ist es uns als Gesellschaft wert, an gefährdeten Orten zu wohnen?» Es gehe nicht nur um Lebensgefahr, sondern auch um Kosten. Schutzbauten, Evakuationen, Wiederaufbau – all das trage am Ende die Allgemeinheit mit. «Wir müssen uns überlegen, ob wir an gewissen Orten überhaupt noch bauen oder leben wollen», sagt Anselmetti.

    Veröffentlicht in der Berner Zeitung am 31.07.2025

  • Machtkampf im Strättligwald – Zufahrt mit einem Stein blockiert

    Machtkampf im Strättligwald – Zufahrt mit einem Stein blockiert

    Ein tonnenschwerer Steinbrocken wurde vor Martin Straubhaars Grundstück abgestellt. Er versperrt den Weg – und steht für einen alten Konflikt im Wald.

    In Kürze:

    • Ein Steinbrocken versperrt Martin Straubhaars Zufahrt zu seinem Grundstück.
    • Die Burgergemeinde Strättligen verweigert das beantragte Wegrecht durch den Wald.
    • Die Waldbewirtschaftung sorgt schon lange für Unstimmigkeiten im Strättligwald.
    • Der gesperrte Weg gilt offiziell als Waldstrasse.

    «Es ist eine Geschichte wie zu Gotthelfs Zeiten», sagt Martin Straubhaar. Im frisch aufgeworfenen Erdreich steht ein Steinbrocken, grinst gelb in die Gegend und blockiert den Weg zu seinem Grundstück am Rand des Strättligwalds in Thun-Gwatt. Abgebrochene Wurzeln ragen aus dem Waldboden. Wer den Brocken auch noch angemalt habe, wisse er nicht.

    Aber wer den tonnenschweren Stein zwangsläufig mit grosser Maschine hingeschleppt habe, das glaube er zu wissen. «Der Burgergemeinderat Strättligen will mir die Durchfahrt durch den Wald versperren.»

    Die andere Zufahrt zu seinem Grundstück, das er an einen Bauern verpachtet hat, sei für landwirtschaftliche Fahrzeuge zu steil und zu eng. Aus diesem Grund habe er im September ein Wegrecht bei der Burgergemeinde beantragt. Dieses sei ihm aber nicht gewährt worden mit der Begründung, dass er schon eine Zufahrt habe.

    Vonseiten der Burgergemeinde bleiben diese Vorwürfe unerwidert. Trotz mehrfacher Nachfrage will sich Lothar Straubhaar, Präsident der Burgergemeinde Strättligen und nicht verwandt mit Martin Straubhaar, nicht äussern. Weder zum beantragten Wegrecht noch zur Frage, ob es der Burgergemeinderat Strättligen war, der den Stein in den Weg gestellt hat. Auch der Bannwart des Strättligwalds, Heinz Kühni, will keine Auskunft zu dem Stein geben.

    Ein alter Streit in der Burgergemeinde

    Bereits im Sommer beschwerten sich Waldgänger in Strättligen über mit Altholz versperrte Pfade. Wege, die man jahrzehntelang begehen konnte, seien nun zugeschüttet, wurde etwa kritisiert. Es gab aber auch Zustimmung, denn der Wald sei durch die Freizeitnutzung stark beansprucht. Nicht alle nähmen Rücksicht auf den Wald, sagte damals Lothar Straubhaar dieser Zeitung. Man wolle insbesondere dem Jungwuchs die Gelegenheit geben, nachzuwachsen.

    Ein nicht offizieller Pfad im Strättligwald, gesperrt durch umgestürzte Baumstämme und Geäst.
    Im Sommer beschwerten sich Waldgänger über Wegsperrungen aus Altholz im Strättligwald.
    Foto: Michael Gurtner

    «Der Stein und das Altholz auf den Wegen sind ein Zeichen dafür, wie im Wald vorgegangen wird», sagt wiederum Hugo Wenger, der zehn Jahre Präsident der Burgergemeinde Strättligen war und 2021 zurücktrat. Auch er sagt, er wolle den Wald erhalten – jedoch mit anderen Mitteln.

    Auslöser für Wengers Rücktritt war die Diskussion, wie der Strättligwald bewirtschaftet werden soll. Zur Debatte stand der Forstbetrieb Sigriswil-Reutigen, der unter Wengers Präsidium beauftragt wurde, oder der Bannwart Heinz Kühni, der sich zuvor über Jahre professionell um den Wald gekümmert hatte.

    Kritisiert wurde, dass der Forstbetrieb Sigriswil-Reutigen Kahlschlag verursache und mit den grossen Maschinen Schneisen im Wald hinterlasse. Am Ende setzte sich eine Initiative durch, angeführt vom heutigen Burgerratspräsidenten Lothar Straubhaar. Der Rat verlor die Entscheidungshoheit über die Bewirtschaftung an die Burgerversammlung, und Heinz Kühni erhielt das Amt des Bannwarts zurück.

    Wer herrscht im Strättligwald?

    Seit 2021 herrsche ein anderes Regime im Wald, findet Burger Martin Straubhaar. Um die Sache gehe es nicht mehr, eigentlich gehe es darum, wer die Macht habe im Wald. Er zeigt auf die Rückseite des Steins. «Hier hat jemand ein weinendes Gesicht, das bin ich, und daneben den König des Waldes, ein lachendes Gesicht, hingemalt. So zumindest interpretiere ich das», sagt er. «Der Burgerrat und der Bannwart gehen vor, wie es ihnen gerade gefällt.»

    Grosser Felsen im Strättligwald, bemalt mit fröhlichen und traurigen Gesichtern neben einem Metallzaun.
    Ein lachendes und ein weinendes Gesicht auf dem Stein, der den Weg versperrt.
    Foto: Raphael Moser

    Was sagt das Gesetz?

    Beschäftigte das Treiben rund um den Strättligwald auch schon die Behörden? Simone Tschopp, Regierungsstatthalterin von Thun, schreibt auf Anfrage: «Ein rechtskräftiger Entscheid, den wir Ihnen allenfalls zustellen könnten, liegt in dieser Sache unseres Wissens nicht vor.» Sie macht aber darauf aufmerksam, dass Fragen dieser Art unter die allgemeinen Nutzungsregeln für Waldstrassen fallen.

