Autor: ramoncunz

  • «Warum sollte ich mich als Tibeter verstecken?»

    «Warum sollte ich mich als Tibeter verstecken?»

    Der Tibeter Loten Namling kämpft in der Schweiz seit Jahrzehnten für die Freiheit Tibets – ein Kampf, der angesichts der Übermacht Chinas aussichtslos scheint. Warum führt ihn Namling trotzdem?

    «Viele Leute machen aus Kämpfern Helden, das ist falsch», sagt Loten Namling. Er sitzt im Ledermantel auf der Bundesterrasse in Bern, den Körper leicht vornübergebeugt. «Ein Kämpfer ist jemand, der nicht anders kann, der für die Wahrheit keine Kompromisse eingeht.»

    Namling packt eine Bambusflöte aus. Sein weisses Haar glänzt im Licht. In der Ferne erhebt sich in der Wintersonne das Alpenpanorama. Und dann erklingen Flötentöne. Zuerst schwingen sie nicht richtig. Er trifft sie nur halb. Dann aber werden sie kräftig. Es ist ein Lied aus dem Himalaya, aus Tibet – aus dem Land, aus dem Namlings Eltern einst vor der chinesischen Volksbefreiungsarmee geflüchtet sind.

    Namling schiebt die Flöte wieder in ihre Hülle. «Das ist ein Lied zum 90. Geburtstag des Dalai Lama», sagt er. Es gibt ihm Hoffnung. «Wir Exiltibeter gehören zu den Kindern des Dalai Lama. Und er hat gesagt, dass er als freier Mensch, in einem freien Land wiedergeboren wird.» Als geistliches Oberhaupt ist der Dalai Lama für die Tibeterinnen und Tibeter, die seit der chinesischen Besetzung Tibets 1950 in alle Welt verstreut leben, zur gemeinsamen Symbolfigur geworden.

    Tibet bleibt im Dunkeln

    Die leise Melodie steht im Kontrast zum Lichtspektakel «Rendez-vous Bundesplatz», das jedes Jahr zum Wintereinbruch nur ein paar Schritte entfernt die Front des Bundeshauses zur Leinwand macht. Riesige knallbunte Visualisierungen sollen das Publikum im grauen November jeweils in andere Welten entführen. Unter dem Titel Voyage ging es diesmal einmal um die Welt: vom Matterhorn zu ägyptischen Katakomben, von thailändischen Tempelanlagen bis zur Freiheitsstatue.

    Besucherinnen und Besucher verfolgen die diesjährige Ausgabe des Licht- und Tonspektakels Rendez-vous Bundesplatz unter dem Motto «Voyage».
    Foto: Beat Mathys

    Auch Tibet hätte Teil dieser Reise sein sollen. So war es geplant. Vielleicht mit schneebedeckten Achttausendern oder einem Tempel und flatternden Gebetsfahnen. Doch noch vor der ersten Aufführung wurde das Land aus der Reise gestrichen. Tibet blieb im Dunkeln. Und wurde gerade deshalb zum politischen Thema; die Streichung ging durch die Schweizer Medien.

    Eingegriffen hat die Verwaltungsdelegation des Parlaments. In ihrem Namen schreiben die Parlamentsdienste, politische Themen hätten bei der Show keinen Platz. Weiter äussern sie sich nicht. So bleiben die Vorwürfe, die Schweiz wolle China nicht verärgern und die tibetische Identität werde durch die Streichung unsichtbar gemacht, unbeantwortet im Raum stehen.

    Tibet ist ein politisches Thema, weil es seit über siebzig Jahren unter der Kontrolle der Volksrepublik China steht. Als eigenständiger Staat wird Tibet international von keinem Land anerkannt, ungeachtet seiner eigenständigen Kultur. Kritikerinnen – darunter Menschenrechtsorganisationen und internationale Beobachter – dokumentieren seit Jahrzehnten drastische Einschränkungen von Grundrechten, Überwachung, willkürliche Inhaftierungen sowie Eingriffe in Sprache, Religion und kulturelle Praxis durch China.

    China demonstriert seine Macht über Tibet vor dem Potala-Palast, dem einstigen Regierungssitz Tibets, während einer Flaggenzeremonie am 28. März 2025.
    Foto: Getty Images

    Loten Namling lässt die Schultern sinken. Dass die Schweizer Behörden beim Thema Tibet empfindlich reagieren, ist er gewohnt. Der 62-Jährige engagiert sich schon seit seiner Jugend für die Freiheit Tibets. Als professioneller Musiker und politischer Aktivist, mit Konzerten, an Demos und Kundgebungen. «Ich will Wahrheit», sagt Namling. «Die Menschen müssen verstehen, dass Tibet kein spiritueller Freizeitpark ist. Tibet ist ein zerstörtes Land. Ein besetztes Land. Mit echten Menschen. Mit echten Toten.»

    «Warum haben sie sich verbrannt?»

    Später, im Berner Kulturlokal Turnhalle, wählt Namling einen Tisch am Rand. Mit seinem offenen Mantel, den langen Haaren und dem wachen Blick gibt er eine wahrlich königliche Erscheinung ab. Umgehängt hat er sich Ketten und sakralen Schmuck: eine buddhistische Gebetskette und ein silbernes Röhrchen mit einem Mantra darin, das ihn beschützen soll. Neben ihm liegen die Flöte und die Laute, sein Hauptinstrument.

    Loten Namling erzählt, warum er trotz Chinas Übermacht für die Freiheit Tibets kämpft.
    Foto: Ramon Cunz

    Namling beobachtet die Leute, nimmt Kontakt auf, sobald sich ein Anlass ergibt. «Keine Angst, das sind Fotos – für die Zeitung», sagt er zum Beispiel zu zwei Studenten, die ihn schüchtern ansehen. Er lacht freundlich.

    Jetzt erzählt er von seinem Kampf. Als sich 2012 in Tibet 42 seiner Landsleute aus Protest gegen Verfolgung und Folter selbst verbrannten, spannte er sich vor einen Sarg und zog ihn in der Sommerhitze zu Fuss von Bern nach Genf. Auf dem schwarzen Sarg stand in weisser Schrift Tibet. Alle 42 Minuten warf er sich mit ganzem Körper zu Boden und machte sogenannte Niederwerfungen – eine Praxis, die im tibetischen Buddhismus für Hingabe und Reinigung steht. Zwei Monate war er unterwegs. Das Schweizer Fernsehen begleitete ihn ein Stück weit.

    Seine Wut kann Namling zähmen. Mit ruhiger Stimme fragt er: «Warum haben sie sich verbrannt?» – und gibt die Antwort selbst: «Sie wollten nicht jemanden anderen töten. Es war eine reine Gewissensentscheidung. Das ist die radikalste Form von Gewaltlosigkeit.» Gewaltlosigkeit – ein Prinzip, das im Buddhismus tief verankert ist und davon ausgeht, dass jedes zugefügte Leid weiteres Leid nach sich zieht und so ein nie endender Kreislauf aus Gewalt und Leiden entsteht.

    Im Bühnenbereich des Lokals werden die Boxen für ein Jazzkonzert ausgerichtet. Als Musiker, der solche Auftritte gewohnt ist, schaut Namling neugierig hin. Seine Kleider, sein Schmuck, die Instrumente – es mag wirken, als spiele er mit kulturellen Klischees. Vielleicht als eine Art Ureinwohner aus Asien im aufgeräumten Bern? «Er ist ein tibetischer Patriot», sagt ein Bekannter, der einige Tische weiter vorne sitzt. Namling selbst sagt laut: «Warum sollte ich mich als Tibeter verstecken?»

    Loten Namling spielt ein Lied für den Dalai Lama. Obwohl er gut Deutsch spricht,
    sagt er seine Lieder gerne auf Englisch an.
    Video: Ramon Cunz

    Schweizer Diplomatie mit China

    Im Versteck fühlte er sich schon einmal. 2009, als der damalige chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao nach Bern reiste, um die Grundlagen für das heutige Freihandelsabkommen der Schweiz mit China zu legen. Polizei und Militär errichteten etwas, das sie einen Sichtschutz nannten. Sie reihten Kastenwagen aneinander, um das Bundeshaus gegen ein Häufchen von rund vierzig demonstrierenden Tibeterinnen und Tibetern abzuschirmen. Namling war unter ihnen, in der Hand hielt er eine Tibet-Fahne.

    2009 errichtet die Polizei mit Kastenwagen eine Abschirmung um das Bundeshaus, um Demonstrierende vom Blickfeld einer chinesischen Delegation fernzuhalten.
    Foto: Beat Schweizer

    Die Kundgebung verlief friedlich, doch die chinesische Delegation sollte keine Tibet-Flaggen zu sehen bekommen. Einen diplomatischen Eklat, wie zehn Jahre davor, wollten die Behörden nicht riskieren. Damals reagierten die chinesischen Gäste auf flaggenschwenkende Tibeterinnen und Tibeter pikiert. Die Schweiz habe «einen guten Freund verloren», sagte der chinesische Präsident sogar. Handfeste Konsequenzen Chinas blieben aber aus.

    Während des chinesischen Besuchs 2009 machte die Presse Fotos von Loten Namling. Sie zeigen den kräftigen Mann, halb im Fallen, gepackt von drei Polizisten, in einer Hand die tibetische Flagge. Auf eine entsprechende Frage beugt er sich über den Tisch. «Ich hätte eine Waffe nehmen können. Ich hätte mich wie ein Kamikaze in die Luft sprengen können. Das könnte jeder. Aber ich glaube an die Gewaltlosigkeit.»

    Beim Staatsbesuch des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao im Jahr 2009 wurde Loten Namling von der Polizei abgeführt, weil er für ein freies Tibet demonstrierte.
    Foto: Beat Schweizer

    Einschüchterungen in der Schweiz

    «Die Schweiz ist sehr vorsichtig mit China», sagt Arya Amipa. Der 31-Jährige Jurist ist Co-Präsident des Vereins Tibeter Jugend in Europa, in der Schweiz geboren und gut vernetzt in der Exilgemeinschaft. Diese ist hier vergleichsweise gross; neben Indien gehörte die Schweiz ab 1961 zu den ersten Ländern, die tibetische Flüchtlinge aufnahmen. Sie galten als gut integrierbar, und Arbeitskräfte wurden gebraucht.

    «China ist einer der grössten Handelspartner der Schweiz, und sobald es um Tibet geht, wird es heikel.» Der Entscheid, das Tibet-Motiv aus der Lichtshow am Bundeshaus zu entfernen, sei dafür nur ein Beispiel. Dass Demonstrationen vom Bundeshaus wegverlegt oder an der Uni Bern die Sprachkurse in Tibetisch gestrichen worden sind, deutet für ihn ebenfalls in diese Richtung – all das führe dazu, dass Tibet aus dem öffentlichen Raum zunehmend verschwinde.

    Arya Amipa, Co-Präsident der Tibeter Jugend Europa, engagiert sich für die Rechte der Tibeterinnen und Tibeter in der Schweiz und weltweit.
    Foto: Ramon Cunz

    Diese Haltung des Bundes sei für viele Tibeterinnen und Tibeter ein Zeichen, dass ihre Anliegen politisch unerwünscht seien. Im Gegensatz dazu sei der Druck der chinesischen Behörden auf Aktivistinnen und Aktivisten bei weitem nicht nur symbolisch, sondern konkret spürbar.

    Dies sei schwierig zu beweisen, räumt Amipa ein. Aber die Muster wiederholten sich. Telefonanrufe von unbekannten Nummern, oft mit automatisierten Stimmen. Worum es gehe, sei nicht immer klar. «Vermutlich wollen sie einfach zeigen, dass sie mithören, und Angst verbreiten.»

    Bei Demonstrationen würden sie eingeschüchtert. «Mittlerweile versuchen sie es erst gar nicht mehr auf die heimliche Art», sagt Amipa. «Sie nutzen zum Fotografieren Kameras mit extra langen Objektiven, damit wir merken: Wir werden beobachtet.»

    Die Folgen träfen oft nicht die Tibeter und Tibeterinnen in der Schweiz, sondern die Verwandten zu Hause. «Dann heisst es: Wir haben Besuch von Beamten bekommen, hör auf aktiv zu sein, sonst bekommen wir Probleme.» In manchen Fällen breche der Kontakt dann auch ab, aus Angst.

    In Tibet selbst hätten die chinesischen Behörden flächendeckend Zwangsinternate für tibetische Kinder zwischen 4 und 18 Jahren eingeführt, so Amipa. «Sie werden von ihren Familien getrennt und zu Chinesinnen und Chinesen umerzogen.»

    Ähnlich in der Religion. «Den tibetischen Buddhismus kann man nicht frei ausüben.» Klöster stünden unter staatlicher Aufsicht, und bei zentralen religiösen Anliegen, etwa der Anerkennung von Reinkarnationen, mische sich die chinesische Regierung ein. «Es geht nicht um Religion», sagt Amipa. «Es geht um Macht.»

    Vor diesem Hintergrund stelle sich für ihn die Frage: Wie kann seine Kultur ausserhalb Tibets überleben?

    Der Bund spricht von Repressionen

    Mit diesen Fragen beschäftigt sich mittlerweile auch der Bund. In einem 2025 veröffentlichten Bericht kommt er zum Schluss, dass Tibeterinnen und Tibeter in der Schweiz «transnationaler Repression» ausgesetzt sind. Gemeint ist Druck aus dem Ausland, der oft schwer greifbar ist.

    Auf Nachfrage bestätigt das Staatssekretariat für Migration (SEM) die Aussagen im Bericht. Die Betroffenen würden «von Akteuren der Volksrepublik China mutmasslich unter Druck gesetzt und zum Teil in der Ausübung ihrer Grundrechte behindert.» Ziel solcher Einflussnahme sei es, «Dissens, Aktivismus und Opposition» zu unterdrücken, indem «ein Klima der Angst über die eigenen Staatsgrenzen hinaus» entstehe.

    Konkrete Schutzmassnahmen sind daraus bislang nicht abgeleitet. Das SEM erklärt, der Bund prüfe «Sensibilisierungs- und Schulungsmassnahmen». Die Arbeiten dazu befänden sich jedoch erst in Vorbereitung und begännen im ersten Halbjahr 2026. Anerkannt ist das Phänomen also, benannt auch. Was daraus folgt, ist offen.

    Das Leid der Eltern

    Das Land, für dessen Freiheit er schon fast sein ganzes Leben lang kämpft, hat Loten Namling nie gesehen. Einreisen kann er, wie viele Exiltibeterinnen und -tibeter, nicht. Er kennt das Land aber aus den Erzählungen seiner Eltern, die damals, vor über 70 Jahren, zusammen mit schätzungsweise rund 80’000 Menschen nach Nordindien geflohen sind, viele von ihnen nach Dharamsala – dem Ort, an dem der Dalai Lama lebt und der zum Zentrum der tibetischen Exilgemeinschaft wurde.

    Glück und Trauer stehen nebeneinander, wenn Loten Namling von seinen Eltern erzählt. Arm sei die Familie gewesen, in Dharamsala in den 1960er Jahren. Aber nie allein. «Wir waren Hunderte von Kindern. In den Betten schliefen wir übereinander. Wir hatten nur einen einzigen Fussball auf dem Pausenhof», er lacht. «Wenn du den einmal hattest, warst du König.»

    Und doch spürte er schon als Kind, dass etwas nicht stimmt. Sanft fährt er mit seiner Handfläche über den rauen Tisch im Berner Lokal. «Meine Eltern, alle aus ihrer Generation, sie haben immer geweint, wenn sie uns Geschichten von Tibet erzählten.» Sein Vater berichtete von den Tieren dort. «Die wunderschönen Antilopen. Da waren Tausende, Tausende von freien Antilopen im weiten Land.» Diese Natur, habe sein Vater gesagt, «sie war so schön».

    Seine Mutter sang beim Arbeiten, spirituelle Lieder über Vergänglichkeit, Mitgefühl und die Taten grosser Heiliger – Lieder aus der verlorenen Heimat. Namling hat ihr immer zugehört. «Sie ist meine Lehrerin geworden. Wahrscheinlich ihretwegen bin ich heute Sänger», sagt er.

    Dharamsala in Nordindien ist für viele Tibeterinnen und Tibeter ein neues Zuhause und Sitz des Dalai Lama im Exil.
    Foto: Getty Images

    Seine Augen werden dunkel, traurig, das Schicksal seiner Eltern mit all ihren Tränen und Verlusten hat sich ihm eingeprägt. Er schlägt mit der Hand auf den Tisch, die Kaffeetassen klappern. «Ich wollte sie nicht mehr so leiden sehen. Darum kämpfe ich.»

    In der Schweiz singt er

    Mit dem Singen begann Namling in der Schweiz. 1989 kam er auf Einladung einer wohlhabenden tibetischen Exilfamilie ins Land. Sie sah in ihm eine gute Partie für eine ihrer Töchter. Namling selbst stammte aus einer im alten Tibet angesehenen Familie und hatte inzwischen in Indien Philosophie studiert. «Sie wollten einen kultivierten tibetischen Schwiegersohn, und ich habe gesagt: ‹ok, why not›.» Er war 25 Jahre alt und wollte mehr von der Welt sehen.

    In der Schweiz arbeitete Namling zuerst in Trogen im Pestalozzi-Kinderdorf als Erzieher für tibetische Kinder. Hier hätte er ein behagliches Leben führen können. Doch er blieb unruhig, so erzählt er heute. In ihm stieg eine Erinnerung an Nordindien und seine Eltern auf; er ist damals sieben oder acht Jahre alt. Allein in dem Haus seiner Eltern. Er schaut hinaus, die Sonne geht unter, und er beginnt zu singen – einfach aus Freude. «Da wollte ich Musiker sein», sagt er.

    Aber seine Schwiegereltern – inzwischen war er verheiratet – hatten Mühe mit seiner neuen Berufung; es kam zu Spannungen in der Beziehung und schliesslich zur Scheidung. Er sagt dazu: «Ich bin nicht in die Schweiz gekommen, um ein reiches Leben zu führen.»

    In seinem musikalischen Werdegang fügten sich die Dinge. Er nahm seine Laute zu tibetischen Treffen und begann regelmässig zu spielen, sang wieder die Lieder seiner Kindheit. Ab 1992 auch vor Publikum, an Konzerten. Lieder aus dem Himalaya. Oft auch mit moderneren Klängen, teilweise mit Blues-Elementen oder in Kollaborationen mit westlichen Musikern.

    Er zog nach Bern, wo er heute noch lebt, und bekam mit einer Schweizerin eine Tochter und einen Sohn. Über seine Kinder spricht er zuerst ruhig. «Ich sagte meinen Kindern nie, dass sie Tibeter sein müssen, sie sollen selber wählen.» Sie müssen seinen Kampf nicht weiterführen, aber Namling ist es wichtig, dass sie «ihre Wurzeln kennen.» Doch als seine inzwischen erwachsenen Kinder Tibet besuchen wollten, wurde ihnen von den chinesischen Behörden die Einreise verweigert. Es macht Namling wütend: «Sie sind Schweizer. Nur weil ihr Name tibetisch ist, weil ihr Vater ein Tibeter ist – das ist ein Verbrechen.»

    Der singende Krieger

    Namlings Lieder handeln von Hoffnung und Kraft, er selbst nennt sich einen Krieger. Er weiss, wie schnell dieses Wort romantisiert werden kann. «Das ist kein Film. Das ist kein Abenteuer. Das ist Alltag», sagt der 62-Jährige. «Und dieser Alltag ist oft sehr einsam.» Trotzdem macht er weiter: «Solange ich nicht aufgebe, ist Tibet nicht verloren», sagt er und meint: Tibet eixtiert so lange, wie jemand bereit ist, dafür zu kämpfen.

    «Viele meiner Freunde sagen mir, Tibets Zeit ist vorbei.» Ob er ein freies Tibet noch erleben wird, weiss er nicht. Und an ein Zusammenleben von Tibetern und Chinesen glaubt er unter den heutigen Bedingungen nicht: «Nicht weil ich die Chinesen hasse, sondern weil China in den letzten siebzig Jahren alles Tibetische zerstören wollte.»

    Loten Namling spielt seine Laute für Tibet.
    Foto: Ramon Cunz

    Auf die Frage, warum er trotz Chinas Übermacht weiterkämpft, erklärt Namling: «Wenn man kämpft, dann überlegt man nicht, ob man gewinnt.» Für ihn rückt seine individuelle Existenz in diesem Kampf zurück. «Ich kämpfe für die nächste Generation – und für die Generation danach.» Er ist überzeugt, dass Unterdrückung und Gewalt nur eine Zeit lang funktionieren. «Alle Weltmächte, alle Diktatoren, die Menschen unterdrückt haben – mit der Zeit sind sie alle gefallen. Auf einmal war die Sowjetunion weg, obwohl das niemand gedacht hat.»