    Laut dem Amt für Wald und Naturgefahren ist der Schweizer Wald im Grundsatz frei zugänglich. Jedoch: «Dem Waldbesitzenden wird öffentlich-rechtlich nicht vorgeschrieben, wie er seinen Wald zu nutzen hat. Illegale Wege dürfen zurückgebaut werden», schreibt das Amt. Demnach ist es erlaubt, nicht eingezeichnete Wege wie etwa Trampelpfade zu blockieren.

    Aber: Nach dem Waldstrassenplan des Kantons Bern handelt es sich bei dem gesperrten Weg um eine Waldstrasse. Hier ist die Sachlage anders: «Handelt es sich um eine bewilligte Waldstrasse, ist diese für die berechtigten Zwecke offen zu halten», schreibt das Amt. Und zu diesen Zwecken gehört auch die landwirtschaftliche Nutzung.

    Veröffentlicht im Thuner Tagblatt und der Berner Zeitung am 13.11.2025

  • Bienen, Seerosen und Solarpanels: Das unerwartete Biotop über der Fabrik

    Bienen, Seerosen und Solarpanels: Das unerwartete Biotop über der Fabrik

    Flachdächer können Wasser speichern und Lebensräume schaffen. In Uetendorf hat die Firma Contec ihr Dach in einen Garten verwandelt und macht ihn nun der Öffentlichkeit zugänglich.

    In Kürze:

    • Ein neuer Themenweg auf dem Dach der Uetendorfer Firma Contec zeigt Möglichkeiten moderner Dachbegrünung.
    • Begrünte Dächer können die Umgebungstemperatur in Städten um bis zu 2,8 Grad senken.
    • Begrünte Dächer sind im Trend und bieten neuen Lebensraum für Flora und Fauna.
    • Solarpanels lassen sich bei korrekter Installation problemlos mit Dachbegrünungen kombinieren.

    Beton, Stahl, Glas und flimmernde Hitze – ein beliebiges Industriegebiet, wie es auch in Uetendorf eines gibt, an einem drückend heissen Tag. Ein Ort, ganz auf Funktionalität ausgerichtet. Werkhallen und Parkplätze bestimmen das Gelände. Die Strassen strahlen Hitze ab, kein Mensch ist zu sehen. Nur am Glütschbach am Rande der Industrie ist Leben zu finden.

    Das Bächlein umfliesst das Firmengebäude von Contec, und auf dessen Dach hat sich eine eigene grüne Welt entwickelt. Hier arbeitet Simon Schopfer. Der gelernte Landschaftsgärtner ist als Spezialist für Dachbegrünungen tätig. «In der Sonne sind es gefühlt 40 Grad, hier im Schatten 20», sagt er und zeigt auf eine Gruppe Sträucher, die einen schmalen Fussweg beschatten. Dahinter liegt ein Teich mit Schilf und Seerosen, in dessen Mitte ein Pavillon steht. Hier ist die Luft feucht, fast tropisch.

    Simon Schopfer steht mit verschränkten Armen vor einem Fenster, das einen grünen Dachgarten reflektiert. Hintergrund zeigt Bäume und Beton.
    Simon Schopfer arbeitet als Dachbegrünungsspezialist bei der Firma Contec.
    Foto: Beat Mathys

    Diese grüne Idylle ist der Vorzeigegarten der Firma Contec. «Sozusagen unsere Produktpalette», sagt Schopfer. Hier will das Unternehmen zeigen, was auf Dächern möglich ist, und prüft gleichzeitig neue Konzepte im Alltagstest.

    Ab dem 4. September wird der Garten auf dem Dach auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – «als Contec-Themenweg», wie die Firma schreibt. Der Rundgang führt über das begrünte Dach und um das Firmenareal und soll zeigen, wie auf begrenzter Fläche neuer Lebensraum entstehen kann.

    Biotop auf dem Dach der Firma Contec in Uetendorf, mit Themenweg und üppiger Vegetation, unter blauem Himmel.
    Auf einem Fabrikdach ist viel möglich. Hier ein Pavillon mit Teich auf dem Dach der Firma Contec.
    Foto: Beat Mathys

    Flachdächer sollen Wasser speichern

    In erster Linie stellt Contec Abdichtungen für Flachdächer und Teiche her, aus Kautschukbahnen, die in der Werkhalle unterhalb des Dachgartens geplant, zugeschnitten und verschweisst werden. «Kautschuk ist langlebig», sagt Co-CEO Philipp Heiniger. Im Unterschied zu Kunststoffbahnen bleibe Gummi auch nach Jahrzehnten elastisch und sei weniger anfällig auf Witterungseinflüsse.

    Sinnigerweise entwickelt die Firma auch Lösungen für Flachdächer, von der Abdichtung bis zur Unterkonstruktion der Photovoltaikanlagen. Contec vermarktet solche Anlagen unter dem Begriff «Energiegründächer» – also Flachdächer, die gleichzeitig begrünt und mit Solarpanels ausgestattet sind. Die Installation der Solaranlagen übernehmen spezialisierte Partnerfirmen.

    In den dreissig Jahren seit der Firmengründung habe sich das Geschäftsmodell verändert. Nicht zuletzt durch das wachsende Umweltbewusstsein. «Früher wollten alle, dass das Wasser vom Flachdach runterkommt, heute soll es oben bleiben», sagt Heiniger. Gemeint ist die Begrünung anstelle Nackt- oder Kiesdächer.

    Seit einigen Jahren ist daraus ein Trend geworden. Sichtbar etwa bei Techkonzernen wie Google oder Meta, die auf ihren Prestigebauten in London und Kalifornien regelrechte Parks erstellt haben. Auch in der Schweiz gibt es Beispiele im kleineren Massstab – etwa das Einkaufszentrum Sihlcity in Zürich oder das Tramdepot Wiesenplatz in Basel. Jüngst hat auch die Berner VCS-Sektion mit einer begrünten Vision für das Bahnhofareal Aufmerksamkeit erregt.