    An der Gewaltlosigkeit hält er fest. «Ich benutze meine Stimme statt einer Waffe.» Die Kultur und die Geschichte Tibets seien immer durch Lieder weitergegeben worden. «Wir hatten keine Bücher. In den Liedern war alles drin: Geschichte, Verlust, Hoffnung.» Er sagt: «Wenn ich singe, geht Tibet nicht vergessen.»

    Veröffentlicht in der Berner Zeitung und Der Bund am 16.01.26

  • Zoë Më abseits der ESC-Glitzerwelt

    Zoë Më abseits der ESC-Glitzerwelt

    In Spiez stand Zoë Më zum ersten Mal seit dem Eurovision Song Contest wieder auf der Bühne – ohne Glitzer, ohne Show, aber mit viel Persönlichkeit.

    In Kürze:

    • An den Spiezer Schlosskonzerten trat Zoë Më zum ersten Mal seit dem ESC auf.
    • Die ESC-Teilnehmerin erreichte bei der Jury den zweiten Platz mit poetischen Klängen.
    • Die Freiburger Künstlerin singt mehrsprachige Lieder über persönliche Lebenserfahrungen.
    • Für Sommer und Herbst plant die 24-Jährige Festivalauftritte sowie eine Clubtour.

    Zoë Më tritt an diesem regnerischen Mittwochabend im Hotel Eden in Spiez auf. Sie am Konzertflügel, ihre Begleiterin Eléonore Hirt am Cello. Hinter ihr die verhangene Spiezer Bucht. Im Konzertsaal 150 Besucherinnen und Besucher, grösstenteils ältere, gut gekleidete Menschen. Sie selbst in einem eleganten, weiten Kleid, passend zu dem eher auf Klassik ausgerichteten Programm der Schlosskonzerte Spiez und dem Viersternhaus. Es ist das erste Konzert der Freiburgerin nach dem ESC.

    Der Kontrast zur Bühne des Eurovision Song Contest könnte kaum grösser sein. 160 Millionen Menschen haben den ESC verfolgt. Er war bunt, laut und schrill. Viele Acts setzten auf aufwendige Lichtshows, nackte Haut, Choreografien und visuelle Effekte. Neben der Show wurde der Länderwettbewerb teilweise auch lautstark zum politischen Thema gemacht. Als Titelverteidigerin stand Zoë Më von Anfang an im Fokus der Veranstaltung. Mit ihrem Song «Voyage» setzte sie jedoch auf leisere, poetische Töne.

    Was bedeutet der ESC für Zoës Mës Zukunft als Künstlerin? Diese Frage stellen wir ihr in Spiez vor dem Konzert.

    Im Interview erklärt Zoë Më, was der ESC für sie bedeutet und wie sie ihre Zukunft als Künstlerin sieht.
    Foto: Christian Pfander

    Zoë Më, Sie haben am ESC Platz 10 erreicht. Was bedeutet das für Sie als Musikerin?

    Musik ist schwer in Zahlen zu fassen. Deshalb war mein Ziel, in die Top 10 zu kommen – und das habe ich erreicht. Besonders freut mich, dass mich die Jury auf Rang 2 setzte und mir die anderen Künstlerinnen und Songwriter den Preis für die beste Komposition zusprachen. Das zeigt mir, dass ich als Künstlerin auf dem richtigen Weg bin.

    Sie wollten die Menschen mit einem intimen, poetischen Song berühren. Wie viel Mut brauchte es, dies am bunten und lauten ESC zu tun?

    Ich denke, dass mein Auftritt vielleicht etwas ungewöhnlich war. Ich glaube, es war das erste Mal, dass man einen One-Shot gemacht hat, bei dem die Kamera drei Minuten lang nur auf eine Künstlerin gerichtet war. Man kann sagen, dass dies mutig war, aber gleichzeitig war es genau das, was ich wollte. Ich wollte 100-prozentig ich sein. Es hat sich deshalb nicht so mutig angefühlt, sondern eher wie: «Ich zeige, wer ich bin.»

    Die Publikumswertung lag bei null Punkten. Hat das auch damit zu tun?

    Das ist schwer zu sagen. Einerseits waren wir das Gastgeberland, da spricht man in der ESC-Bubble vom «Host Country Curse», also einem Fluch. Wenn die Leute sehen, dass man für die Schweiz antritt, voten sie auch weniger für einen. Und es war eine sehr intime Nummer, die vielen gefallen hat, aber die sie dennoch nicht auf Platz 1 sahen.

    Es war nicht der typische ESC-Beitrag?

    Genau. Aber ich finde, man muss sich vorher entscheiden, was man zeigen will. Beim ESC kann man sagen: Ich will gewinnen. Oder: Ich will zeigen, wer ich bin. Die Schweizer Delegation hat mich von Anfang an gefragt: Was ist deine Geschichte? Was willst du zeigen? Und genau das haben wir dann auch umgesetzt.

    Sie wollten als Künstlerin wahrgenommen werden und nicht eine Show liefern?

    Ja, ich habe immer gesagt, der ESC ist eine Etappe, kein Ziel. Es ist ein Schritt auf meinem Weg. Der Song «Voyage» war eine Reise, die ich dank dem ESC antreten durfte. 

    Ein Auftritt so intim wie ihre Songs: Zoë Më bei ihrem Konzert im Hotel Eden in Spiez.
    Foto: Christian Pfander

    Wer ist die Künstlerin Zoë Më abseits des ESC? Das zeigt sich auf der kleinen Bühne in Spiez. «Stilles Lachen wird oft nicht gehört. Stille Liebe wird oft nicht gesehen. Stille Menschen. Sie werden übersehen», singt Zoë Më mit sanfter, aber klarer Stimme. Getragen wir sie von verträumten Klaviermelodien und tiefen, schwelgenden Celloklängen. «Es ist ein persönlicher Song», sagt sie.

    Ein intimer Song. Und Intimität ist bei ihr Programm. Ihre Songs führen das Publikum auf eine Reise durch eine zerbrechliche, aber reflektierte Gefühlswelt, die sie selbst als «Voyage» bezeichnet. Liebe, Freundschaft, aber auch Neid und Emanzipation sind ihre Themen. Dabei wirken weder die Songs noch ihr Auftritt selbstbezogen: Es sind Auseinandersetzungen mit ihren Mitmenschen und der Welt, in der sie lebt.

    Kein Material für den ESC-Hype

    Zwischen den Songs erklärt sie dem Publikum, wie diese entstanden sind, und zeigt sich selbstironisch. Das ist kein Material für den ESC-Hype, sondern für kleinere Bühnen und Menschen, die bereit sind, sich Zeit zu nehmen, um zuzuhören.

    Die Songs der 24-Jährigen zeigen einen eigenen Charakter und zeugen von einem künstlerischen Profil, das weit mehr ist als aufwendig produzierter Pop. Sie sind poetisch und träumerisch, aber auch komplex sowie melodisch und lyrisch.

    Im Gegensatz zu ihrem ESC-Song «Voyage» enthalten die Songs, die sie in Spiez vorträgt, Ambivalenzen und Brüche, was sie spannend macht. Dazu trägt auch der fliegende Wechsel der Sprachen bei. Die in Freiburg geborene Sängerin singt auf Deutsch und Französisch, oft im selben Song, was erstaunlich gut funktioniert.

    Zoë Më im Gespräch.
    Foto: Christian Pfander

    Hier in Spiez spielen Sie in einem kleinen Rahmen – ein riesiger Kontrast zum ESC. Was entspricht Ihnen mehr?

    Ja, es ist anders, aber es passt zu meinem Künstlerprofil. Ich habe immer gesagt: Ich bin Vollblutmusikerin. Ich bin mit einem selbst geschriebenen Song zum ESC gekommen. Und jetzt gehe ich als Musikerin weiter. Das ist die Realität im Musikbusiness: Man steht nicht immer vor 170 Millionen Menschen.

    Können Sie sich im kleinen Rahmen besser zeigen?

    Auf jeden Fall anders. Die Leute spüren mehr. Egal welcher Künstler es ist: Wenn man die Musik auf das Wesentliche reduziert, spürt man viel mehr von den Geschichten. Ich liebe diese Konzerte, weil ich mehr Zeit habe zu erzählen. Ich bin auch eine Geschichtenerzählerin. Da kann ich sagen: Bei diesem Song geht es um das, das habe ich mir dabei gedacht.

    Wie meinen Sie das mit dem Geschichtenerzählen?

    Mein Künstlername ist Zoë Më. Zoë bedeutet auf Griechisch «Leben», und Më bedeutet auf Japanisch «Auge». Ich bin sehr sensibel, schaue genau hin und höre genau zu. Ich erzähle Geschichten aus dem Leben. Was mich am meisten inspiriert, sind Geschichten von anderen Menschen.

    «Ich bin sehr sensibel, schaue genau hin und höre genau zu»: Zoë Më über Zoë Më.
    Foto: Christian Pfander

    Wo führt Ihre Reise jetzt hin?

    Spiez ist ein Zwischenstopp. Dann kommen viele Festivalauftritte im Sommer und eine Clubtour im Herbst. Auch ins Studio wird es mich wieder führen. Und hoffentlich in ganz viele Herzen.

    Und was ist mit dem Songwriting? Was erwartet uns da?

    Im Juni kommt ein neuer Song raus. Und bis Ende Jahr folgen viele weitere, die bereits aufgenommen sind. Das ist kein leeres Versprechen. Ich bin ständig im Studio.

    Können Sie einen kleinen Teaser zum neuen Song geben? Worum geht es?

    Was kann ich schon verraten – ohne zu viel zu sagen: Es geht ums Feststecken im Alltagstrott. Das Thema passt gut in die ESC-Nachzeit. 

    Veröffentlicht in der Berner Zeitung und Der Bund

  • Heizen gegen den Klimawandel

    Heizen gegen den Klimawandel

    Eine neue Heizung in Biel erzeugt nicht nur Wärme, sondern speichert auch CO₂ im Boden. Die Technik heisst Pyrolyse – und soll Wunder wirken.

    In Kürze:

    • Eine neue Heizung in einem Bieler Mehrfamilienhaus bindet CO₂ in Pflanzenkohle, statt es freizusetzen.
    • Die Anlage wandelt Holzpellets in Pflanzenkohle für landwirtschaftliche Nutzung um.
    • Trotz technischer Kinderkrankheiten sind die Besitzer von der neuen Technologie überzeugt.
    • Forschende prüfen noch mögliche Auswirkungen der Pflanzenkohle auf Bodenorganismen.