    Luftaufnahme eines modern gestalteten Stadtviertels mit einem grossen Gebäude im Vordergrund und einem begrünten Bereich mit dem Schriftzug ’Bahnhof Markthalle’ im Hintergrund.
    Die Berner VCS-Sektion und das Zentrum für Nachhaltigkeit Bollwerkstadt haben eine Vision für die künftige Gestaltung des Stadtraums rund um den Berner Bahnhof entwickelt. (Archivfoto)
    Visualisierung: VCS/Reinventing Society/loomn

    «Begrünte Flachdächer eignen sich im kleineren Stil auch für Wohnhäuser», sagt Simon Schopfer. Der Aufwand nach der Installation sei überschaubar: Einmal im Jahr müsse man jäten sowie Anschlüsse und Wasserabläufe kontrollieren.

    Honig vom Flachdach

    Erich Steiner, Geschäftsführer der Schweizerischen Fachvereinigung Gebäudebegrünung, erklärt: «Begrünte Dächer leisten einen wichtigen Beitrag zum Schwammstadtprinzip.» Gemeint ist ein Ansatz, bei dem Regenwasser gespeichert und genutzt wird, anstatt es abzuleiten. Konkret: Die Begrünung wirkt wie ein Schwamm.

    Sie nimmt Regenwasser auf, die Pflanzen verdunsten einen Teil davon und geben die Feuchtigkeit an die Umgebung ab. So kühlt die Luft ab. Zusätzlich wird bei starkem Regen die Kanalisation entlastet. In Zahlen ausgedrückt: «Studien zeigen, dass grossflächige Dachbegrünungen die Umgebungstemperatur in Städten um bis zu 2,8 Grad senken können, im Vergleich mit versiegelten Flächen wie Plätze oder Strassen», sagt Steiner.

    Auf dem Dach in Uetendorf blüht es. «Es sind Blumen, die mit viel Sonne zurechtkommen», sagt Schopfer. Dazwischen setzten sie Sukkulenten, also Pflanzen, die viel Wasser in ihren Blättern speichern. Wie ein leuchtend grün-gelber Teppich bedecken sie das Flachdach, das seinen industriellen Charakter verloren hat. Als Substrat würden auf Flachdächern wie diesem Ziegel- und Lavagranulat verwendet, vermischt mit organischen Materialien wie Kompost oder Humus.

    Tatsächlich finden auch Tiere hier einen Lebensraum: Vier Bienenstöcke stehen auf dem Dach, rund zehn Kilo Honig können die Mitarbeitenden von Contec in diesem Jahr ernten. Der Verband Gebäudebegrünung bestätigt: Gerade in dicht bebauten Gebieten können solche Dächer Lebensraum für Vögel und Insekten schaffen.

    Begrünte Dachfläche mit Solarzellen der Firma Contec in Uetendorf, umgeben von Bäumen unter blauem Himmel.
    Sukkulenten, Pflanzen, die viel Wasser aufnehmen können, bevölkern das Dach.
    Foto: Beat Mathys

    Grüne Flachdächer und grüner Strom

    Das Bild des grünen Paradieses wird jedoch durchbrochen: Lange Reihen von Solarpanels ziehen sich durch die Anlage. Die Firma will damit zeigen, dass Dachbegrünung und Photovoltaikanlagen miteinander bestehen können. Denn trotz des Bedürfnisses nach mehr Grün sei es in den letzten Jahren zu einem Rückwärtstrend gekommen.

    Paradoxerweise auch aus Umweltgründen: Gerade bei Grossprojekten würden anstelle von Dachgärten Solaranlagen installiert oder bestehende Begrünungen zurückgebaut, so der Schweizerische Fachverband für Gebäudebegrünung. Dabei könnten beide durchaus nebeneinander funktionieren.

    Blick auf das Gründach der Firma Contec in Uetendorf mit Solarpaneelen und bepflanzten Bereichen, Teil eines Themenwegs auf der Produktionshalle.
    Solarpanels in verschiedenen Ausführungen zeigen, wie sich Dachbegrünung und Photovoltaikanlagen kombinieren lassen.
    Foto: Beat Mathys

    Es kommt auf die richtige Höhe an: «Mindestens 30 Zentimeter über dem Boden müssen die Solarpanels angebracht werden, nicht tiefer», sagt Christian Hofstetter, der bei Contec als Verkaufsleiter zuständig ist. Stünden die Anlagen zu tief, würden ungewollte Pflanzen unter ihnen wurzeln, hochwachsen und die Anlage verschatten. Bepflanze man mit der richtigen Höhe, entstünden besonnte und beschattete Bereiche, die die Vielfalt an Lebensräumen vergrösserten.

    Dachbiotop der Firma Contec in Uetendorf mit Themenweg, schattenspendender Pergola und Steinbrunnen.
    Die Terrasse auf dem Dach mit Teich und Ofen.
    Foto: Beat Mathys

    Erich Steiner von der Fachvereinigung Gebäudebegrünung weist noch darauf hin, dass sich nicht nur Solarpanels und begrünte Dächer gut kombinieren lassen. Auch die Vertikale bietet noch Spielraum: Bei Fassadenbegrünungen gebe es viel Potenzial, gerade in dicht bebauten Orten.

    Veröffentlicht im Thuner Tagblatt und der Berner Zeitung am 02.09.25

  • «In der Politik ist man nie fertig»

    «In der Politik ist man nie fertig»

    Nach fast 15 Jahren an der Spitze Thuns zieht Raphael Lanz einen Schlussstrich: Er stellt sich nicht mehr zur Wahl als Stapi und hofft auf den Sprung in den Regierungsrat.