    «Das ist eine Weltneuheit», sagt der Umweltwissenschaftler Stephan Gutzwiller. Er zeigt auf einen blauen Kasten im Keller eines Mehrfamilienhauses in Biel. Früher stand hier der Tank für die Ölheizung. «Zum ersten Mal wurde eine Pyrolyseheizung in einem Wohnhaus eingebaut.» Er findet grosse Worte: «Mit ihr kann man heizen und gleichzeitig den Klimawandel abbremsen.»

    Gutzwiller rechnet vor: «Über die alte Ölheizung gelangen ungefähr 13 Tonnen CO₂ in die Umwelt.» Das entspricht etwa dem Jahresausstoss von fast sieben Personenwagen oder sechs Hin- und Rückflügen von Zürich nach New York. Bei der Pyrolyseheizung verhält es sich genau umgekehrt. «Sie entzieht der Atmosphäre pro Jahr dieselbe Menge CO₂.» Geheizt wird bei ihr mit Holz, genauer gesagt mit Holzpellets.

    Stephan Gutzwiller, Umweltwissenschaftler und Mitgründer der Firma Pyronet, erklärt, wie eine Pyrolyseheizung funktioniert.
    Foto: Christian Pfander

    Eine CO₂-negative Heizung

    Möglich wird die CO₂-Einsparung durch Pyrolyse. Anders als bei herkömmlichen Holzheizungen, bei denen der Kohlenstoff im Holz mit Sauerstoff reagiert und als CO₂ in die Atmosphäre gelangt, wird das Holz bei der Pyrolyse unter Sauerstoffmangel verkohlt. Dabei entsteht Pflanzenkohle, in der ein grosser Teil des Kohlenstoffs gespeichert bleibt. So liefert die Heizung nicht nur CO₂-neutrale Wärme, sondern schafft auch einen Kohlenstoffspeicher. «Damit wird der Luft mehr und mehr CO₂ entzogen und im Boden eingelagert», erklärt Gutzwiller begeistert.

    So funktioniert die Pyrolyse-Heizung
    Bäume nehmen CO₂ aus der Luft auf und speichern den Kohlenstoff im Holz – bei der Pyrolyse wird daraus Wärme fürs Heizen und Pflanzenkohle, die den Kohlenstoff dauerhaft im Boden bindet.
    Grafik: can / Quelle: Pyronet

    Doch was passiert genau in der Heizung? Das Holz wird in einem Glutbett mit sehr wenig Sauerstoff auf rund 600 Grad erhitzt. Dabei zerfällt es in Pyrolysegase und feste Kohle. Die Gase werden in einer zweiten Brennkammer verbrannt und liefern die Heizenergie. Zurück bleibt ein schwarzer, fester Stoff, die Pflanzenkohle. Etwa 60 Prozent des Kohlenstoffs, den der Baum aufgenommen hat, bleiben darin erhalten.

    Wird die Pflanzenkohle in den Boden eingebracht, gelangt dieser Kohlenstoff nicht in die Atmosphäre, sondern bleibt dort langfristig gespeichert. «Aktuelle Forschungen gehen davon aus, dass der Kohlenstoff mehrere Hundert bis tausend Jahre im Boden bleibt», sagt Gutzwiller.

    Stephan Gutzwiller öffnet den unterirdischen Container, in dem die Pflanzenkohle gelagert wird.
    Foto: Christian Pfander

    Es rattert kurz im Keller in Biel. Dann setzt ein leises Brummen ein. Durch ein Rohr werden die Holzpellets aus dem Lagerraum in den Heizkessel befördert, in dem sie zu Pflanzenkohle verkohlt werden. Die dabei freigesetzte Wärme heizt in Biel das Dreifamilienhaus und einen Anbau mit zwei Wohnungen.

    Anschliessend transportiert die Heizung die Pflanzenkohle in einen unterirdischen Container vor dem Haus. Hier wird sie gesammelt und bei der nächsten Holzpelletslieferung abgeholt, damit Landwirte sie zusammen mit Dünger in die Böden einarbeiten können. «Als Futtermittel und Güllezusatz ist Pflanzenkohle in der Landwirtschaft gefragt», sagt Gutzwiller. Denn sie nehme Nährstoffe gut auf und erhöhe so die Fruchtbarkeit der Ackerböden.

    Es gab auch Kinderkrankheiten

    Pyronet heisst die Firma, die Stephan Gutzwiller zusammen mit dem Ingenieur Fridolin Königsberger 2021 gegründet hat. Seither verfolgen die beiden das Ziel, Pyrolyseheizungen auf den Markt zu bringen. Neben der Anlage in Biel haben sie bisher drei grössere Heizsysteme für Landwirtschaftsbetriebe installiert.

    Dabei will Pyronet erreichen, dass Bäuerinnen und Bauern ihre Energie selbst produzieren und dabei gleichzeitig die natürlichen Kreisläufe auf dem Hof besser nutzen. «Sie ernten Holz, heizen damit ihre Wohnungen und Ställe, reduzieren Gerüche und Nährstoffverluste mittels der Pflanzenkohle und verbessern nebenbei die Fruchtbarkeit der Böden nachhaltig», illustriert Gutzwiller ihre Vision.

    In den Landwirtschaftsbetrieben wurden die Pyrolyseanlagen in Nebengebäuden installiert. Um sie in ein Wohnhaus einzubauen, mussten Gutzwiller und Königsberger einige technische Hürden überwinden. «Für die Gebäudeheizung musste die Anlage viel kompakter sein als die Pyrolyseanlagen der ersten Generation», erklärt Gutzwiller. Zudem sollte sie vollautomatisch, sehr leise und emissionsarm funktionieren, denn die Bewohnerinnen und Bewohner sollten im Alltag nicht gestört werden.

    In diesem Mehrfamilienhaus in Biel steht die erste Gebäudeheizung, die mit Pyrolyse heizt. In diesem Winter kam sie zum ersten Mal zum Einsatz.
    Foto: Christian Pfander

    Sibylle Heiniger wohnt im Haus in Biel, das kürzlich mit einer Pyrolyseheizung ausgerüstet wurde. Gemeinsam mit dem Eigentümer und Mitbewohner Markus Cslovjecsek wollte sie einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Eine Fernwärmeheizung liess sich auf dem Grundstück nicht realisieren – also machten sie sich auf die Suche nach einer klimafreundlichen Alternative.

    «Es gehörte schon etwas Mut dazu», sagt Heiniger. Immerhin ist die Heizung ein Prototyp. «Manchmal mussten wir im Winter die dicken Pullover drinnen anbehalten» – etwa, wenn sie sich aus verschiedenen Gründen selbst abschaltete. Dann habe das Team von Pyronet aber jeweils schnell reagiert.

    Die Kosten für eine Pyrolyseheizung belaufen sich auf über 50’000 Franken. Der Prototyp sei natürlich noch teurer gewesen. Die Stadt Biel beabsichtige aber, über den Klimafonds noch 10’000 Franken beizusteuern, sagt Heiniger.

    Rund 5000 Franken koste das Heizen mit Pellets im Jahr, erläutert Gutzwiller. Zum Vergleich: Die Energiekosten für eine Ölheizung in einem Mehrfamilienhaus liegen laut Energie Wasser Bern zwischen 7400 und 10’000 Franken – je nach Wohnfläche und Gebäudezustand. Ausserdem kann die Pflanzenkohle verkauft werden. Laut Pyronet lassen sich bei einer Heizung dieser Grösse gut 2300 Franken pro Jahr erzielen.

    Heiniger empfiehlt die Heizung weiter: «Es ist ein Beitrag zur CO₂-Reduktion, und dies finde ich persönlich wichtig und dringend.»

    Ist Pflanzenkohle umweltverträglich?

    Die Rechnung von Pyronet hat allerdings einen Haken: Es herrscht zurzeit Unklarheit über die Umweltverträglichkeit von Pflanzenkohle. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hält zwar allgemein fest: «Wenn es um den Ersatz fossiler Heizungen geht, kann davon ausgegangen werden, dass Pyrolyse klimafreundlicher ist.»

    Dennoch zeigt sich das Bafu vorsichtig, wenn es um den Einsatz von Pflanzenkohle in der Landwirtschaft geht. «Wegen der noch unbekannten, möglicherweise schädlichen Auswirkungen beispielsweise auf Bodenlebewesen beurteilt das Bafu die Anwendung im Sinne der Vorsorge als kritisch und rät von einem weitflächigen Einsatz von Pflanzenkohle auf landwirtschaftlichen Böden vorläufig ab.» Zurzeit unterstütze das Bafu aber Studien, die den Einfluss von Pflanzenkohle auf die Umwelt untersuchten. Darunter auch deren Auswirkungen auf Regenwürmer.

    Das Ausgangsmaterial der Pyrolyseheizung sind Holzpellets, zurück bleibt Pflanzenkohle.
    Foto: Christian Pfander

    «Insbesondere für Regenwürmer fehlen noch langfristige Studien», so das Bafu. Regenwürmer sind aber wichtig für einen guten, fruchtbaren Boden. Lukas Pfiffner, Wissenschaftler am Forschungsinstitut für biologischen Landbau, sagt: «Wir beobachten seit Jahren, dass die Regenwurmpopulationen massiv unter Druck sind.» Ursachen seien die intensive Bodennutzung und der Einsatz von Pestiziden und Mineraldüngern.

    Den Einsatz von Pflanzenkohle hält er im Vergleich dazu für harmlos. «Es gibt gewisse Hinweise, dass kurzfristig ungünstige Effekte auf die Regenwürmer entstehen können – langfristig sind aber bisher keine negativen Effekte im Feldversuch festgestellt worden», so Pfiffner.

    Die Pellets werden in einem Raum neben der Heizung gelagert. Von dort werden sie automatisch in den Heizkessel befördert.
    Foto: Christian Pfander

    Ob es für die Pyrolyse überhaupt genug Holz gibt? Die Frage stellt sich auch, da die Herstellung von Pflanzenkohle aus Altholz und behandeltem Holz verboten ist. Nur naturbelassenes Holz darf verwendet werden, aber auch Feld- und Gartenabfälle kämen infrage, schreibt das Bafu.

    Stephan Gutzwiller sieht das pragmatisch. «Klar ist, dass der Grossteil der insgesamt 1,8 Millionen Gebäude mit Wohnnutzung mit anderen Technologien beheizt wird.» Die Pyrolyse solle vor allem in Häusern ausserhalb von Fernwärmegebieten zum Einsatz kommen und in Altbauten, die heute noch mit Öl oder Holz beheizt werden.

    Veröffentlicht in der Berner Zeitung und Der Bund

  • Max Werren spricht wieder

    Max Werren spricht wieder

    Ein Hirnschlag hat dem Berner Historiker, Stadtführer und Autor die Sprache genommen. In der Logopädie­praxis von Nicole Williams lernt er wieder sprechen.

    In Kürze:

    • Der Berner Stadtführer und Autor Max Werren arbeitet nach einem Hirnschlag intensiv an seinen Sprachfähigkeiten.
    • Den letzten Band seiner «Bümplizer Geschichte(n)» konnte er trotzdem veröffentlichen.
    • In der Schweiz herrscht Mangel an Logopäden, was Therapieplätze knapp macht.
    • Mit Logopädie verbessert Werren seine Sprachkompetenz und gewinnt Selbstvertrauen zurück.

    Max Werren spricht. Dabei schaut er einen aufmerksam an, vorsichtig prüfend. Aber er beurteilt nicht sein Gegenüber, sondern er beobachtet, ob seine Worte ankommen. Ob die Silben, die er sich abringt, auch für andere einen Sinn ergeben. Schliesslich gibt er sich einen Ruck, und die Worte sprudeln aus ihm heraus. Er erzählt vom Schallenhaus, dem Berner Gefängnis im 19. Jahrhundert: Während der Strafarbeit habe man den Insassinnen einen sogenannten Gätzistiel um den Hals gebunden, einen Stecken mit Glöckchen dran.

    Das Wort «Glöckchen» will ihm nicht so recht über die Lippen kommen. Zwischen den beiden Silben verhaspelt er sich, gerät ins Stottern. Die Logopädin Nicole Williams greift ein, «Glöckchen, Glöckchen» wiederholt sie deutlich. Werren spricht nach, fädelt ein, dann gelingt ihm das Wort. Nahtlos erzählt er die Geschichte weiter: «Man hat den Frauen die Glöckchen umgebunden, damit sie sich nicht heimlich davonmachen konnten.» Der 83-Jährige strahlt vor Freude, die Geschichte ist ihm gelungen.

    Ausschliesslich das Sprachzentrum getroffen

    2022 hatte der Berner Stadtführer und Autor Max Werren einen Hirnschlag. Dieser traf ausschliesslich das Sprachzentrum, alles andere blieb verschont. «Das ist nicht ungewöhnlich», erklärt die Logopädin: «Menschen mit einer Aphasie, also einer durch eine Hirnschädigung erworbenen Sprachstörung, haben nicht immer motorische Ausfälle, und man sieht ihnen ihre Einschränkungen dann nicht an.»

    Ausgerechnet das Sprachzentrum. Was für jeden eine Zäsur wäre, war für Max Werren eine Katastrophe: Er verlor sein wichtigstes Werkzeug. Der ehemalige Kommunikationsberater musste sein Amt im Vorstand des Schlossvereins Bümpliz niederlegen. Und seine Stadtführungen konnte er nicht mehr machen – fast 25 Jahre lang hat er Menschen durch Bern und die Quartiere geführt und aus deren Geschichte erzählt.

    Nach einigen Anläufen gelingt Werren das Wort «Improvisation». Aus seinem Gedächtnis kann der frühere Archivar von Bümpliz Geschichten frei abrufen. Seine Stadtführungen lebten aber vom Spiel mit der Sprache, von Pointen und Witz, sagt er. Das könne er nicht mehr, traue er sich auch nicht mehr zu.

    Zuerst vorlesen, dann frei erzählen

    Immerhin: Den dritten und letzten Band seiner «Bümplizer Geschichte(n)» konnte er 2023 doch noch veröffentlichen. «Das Buch war zum Glück schon fast fertig geschrieben. Freunde haben mir dann geholfen, es fertigzustellen», sagt Werren.

    Max Werren zeigt seine «Bümplizer Geschichte(n)». In drei Bänden erzählt er Kurzweiliges aus der Geschichte von Bümpliz.
    Foto: Beat Mathys

    Die Bücher mit kurzen, zum Teil historischen Geschichten aus Bümpliz erfüllen seit dem Schlaganfall auch einen therapeutischen Zweck. In den gemeinsamen Sitzungen erzählt er Williams Geschichten aus den Büchern. «Am Anfang habe ich viel vorgelesen», sagt Werren. «Dann ging es immer besser.» Inzwischen kann er die Geschichten zu den Fotos im Buch wieder frei erzählen.

    Wie ist es für einen gestandenen Mann, sich immer wieder in die Sprache reinreden zu lassen, sich korrigieren zu lassen? «Manchmal ist es schon schwierig», sagt er. Er schweigt, scheint nach Worten zu suchen. Dann holt er Luft und erzählt: Seine Partnerin war zu Besuch, als er in der Reha in Riggisberg war. «Wir sind spazieren gegangen, und überall am Wegrand blühten Blumen. Ich wollte ihr sagen, wie die Blumen heissen, da habe ich bemerkt, dass ich das gar nicht kann.» Und er fügt hinzu: «Jetzt kann ich es wieder, dank der harten Arbeit an meiner Sprache.»

    Mangel an ausgebildeten Logopädinnen

    Jährlich erleiden in der Schweiz rund 16’000 Menschen einen Hirnschlag, schreibt die Schweizerische Hirnschlaggesellschaft. Sprachstörungen wie bei Max Werren gehören zu den typischen Folgen. «Es ist oftmals ein langer Weg zurück zur Sprache mit vielen Unbekannten, aber grundsätzlich ist das Gehirn immer lernbereit und sucht nach neuen Lösungen für ein Problem», erklärt Williams die Prognosen.

    Wenn das Gehirn die Chance hat zu lernen. Viele Betroffene drohten zu vereinsamen, sagt Williams. Wer Schwierigkeiten mit dem Sprechen habe, meide oft soziale Kontakte. Logopädinnen und Logopäden könnten helfen, doch in der Schweiz herrsche ein starker Fachkräftemangel. Und zwar nicht nur im Schulbereich, wo das Thema bereits 2022 für Aufsehen sorgte, sondern gerade auch bei erwachsenen Patientinnen und Patienten.

    Nicole Williams in ihrer Praxis. Um Logopädin zu werden, braucht es mindestens einen Bachelorabschluss.
    Foto: Beat Mathys

    Betroffen ist vor allem die Peripherie. «Würde Herr Werren auf dem Land wohnen, hätte er wahrscheinlich lange auf einen Therapieplatz warten müssen», sagt Williams. Den Grund für den Fachkräftemangel sieht sie unter anderem in den Tarifen, welche die Krankenkassen zu zahlen bereit sind: «Für eine Therapiestunde ohne Vorbereitung liegt der Tarif im Kanton Bern bei 83 Franken. Im Vergleich dazu vergütet der Kanton eine logopädische Therapiestunde im Kinderbereich mit 140 Franken». Das mache die Arbeit mit Erwachsenen in der Praxis unattraktiv. «Zurzeit ist die Föderation der Schweizer Logopäden und Logopädinnen (FSLO) bezüglich Tarifverhandlungen mit den Einkaufsgesellschaften der Krankenkassen in Kontakt», ergänzt Williams.

    Hemmungen – nicht nur die eigenen

    «Für mich haben die Logopädiestunden auch einen psychologischen Effekt», sagt Max Werren. Die Arbeit an seinen sprachlichen Fähigkeiten habe ihm mehr Selbstvertrauen im Umgang mit Fremden gegeben. Zudem könne er mit Nicole Williams über seine Alltagsprobleme sprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen.

    Es sind nicht nur seine grossen Projekte, die er vermisst. Es sei viel schwieriger geworden, mit Menschen in Kontakt zu kommen. «Hemmungen» ist ein Wort, das Werren oft braucht und das ihm sofort gelingt: Er meint damit nicht nur seine eigenen Hemmungen beim Sprechen, sondern auch die Hemmungen der Menschen ihm gegenüber. Viele fühlten sich im Kontakt mit ihm unwohl und gingen ihm aus dem Weg. «Sie sind sich nicht sicher, ob ich zurechnungsfähig bin», vermutet Werren.

    Er zieht eine kleine Karte aus seiner Brieftasche. Darauf steht, dass er Schwierigkeiten mit dem Sprechen habe, aber geistig nicht eingeschränkt sei. Kürzlich sei er von einem Polizisten angehalten worden: «Ich kann nicht mehr so schlagfertig sein wie früher», sagt Werren und fügt verschmitzt hinzu: «Jetzt zeige ich die Karte.»

    Auf Reisen Kontakte knüpfen

    Was hilft noch? Der ehemalige Leichtathlet treibt viel Sport. «Und meine Partnerin», sagt Werren sofort, «sie war immer für mich da. Sie hat mich jeden Tag in der Reha besucht.» Jetzt gehen sie gemeinsam auf Reisen. «Sie ist sprachlich sehr begabt», sagt Werren fröhlich, «und so kommen wir auf unseren Reisen mit den Menschen in Kontakt.»

    Die Sprache als Werkzeug kann Max Werren nun ruhen lassen. Er findet versöhnliche Worte für sein Schicksal: «Was ich mit der Sprache gemacht habe, kann mir niemand mehr nehmen. Meine Arbeit mit der Sprache ist in jede meiner Zellen eingedrungen.»

    Veröffentlicht in der Berner Zeitung und Der Bund

  • «Die Lebensmittelindustrie ist pervertiert»

    «Die Lebensmittelindustrie ist pervertiert»

    Die Dulliker Firma Ppura kämpft mit natürlicher Produktion für mehr Geschmack und hat damit Erfolg.

    Cemal Cattaneo, Mitgründer der Ppura GmbH, stellt seine Produkte vor.
    Bild: Hanspeter Bärtschi

    «Als Kind war mein Traumberuf Freiheitskämpfer», sagt Cemal Cattaneo. «Wie Che Guevara wollte ich mich durch den Dschungel kämpfen.» Hinter ihm stehen Regale mit vollen Gläsern: Tomatensauce, Pesto Genovese und Pesto Rosso, daneben Spaghetti und Nudeln, abgepackt in schlichter Verpackung. Das sind die Produkte, die die Firma Ppura verkauft.

    Ppura hat ihren Sitz in Dulliken. Von einem kleinen Büro aus, im Gebäude der ehemaligen Schuhfabrik Hug, vertreiben eine Handvoll Mitarbeitende italienische Spezialitäten. Vor allem nach Deutschland. Produziert werden die Lebensmittel aber in Italien.