    Seine Kandidatur für den Regierungsrat gab Raphael Lanz im Januar bekannt. Nun folgt ein nächster Schritt: Er verzichtet bei den Thuner Wahlen 2026 auf eine erneute Kandidatur als Stadtpräsident – unabhängig davon, ob er im März in den Regierungsrat gewählt wird oder nicht. Im Gespräch erklärt Lanz seinen Entscheid, spricht über seine Zeit als Stadtpräsident und über die Zukunft Thuns nach seinem Rücktritt.

    Herr Lanz, Sie betonen, nicht amtsmüde zu sein, treten aber 2026 nicht mehr zur Wiederwahl an. Warum nicht?

    Raphael Lanz: Für mich ist nach vier Legislaturen die Zeit reif, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ich möchte das tun, solange ich noch Begeisterung habe – und die habe ich. Aber ich will dieses Amt nicht ausüben, wenn das Feuer einmal erlischt. 

    Sie haben Ihren Rücktritt früh bekannt gegeben. Sie hätten auch abwarten können, ob Sie im März in den Regierungsrat gewählt werden.

    Ich habe mich letztes Jahr intensiv damit auseinandergesetzt, im November 2026 nicht mehr zu kandidieren, und kam zur Überzeugung, etwas Neues zu beginnen. Die Chance auf einen Sitz im Regierungsrat kam erst danach. Mir ist es auch wichtig, dass die Bevölkerung und die Politik wissen, dass meine Funktion frei wird. So können sich alle vorbereiten.

    Setzen Sie alles auf eine Karte – entweder in den Regierungsrat oder die Politik verlassen?

    Wie gesagt, ich will ein neues Kapitel aufschlagen. Ideal wäre der Regierungsrat. Aber ich mache meine Entscheidung nicht davon abhängig. Wenn es nicht klappt, mache ich etwas anderes.

    Haben Sie Ideen für den Fall, dass es nicht klappt?

    Nein, es ist noch zu früh. Ich habe viele Interessen. Ich würde sicher etwas Passendes finden.

    Aber in der Politik wären Sie dann nicht mehr?

    Das kann ich nicht sagen. Ich kandidiere jetzt für den Regierungsrat. Alles andere sehe ich danach.

    Ganz ehrlich: Wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie im März gewählt werden?

    Ich bin zuversichtlich. Ich bringe das Profil, die Exekutiverfahrung und die Begeisterungsfähigkeit für unseren Kanton mit. Ich hoffe, dass ich damit überzeugen kann.

    Ein Herz für Thun haben Sie aber immer noch?

    Selbstverständlich. Ich habe viel Herzblut und Leidenschaft in diese Stadt gesteckt. Das gibt man nicht einfach ab. Als Regierungsrat ist man für den ganzen Kanton zuständig. Aber regionale Verankerung und Kenntnis der örtlichen Verhältnisse sind sicher kein Nachteil.

    Der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz sitzt in seinem Büro, lächelnd und in einem blauen Anzug.
    Raphael Lanz, Stadtpräsident von Thun und Kandidat für den Regierungsrat.
    Foto: Patric Spahni

    Sie sind bald 15 Jahre im Amt. Wenn Sie zurückschauen auf 2011 – was konnten Sie bewirken?

    Thun hat sich sehr gut entwickelt und ist heute sehr gut positioniert. Wir haben gerade die Zusage für das Swiss Football Home erhalten – ein symbolträchtiger Entscheid, der unsere gewachsene Ausstrahlung zeigt. Wir haben viele Entwicklungsprojekte umgesetzt, etwa das Schlossberg-Parking, die Ortsplanungsrevision und vieles mehr. Und die Stadt ist Vorreiterin, was die Kommunikation mit der Bevölkerung betrifft.

    Und persönlich – was empfinden Sie als Ihren grössten Erfolg?

    Ich würde es nicht einmal auf ein einzelnes Projekt herunterbrechen. Aber wenn ich mit der Bevölkerung im Austausch bin, spüre ich eine hohe Verbundenheit mit unserer Stadt und der Region. Und ich habe immer gesagt, ich möchte die Leute abholen, mitziehen – das ist ein gutes Zeichen.

    Was würden Sie rückblickend denn anders machen?

    Es klingt vielleicht seltsam, aber ich kann keine grossen politischen Misserfolge nennen. Ich war federführend in vielen grossen und komplexen Dossiers und habe stets darauf geachtet, Lösungen zu finden, die mehrheitsfähig sind. Natürlich muss man führen, aber eine Einzelperson kann nichts erzwingen – in unserem demokratischen System braucht es Mehrheiten. Das ist uns sehr häufig gelungen.

    Also ist Ihnen wirklich nichts misslungen?

    Es gibt sicher Leute, die Dinge als Misserfolg sehen, und selbstverständlich sind nicht alle Probleme gelöst. In der Politik ist man nie fertig. Und man darf nicht unterschätzen: Grosse Projekte haben lange Planungshorizonte. Man kann nicht auf einen Knopf drücken und dann ist es anders. Das dauert manchmal Jahre oder sogar Jahrzehnte, bis ein Entscheid Früchte trägt.

    Politik ist nie fertig – was sind denn die grössten Herausforderungen für Ihre Nachfolgerin oder Ihren Nachfolger?

    Die tiefe Leerwohnungsziffer – wir wollen, dass Familien in Thun bleiben können. Auch die Verkehrsinfrastruktur bleibt wegen unserer geografischen Lage eine Daueraufgabe.

    Sie sprechen auch Wählerinnen und Wähler ausserhalb der SVP an. Wird es für Ihre Partei im November 2026 schwierig, eine Mehrheit zu halten, wenn Sie nicht mehr antreten?

    Das werden die Wahlen zeigen. Die SVP macht in Thun gute, pragmatische Politik. Ich bin zuversichtlich, dass meine Partei weiterhin erfolgreich sein wird.

    Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger?

    Dass das gute politische Klima in Thun erhalten bleibt. Wir sind weniger ideologisch aufgeladen als andere Städte, und für grosse Entscheide braucht es solide Mehrheiten. Ich wünsche mir, dass dieses Klima bleibt, dass man kompromissbereit bleibt. Nur so bewegt man etwas.