    «Wir wollen ein natürliches Lebensmittel herstellen», sagt Cattaneo. Deshalb machen sie ihre Produkte ohne künstliche Konservierungsstoffe und nur mit Zitrone haltbar. Alles wird biologisch angebaut. Die Bauern, die sie unter Vertrag haben, dürften keine Pestizide einsetzen, sagt Cattaneo. Ein Grossteil der Saucen, Pestos und Nudeln würden in der süditalienischen Region Apulien hergestellt. Der Transport erfolge mit der Bahn. Auch die Verpackungen seien nachhaltig; ohne Plastik und aus Papier.

    Profit mit natürlichen Produkten

    «Meine Eltern sind in den 1950er-Jahren aus Bergamo in die Schweiz gekommen, typische Immigranten», sagt Cattaneo. Seine Mutter habe damals Arbeit bei Hug gefunden. «Wenn sie uns im Büro besucht, kann sie noch genau sagen, wie es hier früher aussah.» Auch deshalb fühle er sich mit dem Standort Dulliken verbunden.

    Der Sitz der Ppura GmbH befindet sich im Gebäude der ehemaligen Schuhfabrik Hug in Dulliken.
    Bild: Hanspeter Bärtschi

    Er sei der Schweiz sehr dankbar. Vor allem für die Bildung, die er hier erhalten habe. Er habe immer Lehrer gefunden, die ihn gefördert hätten. Deshalb konnte er auch studieren, im Gegensatz zu vielen anderen Migrantenkindern: «Wenn man aus armen Verhältnissen kommt, braucht man drei Dinge: Bildung, Liebe und gutes Essen», sagt Cattaneo stolz und spielt damit gekonnt auf die italienischen Spezialitäten an, die Ppura verkauft.

    Auf die Frage, ob es ob all der Natürlichkeit auch um Marketing geht, wird Cattaneo ernst: «Wir sind keine NGO. Natürlich streben wir Profit an», sagt er und erklärt: «Das Problem ist aber, dass viele Lebensmittelproduzenten nicht begreifen wollen, dass man mit biologisch und nachhaltig produzierten Lebensmitteln auch Geld verdienen kann». Dafür müsse aber die Qualität stimmen.

    Blick in das «Ppura»-Büro in Dulliken. Hier werden Bestellungen verarbeitet und die Buchhaltung gemacht. In der grossen Küche werden auch italienische Spezialitäten gekocht.
    Bild: Hanspeter Bärtschi

    Ppura macht also Profit: Der Erfolg in Deutschland habe sie förmlich überrollt. In den letzten zwei Jahren habe sich der Umsatz vervierfacht, mittlerweile würden ihre Produkte an rund 20’000 Verkaufsstellen in Deutschland verkauft. 35 Mitarbeitende beschäftigt die Firma. «Die Leute haben Lust auf natürliche Lebensmittel», erklärt Cattaneo den Erfolg und fügt hinzu: «Vor allem, wenn der Geschmack stimmt.»

    Für das Natürliche, gegen das Billige

    «Die Lebensmittelindustrie ist pervertiert», reflektiert der Jungunternehmer. «Da sind grosse Aktiengesellschaften, da geht es wirklich nur um Gewinnmaximierung. Die Umwelt und der Geschmack bleiben auf der Strecke.»

    Produkte, die Ppura herstellt: Vor allem die Tomatensauce für Kinder verkauft sich gut. Sie ist püriert und enthält weniger Gemüse als andere Saucen.
    Bild: Hanspeter Bärtschi

    Cattaneo hat selbst für grosse Lebensmittelkonzerne gearbeitet, bevor er 2009 zusammen mit seinem Cousin Maurizio Floccari die Firma Ppura gründete. Viel Geld habe er damals verdient. Doch es sei ihm nicht gut gegangen, etwas habe gefehlt: «Mit Ende zwanzig bin ich in ein Loch gefallen und musste etwas ändern», sagt er.

    Dann habe er sich an die Küche seiner Mutter erinnert, an liebevoll zubereitete Gerichte mit guten Zutaten. «Damals hat einfach alles viel besser geschmeckt», sagt er. So sei die Idee entstanden, natürliche Lebensmittel herzustellen. Das sei nun seine Art, für Freiheit zu kämpfen. Deshalb lassen er und Maurizio Floccarialle neue Produkte zuerst von ihren beiden Müttern testen. «So wissen wir, ob sie Mamma schmecken.» Die beiden «Mammas» seien sozusagen ihr Gütesiegel für guten Geschmack.

    In der Schweiz kann man die Produkte von Ppura in einigen Bioläden kaufen. In erster Linie wollen sie sich auf Deutschland konzentrieren, sagt Cattaneo. «Bei uns geht immer etwas», aber grosse Expansionspläne hätten sie derzeit keine. Ppura sei ein Unternehmen, das im Stillen arbeitet.

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch


  • «Könnt euch nicht vorstellen, wie es ist»

    Kurz nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine erzählte Bruno Giudice aus dem kriegsgebeutelten Donezk. Zwei Jahre später fragen wir nach, wie sein Leben unter russischer Besatzung aussieht. Seine Eindrücke sind nicht nur negativ.

    Italienisch, Deutsch, Ukrainisch und Russisch: Alle vier Sprachen spricht Bruno Giudice. Er wuchs als Sohn italienischer Einwanderer in Olten auf, besuchte die Schulen Bifang und Frohheim und machte eine Lehre als Elektromonteur. Vor gut zwanzig Jahren verschlug es den heute 49-Jährigen in die Ukraine. Nach Donezk, der Liebe wegen. Dann begann 2014 – und nicht erst 2022, das betont Giudice immer wieder – die russische Okkupation, zuerst durch russische Separatisten, dann durch das Militär.

    «Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie es hier ist, das geht einfach nicht», sagt Bruno Giudice als Erstes, als wir ihn aus dem friedlichen Olten anrufen. «Sie müssen sich vorstellen: Es ist, als würden Sie in Olten sitzen und Dulliken wird mit Raketen beschossen. So etwa fühlt sich das an hier.»

    Die Stimme aus dem Telefon wirkt gefasst, ein wenig gedämpft. Angst habe er schon. Sein Bild möchte er zum Beispiel nicht mehr in der Zeitung sehen. Doch nach all den Jahren habe er sich an die ständige Bedrohung durch den Krieg gewöhnt. So wie die meisten Menschen, mit denen er in Donezk spreche. Die Stimmung auf der Strasse sei etwa so: «Wenn’s passiert, dann passiert’s».

    Berichte über Raketeneinschläge in Donezk
    Die Grossstadt Donezk liegt im Osten der Ukraine, rund 20 Kilometer von der Front entfernt. Laut Agenturberichten kam es Ende Januar in einem Markt in Donezk zu einem Raketeneinschlag, bei dem mindestens 25 Menschen starben. Russland macht die Ukraine dafür verantwortlich. Das ukrainische Militär dementiert jedoch und beschuldigt Russland, die Region um Donezk wahllos unter Beschuss zu nehmen. Ende Februar kursierten auf X, ehemals Twitter, Bilder von einer grossen Zahl getöteter russischer Soldaten auf einem Truppenübungsplatz im Raum Donezk. Nachrichten über Tote in Donezk erreichen die Schweiz, seit die Stadt 2014 von russischen Separatisten besetzt worden ist. (rac)

    «Wir haben alles, das geht schon»

    Die Menschen in Donezk versuchten, so gut es gehe, ein normales Leben zu führen, berichtet Bruno Giudice. Arbeiten könnten seiner Einschätzung nach die meisten. Internetzugang hätten sie auch. Ausser, es komme in der Nähe zu einem Angriff, dann gerate die Verbindung ins Stocken.

    Nur die Schulen seien seit zwei Jahren geschlossen, der Unterricht finde online statt. Die Kinder träfen sich mit ihren Freunden zum Spielen auf den Quartierstrassen. Dann horche Giudice jeweils genau hin, um noch irgendwie rechtzeitig reagieren zu können, falls eine Rakete einschlage. Jetzt kann man die Angst in seiner Stimme hören.

    Giudice lebt mit seiner Frau, sie ist Ukrainerin, und den zwei Kindern in einer Dreizimmerwohnung. Auch ein Neffe habe sich noch bei ihnen einquartiert. «Das geht, jeder hat sein Zimmer», erklärt er. Haupteinnahmequelle für die Familie sei ein kleiner Laden, den seine Frau betreibe; «vom Bleistift bis zu der Jeanshose verkaufen wir alles, so wie ein Türkischbasar».

    Die Läden in Donezk seien regelmässig geöffnet. Das sei kein Problem. Die Benzinpreise seien im Vergleich zum Vorjahr gesunken, betrugen umgerechnet noch etwa 90 Rappen für einen Liter. Nur Importwaren seien merklich teurer geworden. Eigentlich hätten sie alles, was sie zum Leben brauchten, unterstreicht Giudice.

    Was die Bevölkerung will

    An den vier Sprachen, die Bruno Guidice spricht, lässt sich nicht nur dessen Lebensweg beschreiben, sondern auch seine Einstellung dem Krieg gegenüber: Er schaue sich deutsche, italienische, ukrainische und russische Nachrichten an. «Objektiv kann man den Krieg nicht betrachten», sagt er.

    Er verstehe alle Seiten, nur die Politiker verstehe er nicht; sie würden Machtspiele auf Kosten der Bevölkerung spielen. Aus dem Westen höre er viel von Waffenlieferungen. «Aber das sind die Waffen, die mir in Donezk auf den Kopf fallen.»

    «Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie es hier ist», wiederholt Giudice. «Donezk ist nicht erst seit 2022 besetzt, sondern seit 2014, aber damals interessierte sich noch niemand für die Ukraine. Die meisten wussten nicht einmal, dass es das Land überhaupt gibt.» Und man kann den Vorwurf in seiner Stimme hören, wenn er anfügt: «Und jetzt interessieren sich auf einmal alle für die Ukraine.» Doch was die Menschen hier wollten, darum kümmere sich niemand.

    Was denn die Menschen in Donezk wollen? Darauf weiss Giudice schnell eine Antwort: keinen Krieg mehr, sich ein normales Leben aufbauen. «Wer regiert, ist nicht so wichtig. Das ist hier nicht wie in der Schweiz, das Volk wird nur alle vier oder fünf Jahre gebraucht – dann, wenn Wahlen sind.» Die restliche Zeit werde über die Menschen entschieden.

    Keine Flucht in die Schweiz

    Vor zwei Jahren fragte ihn diese Zeitung, ob er sich vorstellen könnte, wieder in die Schweiz zurückzukehren: Er verneint erneut. «Wenn schon Italien», er sei italienischer Staatsbürger. Doch er habe sich in Donezk etwas aufgebaut, er habe Freunde und Familie, diese könne er nicht einfach so zurücklassen.

    Er kenne auch Ukrainer, die in die Schweiz geflohen sind. Es gehe ihnen gut, einer arbeite auf einem Bauernhof, ein anderer lebe in Zürich. Sie würden sich in der Schweiz ein Leben aufbauen und sich integrieren. Er könne sich nicht vorstellen, dass sie zurück in die Ukraine gingen. Dort hätten sie nichts mehr: keine Wohnung und keine Arbeit und irgendwann binde einem dann nichts mehr an die alte Heimat. Und: «Solange Krieg herrscht, müssten die Männer, die zurückkehren, direkt an die Front.»

    Hoffnungen in die Schweiz

    «Was ist das Ziel dieser ganzen Sache?», fragt Bruno Giudice ins Telefon und meint damit den Krieg und dass dieser bereits zwei Jahre dauert – ohne handfeste Aussicht auf Frieden. Nun kann man auch Wut in seiner Stimme hören. Auf den Strassen gebe es viel Militär, überall würden Soldaten hin und her geschickt. Man würde einfach über die Menschen entscheiden.

    Dennoch sieht Giudice auch Hoffnung in der Politik: Er habe von den Friedensgesprächen gehört, die in der Schweiz stattfinden sollen. «Vielleicht bringen diese ja endlich etwas», sagt er. Er würde gerne wieder einmal in die Schweiz kommen, auf Besuch, um seine Freunde und seine Schwester zu sehen. Doch zurzeit gebe es keine direkten Flugverbindungen aus Donezk in seine frühere Heimat.

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch


  • Tiere durch Forstarbeiten bedroht

    Tiere durch Forstarbeiten bedroht

    Im Bannwald wird grossflächig Wald gerodet: Anwohnerin zeigt zerstörte Dachsbauten – der Revierförster nimmt Stellung.

    Ein Vollernter zerteilt Baumstämme im Bannwald oberhalb von Olten.
    Bild: Bruno Kissling

    «Holzschlag ist ein Schlag ins Gesicht», sagt Katharina Wyss und zeigt auf eine weite Schneise, die sich im Bannwald oberhalb vom Kalchofen auftut. In deren Mitte zerteilt eine grosse Forstmaschine, ein sogenannter Vollernter, mit ihrem Greifarm eine Buche. Der Motorenlärm ist konstant. Er wird nur übertönt, wenn mit lautem Krachen ein Baumstamm zersplittert.

    Dann zeigt Wyss auf drei dunkle Löcher im Waldboden. Um diese zu zeigen, hat sie uns in den Wald geführt: «Das sind die Dachsbauten.» «Aufgewühlt und eingebrochen sind sie, weil man sie mit einer Forstmaschine überfahren hat», man könne auch die Stellen sehen, wo die Räder eingebrochen seien.

    Von der Forstwirtschaft zerstörte Dachsbauten: Die Dachse seien geflohen, sagt die Anwohnerin.
    Bild: Bruno Kissling

    Wie für viele andere ist auch für Katharina Wyss der Wald eine Zuflucht vor dem hektischen und oft lauten Alltag. Fast jeden Tag gehe sie in den Bannwald oberhalb von Olten spazieren, seit 30 Jahren, meistens begleitet von einem Hund einer Nachbarin. Im Wald findet sie Ruhe und Inspiration. Sie findet dafür poetische Worte: «Im Wald lebe ich mit den Augen.»

    Sie zeigt auf die jungen Bäume, die Pilze, die an morschen Baumstämmen wachsen, und macht auf die silbernen Ahornblätter aufmerksam, die am Waldboden leuchten. Mit den Waldarbeiten geschehe jedoch überall «Verwüstung», darunter litten auch die Tiere im Wald.

    Dem zuständigen Forstbetrieb scheint dies bewusst zu sein. Entsprechend hat er ein Schild hingestellt, um Spazierende über die Forstarbeiten zu informieren.

    Ein Schild vom Forstbetrieb Unterer Hauenstein informiert über den Holzschlag.
    Bild: Bruno Kissling

    Dachse im Bannwald

    Auf ihren Spaziergängen habe sie früher öfter Dachse gesehen und sich gefreut, jedoch nicht mehr seit die Waldarbeiten begonnen hätten. Die scheuen Tiere seien wohl vor dem Lärm geflohen, mutmasst sie. Sie hofft, dass sie noch fliehen konnten, bevor ihr Bau zerstört worden sei.

    Eigentlich bekämen Dachse im Februar Nachwuchs und hätten deshalb Schonzeit. Doch sie bezweifle, dass auch die Winzlinge mit ihren Eltern fliehen konnten. Sie zeigt sich besorgt, nicht nur um den Wald, den sie so gut kennt, sondern auch der Dachse wegen, die in ihm leben.

    Schonzeit für Dachse
    Während der Jungenaufzucht geniesst der Dachs eine Schonzeit, die vom 16. Januar bis zum 15. Juni dauert. Während der Zeit darf er nicht bejagt werden, und sein Bau muss vor Beschädigungen geschützt werden. So schreibt es das Bundesgesetz vor. (rac)

    «Das ist uns nicht egal»

    Warum aber wurden im Bannwald in der Schonzeit der Dachse Holzarbeiten vorgenommen? Es tue ihm leid, er habe von dem Vorfall mit den Dachsbauten gehört, sagt der zuständige Revierförster und Mitte-Kantonsrat Georg Nussbaumer. «Das ist uns nicht egal, ganz im Gegenteil.»
    Die Forstarbeiten hätten sich immer weiter hinausgezögert, bis in den Februar, also in die Schonzeit der Dachse. Dann habe man schlicht die Lage falsch eingeschätzt: Die Arbeiter dachten, der Boden sei durchgefroren und befahrbar, dann sei wohl eine Maschine eingebrochen. «Wo gearbeitet wird, entstehen auch Schäden», sagt er. Er denke aber nicht, dass Dachse verletzt worden sind.

    Der Revierförster und Kantonsrat Georg Nussbaumer.
    Bild: Bruno Kissling

    Katharina Wyss wünscht sich vor allem mehr Achtsamkeit dem Wald gegenüber. Dafür setzt sie sich ein. «Es darf nicht nur Nutzwald geben, der Wald ist auch für uns und viele Lebewesen da. Es geht mir vor allem darum, dass die Menschen verstehen, was sie eigentlich bewirken, wenn sie den Wald so bearbeiten.»

    Auch Waldarbeiter haben es schwierig

    Man forste die Stellen auch wieder auf. Jedoch mit Bäumen, die mit den veränderten Klimabedingungen besser zurechtkämen. Die Neubepflanzungen würden dann auch wieder neuen und vor allem gesunden Lebensraum für Waldtiere schaffen. Aus diesem Grund hätten sich in der ganzen Region die Forstarbeiten verzögert und sich teilweise bis in den März hineingezogen. Das sei aussergewöhnlich, betont Nussbaumer.

    Nussbaumer sagt, man müsse auch das grössere Bild betrachten: «Die Förster machen alles kaputt», das höre er immer wieder. Er könne auch gut verstehen, dass die Leute sich an den Waldarbeiten störten, wenn sie in den Wald spazieren gingen: Aber: «Sie sollen sich doch einmal fragen, wie das Ganze entstanden ist». Noch Ende der 1970er-Jahre habe es im hier Wald nur Fichten und Tannen gegeben, seither habe man kontinuierlich Mischwald aufgeforstet.

    Wie geht es den Dachsen in Olten?

    Wie also geht es den Dachsen in den Wäldern um Olten? Peter Flückiger, Leiter vom Haus der Museen Olten, weiss Bescheid – zurzeit findet die Sonderausstellung «Wow … ein Dachs!» im Naturmuseum Olten statt.

    Das Naturmuseum Olten zeigt noch bis Ende Juli in der Sonderausstellung «Wow … ein Dachs!» das verborgene Leben des scheuen Waldbewohners.
    Bild: Bruno Kissling

    Dem Dachs in den Wäldern um Olten gehe es gut, erklärt Flückiger auf Anfrage am Telefon. Der Bestand sei recht stabil und in den letzten Jahrzehnten leicht angewachsen. Der Dachs lebe jetzt mitten unter uns und halte sich auch gerne in Quartieren und an Stadträndern auf. Da der Dachs ein sehr anpassungsfähiges Tier sei, profitiere er auch von der Nähe zum Menschen. Als Allesfresser könnten ihm zum Beispiel auch landwirtschaftliche Kulturen als Nahrungsquelle dienen.

    Inwieweit sich Forstarbeiten auf Dachse auswirkten, sei schwer abzuschätzen und müsse wohl im Einzelfall beurteilt werden. Generell sei der Dachs als nachtaktives Tier, das tagsüber im Bau ist, jedoch wenig von Lärm am Tag gestört. Auch der Klimawandel mache dem Dachs wohl kaum zu schaffen. Er reduziere seinen Stoffwechsel im Winter und könne so gut auch unter schwierigen Bedingungen zurechtkommen.

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch


  • «Der grösste Lohn ist die Dankbarkeit»

    «Der grösste Lohn ist die Dankbarkeit»

    Annemarie Roth ist eine von mehreren Freiwilligen, die sich im Alterszentrum Mühlefeld in Erlinsbach SO um betagte Menschen kümmern. Bei einem Besuch spricht sie über ihre Beweggründe für diese unentgeltliche Arbeit und erzählt von berührenden Gesprächen mit Bewohnenden.

    Die Freiwillige Annemarie Roth begleitet einen Bewohner im AZ Mühlefeld in Erlinsbach.
    Bild: Bruno Kissling

    An den Hängen über Olten lag am Morgen noch Schnee. Es ist ein kalter, grauer Tag, die Menschen auf den Strassen wirken in sich gekehrt. Umso wärmer werden wir im Alterszentrum Mühlefeld in Empfang genommen: Eine Frau um die siebzig kommt mit einem breiten Lächeln auf uns zu und grüsst mit respektvollem Händedruck.

    Man merkt, die fröhliche Frau hat viel Erfahrung im Umgang mit Menschen. Ihr Name ist Annemarie Roth. In der Cafeteria lädt sie zum Kaffee und erzählt: von der Freiwilligenarbeit, ihrer Motivation dazu und ein wenig von ihrem Leben.