    Veröffentlicht im Thuner Tagbaltt und der Berner Zeitung am 27.11.25

  • Eine 130-jährige Pöstlerdynastie endet: Erich Marti geht in den Ruhestand

    Eine 130-jährige Pöstlerdynastie endet: Erich Marti geht in den Ruhestand

    Fast vierzig Jahre lang war Marti Pöstler in Hinterfultigen – zuerst als Posthalter, später als Zusteller. Mit seinem Abschied geht eine Postgeschichte über vier Generationen zu Ende.

    In Kürze:

    • Pöstler Erich Marti beendet nach vier Generationen Familientradition seinen Dienst in Hinterfultigen.
    • Marti übernahm nach dem Tod seines Vaters in den 80er-Jahren die Poststelle mit seiner Frau und modernisierte sie.
    • Die Schliessung der Poststelle 2003 brachte trotz anfänglichem Verlust auch Positives mit sich.
    • Marti kennt die Menschen in Hinterfultigen gut und engagiert sich als Beistand für die Kesb in der Gemeinde Rüeggisberg.

    Die Bise zieht über die Hügel von Hinterfultigen. Geschneit hat es nicht, aber Frost liegt auf den Grashalmen. Strässchen winden sich um die Hügel und an den Bauernhäusern vorbei. Wald prägt das Landschaftsbild. Ab und zu trägt der Wind vielleicht den Dreiklang des Postautos herüber, den man hier wieder hören kann. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen.

    Das ist das Gebiet des Pöstlers Erich Marti. Bald wird es Teil seiner Vergangenheit sein, denn mit dem neuen Jahr geht der 65-Jährige in den Ruhestand. Damit endet eine vier Generationen überspannende Geschichte von Pöstlern in Hinterfultigen.

    Briefträger Erich Marti fotografiert eine ländliche Landschaft in Hinterfultigen am 24. Dezember 2025.
    Der Pöstler Erich Marti macht ein Foto von seinem Gebiet: Die Natur in Hinterfultigen.
    Foto: Raphael Moser

    Erich Martis Gesicht ist gerötet von Wind und Kälte, aber er lacht. Es ist der 24. Dezember. «45 Kilometer habe ich bereits hinter mir», sagt er und öffnet den Kofferraum des gelben VWs mit Allradantrieb und Spikes. Einige Päckchen und Kisten mit Briefen liegen hier, es hätte aber gut noch Platz für mehr. «Es ist 11.20 Uhr. Heute bin ich gut drin», sagt er.

    Die meisten Weihnachtspakete habe er bereits in den Vortagen ausgeliefert, die grossen Päckchenberge kämen dann in der Altjahrswoche – wenn die Leute ihr Weihnachtsgeld ausgäben oder bestellten, was sie nicht geschenkt bekommen hätten.

    248 Haushalte bedient der Pöstler vom Verteilzentrum Riggisberg aus. Er sprüht vor Leben. Er lacht viel, spricht schnell, fährt mit seinem Auto zügig über die schmalen, teils sehr steilen Zufahrten. Er sagt: «Es macht mir immer noch Freude, aber jetzt ist es Zeit, dass etwas anderes kommt.»

    Ein gelbes Schweizer Postauto fährt an einem bewaldeten Berghang in Hinterfultigen entlang. Im Hintergrund ist ein traditionelles Holzhaus zu sehen.
    Erich Marti fährt mit seinem Postfahrzeug zügig durch Hinterfultigen – teilweise auch über recht steile Strecken.
    Foto: Raphael Moser

    Die Poststelle im eigenen Haus

    In einer kleinen Stube über dem ehemaligen Postbüro Hinterfultigen breitet Marti Fotos aus. Die Stube liegt in dem Haus, in dem er aufgewachsen ist und in dem schon sein Grossvater in den 1920er-Jahren die Post betrieb. Die Bilder zeigen Ausschnitte aus seinem Leben, etwa seine Frau Monika Marti-Zeller vor der renovierten Poststelle. Kennen gelernt hat er sie in einem Skilager der Post in Arosa. Ihretwegen zog es ihn für sieben Jahre nach St. Gallen. «Die Leute im Dorf sagten: Der kommt nicht wieder», erzählt Marti.

    Erich Marti, ein Briefträger in Hinterfultigen, am 24.12.2025, bei verschiedenen Postaktivitäten, inklusive Auto und Postfächer.
    Erich Marti zeigt Fotos aus seiner Karriere bei der Post. Oben links ist er zusammen mit seiner Frau Monika Marti-Zeller zu sehen. Mit ihr zusammen betrieb er die Poststelle Hinterfultigen.
    Foto: Raphael Moser

    Doch er kam wieder. 1988 starb Erich Martis Vater mit nur 58 Jahren. Darauf meldete sich die Kreispostdirektion Bern. «Sie sagten: Wenn du die Poststelle übernimmst, dann schauen wir, dass du und deine Familie davon leben können.» Also zog er zusammen mit seiner Frau zurück nach Hinterfultigen.

    Marti modernisierte die Poststelle auf eigene Rechnung. Die Liegenschaft gehört der Familie, die Post war eingemietet, wie es auf dem Land oft der Fall war. Schalter und Büro wurden erneuert, Sicherheitsvorschriften umgesetzt. «Früher konnte man einfach durch die Stube ins Büro hinein», erzählt er. Seine Frau arbeitete in der Poststelle mit. Und der Feierabend war selten klar definiert. «Wer spät noch etwas brauchte, kam vorbei oder rief an», erzählt Marti. Während dieser Jahre wuchs auch die Familie. Drei Kinder kamen zur Welt.

    Erich Marti, Posthalter in Hinterfultigen, hält zwei Bündel Post vor seinem Schreibtisch in einem Büro.
    Erich Marti in seiner Poststelle in Hinterfultigen im Jahr 2001.
    Foto: Thomas Wüthrich

    Schliessung der Poststelle

    2003 kam der Einschnitt. Die Poststelle in Hinterfultigen wurde geschlossen. Die Gründe lagen im Umbau des Postnetzes: Kleine, selbstständige Poststellen auf dem Land galten nicht mehr als zeitgemäss. Aus dem Posthalter Marti wurde ein Zusteller im neuen System der Post. Zunächst arbeitete er von der Poststelle Rüeggisberg aus. Nach deren Schliessung wurde die Zustellung in Riggisberg konzentriert; von dort aus bediente Marti fortan die Haushalte in Fultigen und Rüeggisberg.

    Briefträger Erich Marti liest am 24. Dezember 2025 in Hinterfultigen neben einem Briefkasten eine Zeitung.
    Seit die Poststelle Hinterfultigen geschlossen wurde, arbeitet Erich Marti als Zusteller.
    Foto: Raphael Moser

    «Zuerst litt ich unter dem Wechsel», sagt Marti rückblickend. Die Poststelle war lange Teil des Familienlebens gewesen. Doch: «Im Nachhinein erkenne ich, dass der Wechsel auch Vorteile hatte.» Der Arbeitsalltag wurde klarer strukturiert, planbarer.

    Vor allem für die Familie sei die Schliessung ein Gewinn gewesen. «Früher drehte sich bei uns alles um unsere Poststelle, sogar am Esstisch am Abend war sie Thema. Es fehlte die Abwechslung, etwas von aussen», sagt Marti. Die Post blieb jedoch zentral für die Familie: Seine Frau arbeitete fortan am Postschalter in Schwarzenburg.

    Die Pöstlerfamilie Marti in Hinterfultigen

    «Zuerst litt ich unter dem Wechsel», sagt Marti rückblickend. Die Poststelle war lange Teil des Familienlebens gewesen. Doch: «Im Nachhinein erkenne ich, dass der Wechsel auch Vorteile hatte.» Der Arbeitsalltag wurde klarer strukturiert, planbarer.

    Vor allem für die Familie sei die Schliessung ein Gewinn gewesen. «Früher drehte sich bei uns alles um unsere Poststelle, sogar am Esstisch am Abend war sie Thema. Es fehlte die Abwechslung, etwas von aussen», sagt Marti. Die Post blieb jedoch zentral für die Familie: Seine Frau arbeitete fortan am Postschalter in Schwarzenburg.

    Die Pöstlerfamilie Marti in Hinterfultigen

    Die Geschichte der Familie Marti im Postdienst beginnt 1891. Damals wurde Rudolf Marti offizieller Pöstler von Hinterfultigen. Zuvor hatte er sich bereits um die Post der Gegend gekümmert: Als Dachdecker und Bauer kannte er die Region gut, um Eier zu verkaufen, ging er einmal pro Woche zu Fuss nach Bern und brachte von dort jeweils auch die Post für die Höfe rund um Hinterfultigen mit.

    Mit der Ernennung durch die Oberpostdirektion in Bern erhielt er eine offizielle Urkunde und einen Jahreslohn von 600 Franken. Ab dann legte er täglich zwischen 24 und 30 Kilometer zurück, zu Fuss, auch bei Sturm und Schneefall.

    Historische Ernennungsurkunde aus dem Jahr 1891 für Rudolf Marti als Posthalter in Hinterfultigen, ausgestellt von der schweizerischen Ober-Postdirection.
    Rudolf Marti erhielt 1891 diese Urkunde von der Oberpostdirektion, die ihn zum Pöstler machte. Damit beginnt die Pöstlerdynastie Marti in Hinterfultigen.
    Foto: PD

    Auch sein Sohn Fritz ging zu Fuss. In seiner Zeit richtete er im Familienhaus die Poststelle ein. «Alle im Dorf kannten den Pöstler», sagt Erich Marti. «Von November bis Februar gab es oft dreimal pro Woche Blut- und Leberwürste.» Es waren kleine Gaben während der Metzgete – ein Dank der Bauern.

    Historische Aufnahme einer Postkutsche vor der Post in Hinterfultigen, betreut von der Familie Marti seit 125 Jahren. Zwei Männer im Gespräch, einer überreicht dem anderen Post.
    Fritz Marti (links) in den 1940er-Jahren vor seiner Poststelle in Hinterfultigen.
    Foto: PD

    Erich Martis Vater führte die Poststelle weiter. «Als mein Vater die ganze Zustellung noch zu Fuss machte, hatte er immer seinen Hund dabei, auch im Büro», erzählt Marti. Sicherheitssysteme im heutigen Sinn gab es nicht. 1985 bekam er einen Motorroller. Er war auch abends erreichbar. «Ein Posthalter ist kein Angestellter mit fixen Arbeitszeiten», sagt Marti. «Er ist eher wie ein Dorfarzt.»

    Briefträger Erich Marti in Winterlandschaft neben hoher Schneewand mit Hund, Hinterfultigen, 24.12.2025. Häuser im Hintergrund.
    Erich Marti zeigt ein Bild seines Vaters Fritz Marti: Er trug die Post stets in Begleitung seines Hundes aus – bis er 1985 einen Motorroller bekam.
    Foto: Raphael Moser

    Das Ende der Pöstlerdynastie

    Von seinen drei erwachsenen Kindern wollte keines den Pöstlerberuf übernehmen. Auf die Frage, wie es für ihn ist, der Letzte der Pöstlerdynastie zu sein, sagt er: «Es freut mich, dass meine Kinder ihren eigenen Weg gehen und das machen, was ihnen gefällt.» Trotzdem bleibt auch die nächste Generation Hinterfultigen treu: Seit kurzem lebt sein Sohn in der Wohnung neben der ehemaligen Poststelle.

    Marti hat keine Angst, dass er nach der Pensionierung nichts zu tun hat. Denn neben der Post verbindet ihn mit seinen Vorfahren noch etwas anderes: Sie kümmerten sich um die Menschen im Dorf. Erich Marti arbeitet nebenbei als Beistand für die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), betreut Menschen aus der Region. «Es ist gut, wenn man die Menschen im Dorf kennt, als Pöstler und auch, wenn man helfen will», sagt er.

    Veröffentlicht in der Berner Zeitung am 31.12.25

  • «Die Kander ist ein unberechenbarer Dämon»

    «Die Kander ist ein unberechenbarer Dämon»

    Nach heftigen Gewittern am Samstag zeigte sich die Kander von ihrer bedrohlichen Seite: Innert Minuten schwoll der Fluss an und richtete im Gasterntal erhebliche Schäden an.

    Die heftigen Gewitter vom vergangenen Samstag haben auch im Gasterntal Spuren hinterlassen. Innert kürzester Zeit schwoll die Kander stark an und riss grosse Mengen Geröll mit sich. «Ein dramatisches Ereignis», sagt Hansueli Rauber, Präsident der Bäuert Gastern, die für den Unterhalt im Tal zuständig ist.

    Die Berge seien durch die lang anhaltende Hitze aufgeheizt gewesen, dann habe mit dem Unwetter plötzlich Kälte eingesetzt – «eine explosive Mischung», sagt er. Hagelkörner von bis zu zwei Zentimetern prasselten nieder, der Wasserpegel stieg im Minutentempo. «Wenn man im Tal ist, ist das wie ein Weltuntergang.»

    Folgen von Hitze und Schmelze

    Der Fluss habe stellenweise seinen Lauf verändert. Strassenabschnitte seien beschädigt, bei einer Brücke sei das Fundament unterspült worden, zeitweise sei die Stromversorgung ausgefallen, berichtet Rauber. Derzeit würden Bauern und Helfer Schäden beheben – die Wanderwege seien wieder begehbar. Doch viel Land und Wald gingen verloren.

    Sonnenbeschienene Berglandschaft mit einem reissenden Fluss, einer kleinen Holzhütte am Ufer und einem Hängebrücke im Hintergrund.
    Die Kander riss viel Geröll mit sich. Die Wanderwege wurden behelfsmässig instand gesetzt.
    Foto: PD

    Als Ursache nennt Rauber den schmelzenden Permafrost und den zurückweichenden Gletscher, die instabile Schuttfelder freilegten. Bei Starkregen oder Hagel weichten diese auf und stürzten in die Kander.

    Weil das Gasterntal aber ein geschütztes Auengebiet ist, sind Eingriffe am Bachbett nur beschränkt möglich. Für Rauber bleibt deshalb nur, mit den Naturgewalten zu leben. «Wir arbeiten mit der Natur und lassen den Gewässern möglichst viel Raum», sagt er.

    Auch Betriebe im Tal betroffen

    Das Berghotel Steinbock liegt mitten im Gasterntal in der Nähe des Bachbetts der Kander – auch hier hinterliess das Hochwasser Spuren. Im kleinen Wasserkraftwerk, das das Hotel mit Strom versorgt, drang Wasser in den Generator ein. Die Versorgung sei zeitweise zusammengebrochen, berichtet Carolyn Künzi, die den Betrieb führt. Zwar läuft die Anlage wieder, doch die Unsicherheit bleibt. «Man weiss nie, wie es am nächsten Tag aussieht. Das ist belastend.»

    Bergfluss mit klarem Wasser fliesst durch eine felsige Landschaft, umgeben von Bäumen und hohen Bergen im Hintergrund.
    Die Kander trat über ihr Bachbett und hinterliess Schäden an Wald und Land.
    Foto: Barbara Donski

    Sie kennt die Naturgewalten seit Jahren. Doch in den letzten Sommern habe die Intensität zugenommen. Gewitter seien weniger gewöhnliche Sommergewitter, sondern häufiger extreme Ereignisse. Und im Auenschutzgebiet darf die Kander ihren Lauf weitgehend selber suchen. Das Bachbett liege vielerorts hoch im Gelände, und wenn grosse Wassermengen kämen, könne der Fluss in alle Richtungen ausscheren. «Die Kander ist ein unberechenbarer Dämon», sagt Künzi. «Wir fühlen uns zwar von der Gemeinde und der Bäuert Gastern unterstützt, aber im Moment hat die Natur die Oberhand.»

    Trotz dieser Sorgen bleibt Faszination. «Das Gasterntal ist wunderschön, gerade weil es so wild ist», sagt Künzi. Diese Ambivalenz präge das Leben im Tal.

    Veröffentlicht im Thuner Tagblatt und der Berner Zeitung am 28.08.2025

  • Trachselwalds Kinder sammeln für ein Leben ohne Minen

    Trachselwalds Kinder sammeln für ein Leben ohne Minen

    Während der Krieg in der Ukraine täglich schreckliche Nachrichten bringt, will man in Trachselwald nicht nur betroffen sein: Die Schule sammelt für eine Maschine, die Leben retten kann.

    In Kürze:

    • Die Schule Heimisbach in Trachselwald sammelt Spendengelder für einen Minenräumer in der Ukraine.
    • Schülerinnen und Schüler sollen lernen, schlechte Nachrichten nicht passiv zu ertragen, sondern ins Handeln zu kommen.
    • Die Stiftung Digger in Tavannes produziert die zwölf Tonnen schwere Maschine.
    • Die Stiftung ist politisch neutral und verfolgt humanitäre Absichten.

    Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Landminen wie in der Ukraine: Viermal die Fläche der Schweiz, rund 174’000 Quadratkilometer, sind nach Schätzungen der Analyseplattform ACAPS vermint. Besonders tückisch sind die kaum sichtbaren Sprengkörper für spielende Kinder und Bauern, die das Land bestellen.

    Fakten und Nachrichten wie diese aus dem kriegsversehrten Land bewegen auch in der Schweiz. Und lösen konkret in der Gemeinde Trachselwald mit ihren 912 Einwohnerinnen und Einwohnern und rund 80 Schulkindern etwas aus.

    «Niemand ist zu gering, um etwas zu bewegen», sagt Martin Hunziker, Gemeinderat von Trachselwald, und lässt Taten folgen: Die Schule Heimisbach sammelt Geld für einen Minenräumer. Hergestellt wird er von der Stiftung Digger in Tavannes. Er soll bald dafür sorgen, dass im verminten Grenzgebiet in der Ukraine weniger Menschen verletzt oder getötet werden.

    Trachselwald will handeln statt bloss aushalten

    Für die kleine Schule ist es natürlich nicht möglich, den Betrag für den Minenräumer alleine aufzubringen: Rund eine Million kostet das Gerät, inklusive Transport und Ausbildung des Personals in der Ukraine. Aber die Schule will einen Beitrag leisten, «ein Puzzleteil», sagt Hunziker. Denn es fördere die Resilienz, die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen umzugehen, wenn man auch bei schlechten Nachrichten aktiv werde.

    Andrea Schüpbach, Martin Hunziker und Viktoria Murgovska posieren vor der Schule Trachselwald.
    Haben die Sammelaktion in Trachselwald lanciert: Andrea Schüpbach, Mitglied der Bildungskommission, Gemeinderat Martin Hunziker und Schulleiterin Viktoria Murgovska vor der Schule Heimisbach (von links).
    Foto: Raphael Moser

    «Für uns als Schule ist es wichtig, dass die Kinder nicht nur fachliche Kompetenzen erwerben, sondern sich auch emotional entwickeln», sagt auch Viktoria Murgovska, die Schulleiterin der Schule Heimisbach. «Sie lernen Mitgefühl, indem sie zum Beispiel sehen, dass es auch Kinder gibt, denen es nicht so gut geht.»

    «Die Lehrpersonen machen sich viele Gedanken, wie sie dieses schwierige Thema aufgreifen können. Gerade bei jüngeren Kindern ist ein sensibler Umgang nötig», erklärt Murgovska. Ein Strassenkonzert in Sumiswald und ein Spiel der Kindergartenkinder am Schulschlussfest sind zwei der Projekte, mit denen die Kinder in den kommenden Monaten auf die Sammelaktion aufmerksam machen. Viele Aktionen seien aber noch am Entstehen.

    Ein Minenräumer aus Tavannes

    Inspirieren liess sich die Schule dabei von einem ähnlichen Projekt, das Schulen in der Westschweiz zusammen mit der Stiftung Digger lanciert haben. Digger ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz im bernjurassischen Tavannes und in Genf, die sich seit 1998 gegen Antipersonenminen einsetzt. Die von der Stiftung hergestellten Minenräummaschinen werden unter anderem in Afrika und auf dem Balkan eingesetzt.

    Ein Minenräumfahrzeug der Stiftung Digger in einem Hof. Die Schule Trachselwald sammelt Geld für dieses Modell für die Ukraine.
    Ein solcher Minenräumer soll dank der Schule Heimisbach in der Ukraine zum Einsatz kommen.
    Foto: Enrique Muñoz García

    Frédéric Guerne, Gründer und Direktor der Stiftung, erklärt, wie der Minenräumer funktioniert: Die Maschine wiegt 12 Tonnen, also etwa so viel wie sechs Personenwagen, und hat einen 250 PS starken Motor. Er wurde entwickelt, um Minen mit einem speziellen Werkzeug, einer sogenannten Minenfräse, zu zerstören. Damit bei der Zerstörung der Minen niemand zu Schaden kommt, wird die Maschine ferngesteuert.

    Wichtig sei der Einsatz des Minenräumers nicht nur, um Menschenleben vor Ort zu schützen, sondern auch für die weltweite Ernährungssituation: «Die Ukraine ist die Kornkammer Europas und viele nordafrikanische Länder sind auf Getreideexporte aus der Ukraine angewiesen», sagt Guerne. Daher sei es vorrangig, die riesigen landwirtschaftlichen Flächen, die derzeit nicht nutzbar sind, von Minen zu befreien.

    Nahaufnahme eines Steuerungsgeräts für einen Minenräumer der Stiftung Digger, mit gelbem Gehäuse und verschiedenen Knöpfen und Hebeln.
    Damit beim Einsatz des Minenräumers keine Personen gefährdet werden, wird er aus der Distanz ferngesteuert.
    Foto: Enrique Muñoz García

    Die vom Kanton Bern als gemeinnützig anerkannte Stiftung Digger ist unpolitisch. Auf die Frage, ob es für Digger ein Problem wäre, wenn der Minenräumer während des Krieges in russische Hände fallen würde, antwortet Guerne: «Wir müssen uns an die Gesetze halten, die die Exporte unseres Landes regeln, wollen aber darüber hinaus keine politische Partei ergreifen.» Und er fügt hinzu: «Jede zerstörte Mine ist potenziell ein gerettetes Leben, und es liegt nicht in unserer Verantwortung, den Wert eines Lebens auf Kosten eines anderen zu bewerten.»

    Rund hundert Minenräumer verschiedener Hersteller seien derzeit in der Ukraine im Einsatz. «Laut dem ukrainischen Ministerpräsidenten Denys Schmyhal benötigt die Ukraine mindestens noch weitere hundert Minenräumer von der internationalen Gemeinschaft», sagt Guerne.

    Den Zusammenhalt in Trachselwald stärken

    «Manchmal kommen wir uns als abgelegene Gemeinde schon vor wie das kleine Dorf der Gallier bei Asterix und Obelix», sagt der Gemeinderat Martin Hunziker. Umso wichtiger sei der Zusammenhalt in der Gemeinde: «Wir wollen uns mit dem humanitären Engagement für den Minenräumer auch eine Vision für das ganze Dorf geben. Alle sind eingeladen, sich an diesem Projekt zu beteiligen.»

    Das Projekt habe aber auch zu Diskussionen im Dorf geführt, sagt Hunziker. Es habe Befürchtungen gegeben, dass die Aktion als politisch motiviert aufgefasst werden könnte. «Das ist definitiv nicht der Fall. Wir wollen einen Beitrag leisten, der den Menschen in der Ukraine Zuversicht gibt.»

    Aus diesem Grund hat sich das Organisationskomitee des Treichler- und Viehzuchtfestes bereit erklärt, der Sammelaktion einen Platz einzuräumen: Zwischen den traditionellen Festaktivitäten wird am 27. September auf dem Festgelände in Heimisbach ein Minenräumer zur Besichtigung ausgestellt sein.