    Freiwillige bringen Abwechslung mit sich

    Das AZ-Mühlefeld gehört zu ihrer Lebensgeschichte: Roth arbeitete hier dreissig Jahre lang als Fusspflegerin. Bis sie siebzig wurde: «Dann habe ich innert kurzer Zeit meine Arbeit und meine Mutter verloren, beide im AZ-Mühlefeld.» Jetzt hat ihr Lächeln etwas Trauriges. Auch ihre Mutter habe ihre letzten Lebenstage hier verbracht. Und wir erfahren, warum sich Roth zur Freiwilligenarbeit entschieden hat: «Ich vermisste das Gefühl, gebraucht zu werden», sagt sie ernst.

    Roth ist eine von acht Freiwilligen, die im AZ-Mühlefeld regelmässig ihre Hilfe anbieten. An einem Nachmittag in der Woche verbringt sie Zeit mit zwei, manchmal drei Bewohnerinnen und Bewohnern, spielt mit ihnen Karten, tauscht Geschichten aus, unterstützt sie bei Handarbeiten. Oder sitzt einfach still mit ihnen zusammen.

    «Und dann bist du auch noch jeden Montagabend zum Bettmümpfeli da», ergänzt Rahel Müller, Leiterin Pflege und Betreuung im AZ. «Das ist ein Abend für diejenigen, die noch nicht ins Bett wollen», erklärt Roth. «Wir singen oder spielen ein Spiel.»

    Rahel Müller, Leiterin Pflege und Betreuung vom AZ Mühlefeld.
    Bild: Bruno Kissling

    «Sie ist jemand, der das normale Leben zu uns bringt.»

    Und Müller sinniert: «Manchmal fehlt hier der Bezug zur Aussenwelt.» Viele Bewohnerinnen und Bewohner leiden an einer demenziellen Entwicklung. Manche seien in ihrer eigenen Welt gefangen, andere oft niedergeschlagen. «Annemarie hilft ihnen, aus sich herauszukommen.» Sie kenne einige der alten Menschen noch aus dem Dorf, aus Erlinsbach, wo sie wohnt. Sie sei ihnen nah und komme schnell mit ihnen ins Gespräch.

    «Nah, aber nicht zu nah», präzisiert Roth. Nicht, wie es manchmal bei Verwandten der Fall sei, wenn man alle die Probleme und kleinen Kämpfe in die Beziehung hineinbringe. Darum würden manche ihr intime Geschichten anvertrauen, die sie ihren Angehörigen vorenthielten. Kürzlich habe eine Frau sie gebeten, ihr noch einmal alle Liebesbriefe ihres verstorbenen Mannes vorzulesen. «Als ich fertig war, haben wir beide geweint», sagt Roth. Doch sie lächelt: «Das sind Momente, die mir viel geben.»

    Personalmangel macht zu schaffen

    Es geht im AZ-Mühlefeld auch geschäftig zu und her: Das Personal, die Menschen in den blauen Kleidern, bleibt fast unbemerkt im Hintergrund. Sie schieben Rollstühle, tragen Tücher, begleiten jemanden durch die Korridore. Knapp hundert Angestellte arbeiten in der Institution, viele davon Teilzeit. In vielen Altenheimen fehlt es an Personal. Auch im AZ-Mühlefeld: «Vor allem gute Leute sind schwierig zu finden. Nicht alle haben wirklich den Wunsch, mit älteren, zum Teil dementen Menschen zu arbeiten», sagt Müller. Schweizweit verliessen rund 300 Personen pro Monat den Pflegeberuf, so Müller.

    Wir schauen uns im AZ um: Das Licht, die grossen Türen und breiten Korridore schaffen eine offene Atmosphäre, erinnern aber auch an ein Krankenhaus. Zeichnungen und Bastelarbeiten geben etwas Farbe. Es ist ruhig. Die meisten der 85 Bewohnerinnen und Bewohner sind auf ihren Zimmern. Ein alter Herr an einem Stock kommt uns entgegen. Gut gelaunt begrüsst er Roth. Für ein Foto in der Zeitung posiere er gerne. Er scheint sich über die Abwechslung zu freuen.

    Im Mittelpunkt stehen die Bewohnerinnen und Bewohner

    Annemarie Roth will uns noch jemanden vorstellen. Zuerst erkundigt sie sich bei der betreffenden Person, ob das für sie in Ordnung ist. Wir folgen ihr durch Korridore, vorbei an Türen, die jeweils mit einem Namen und einer Nummer beschriftet sind.

    Dann gehen wir zu Yvonne Hasler ins Zimmer. Die Frau sitzt in einem grossen Stuhl und scheint in sich zu ruhen. Man wird ehrfürchtig vor all der Zeit, die sich auf ihrem Gesicht abzeichnet. Zur Begrüssung blickt sie uns ein wenig schüchtern an und nickt dann mit dem Kopf, bevor sie sich wieder zu Roth wendet. «Wir sehen uns regelmässig», sagt Roth.

    Besuch im Zimmer von Yvonne Hasler.
    Bild: Bruno Kissling

    Wir fragen, ob sie sich über die Besuche von Roth freue. Leise sagt sie: «Sie ist eine liebe.» Die beiden tauschten auch schon Geschichten aus, erzählt Roth. Was für Geschichten, wollen wir wissen. Doch jetzt werden wir abgewiesen: Die beiden Frauen blicken sich vertraut an. «Das ist ein Geheimnis», sagt schliesslich Hasler bestimmt, und Roth fügt lachend an: «Das ist zwischen uns.»

    Man merkt: Annemarie Roth ist ein Mensch, der gerne zuhört, kein Mensch, der einen grossen Wirbel um sich macht. Bei ihr stehen die Menschen, denen sie im Lebensabend zur Seite steht, im Mittelpunkt. Was sie denn als Gegenleistung bekommt, wollen wir noch wissen. Immer wieder ein Abendessen, sagt sie, und fügt an: «Der grösste Lohn ist die Dankbarkeit, die ist unbezahlbar.»

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch


  • «Die Situation ist wirklich schwierig»: Trimbach spart sogar bei den Kosten für amtliche Publikationen

    «Die Situation ist wirklich schwierig»: Trimbach spart sogar bei den Kosten für amtliche Publikationen

    Die Gemeinde Trimbach publiziert fortan nur noch in reduzierter Form im «Niederämter Anzeiger». Diese vermeintlich banale Nachricht ist Symptom der finanziellen Notlage, in der sich Trimbach befindet: Es muss an allen Ecken und Enden gespart werden.

    Gemeindeverwaltung von Trimbach: Die finanzielle Lage der Niederämter Gemeinde ist prekär.
    Bild: Bruno Kissling

    Nach der «Trimbacher Seite» sucht man in der aktuellen Ausgabe des «Niederämter Anzeigers» vergeblich. Bis Mitte Januar informierte die Gemeinde auf ihrer eigenen Seite im amtlichen Publikationsorgan über die Abfallentsorgung, über Füchse und Marder im Dorf, Jass-Nachmittage und Gospel-Konzerte. Jetzt publiziert die Gemeinde nur noch das Notwendigste und das, wozu sie amtlich verpflichtet ist.

    In der aktuellen Ausgabe sind das Informationen zu zwei laufenden Bauausschreibungen, dazu das Datum der nächsten Gemeinderatssitzung. «Die Traktandenliste finden Sie auf unserer Homepage und in unserer App», steht unter der kleinen Anzeige geschrieben. Anfang des Jahres gab die Gemeinde an selber Stelle bekannt, auf alle grösseren Publikationen im Anzeiger zu verzichten.

    Ein Fehlbetrag von fast zwei Millionen Franken

    Diese augenscheinlich kleine Angelegenheit steht in Zusammenhang mit einer Notlage: mit der prekären finanziellen Lage der Gemeinde. Für 2024 wird ein Fehlbetrag von fast zwei Millionen Franken erwartet; es droht die Zwangsverwaltung durch den Kanton. Ein Antrag auf eine Steuererhöhung um drei Prozent wurde von der Bevölkerung in der Budget-Gemeindeversammlung, die einer Krisensitzung glich, im vergangenen Dezember abgelehnt. Nun muss die Gemeinde an allen Ecken und Enden sparen.

    Bis zu 20’000 Franken könne die Gemeinde pro Jahr einsparen, wenn sie auf die «Trimbacher Seite» verzichte, sagt Martin Bühler, Gemeindepräsident von Trimbach, auf Anfrage.

    Martin Bühler, Gemeindepräsident von Trimbach.
    Bild: Bruno Kissling

    Bühler verweist auf die Gemeinde-App, die Trimbach 2021 lanciert hatte. Darin könne man alle wichtigen Ereignisse in Trimbach einsehen, man erhalte auch Push-Nachrichten, wenn etwas Dringendes anstehe. Die App fordere Nutzerinnen und Nutzer sogar dazu auf, die Abfallsäcke rechtzeitig für die Kehrichtabfuhr bereitzustellen. Etwa 1000 der rund 6500 Einwohnerinnen und Einwohner Trimbachs würden die App bereits nutzen.

    Auf analoge Plakate und Aushänge achten

    Er bedaure die virtuelle Handhabe auch, gerade für ältere Menschen, von denen manche digital nicht gut ausgerüstet seien, antwortet Bühler auf Rückfrage, «aber die Situation ist wirklich schwierig». Man solle jenen Personen, die Mühe mit ihren Mobilgeräten haben, doch bitte helfen, die Trimbach-App richtig einzustellen. So könnten auch sie ohne grosse Mühe wichtige Informationen auf dem Bildschirm sehen.

    Die Gemeinde bemühe sich zudem, Veranstaltungen an gut sichtbaren Orten im Dorf zu plakatieren: Die Bevölkerung solle bei der Gemeindeverwaltung, am Coop und beim Voi sowie bei der Drogerie Kurz nach angeschlagenen Plakaten Ausschau halten.

    «Es tut mir weniger weh, beim ‹Niederämter Anzeiger› einzusparen, als an anderen Orten», sagt Bühler und berichtet von den Einsparungen, die die Gemeinde überall vornehmen muss: So werde etwa der Mühlemattsaal im Normalfall nicht mehr über 18 Grad geheizt und in Gebäuden der öffentlichen Verwaltung werde auf LED-Beleuchtung umgestellt.

    Wird weniger stark beheizt in Zukunft: der Trimbacher Mühlemattsaal.
    Bild: Bruno Kissling

    In erster Linie konzentriere sich die Gemeinde jedoch darauf, das Steuersubstrat zu erhöhen – bekämpfen der Ursache quasi. Trimbach sei eine arme Gemeinde, betont Bühler. Das Ziel sei es nun, finanzkräftige Personen, die mehr Steuern zahlen könnten, anzulocken. Dafür würden Renovierungen von Liegenschaften, die sich in Gemeindebesitz befinden, durchgeführt.

    Die Notlage hat auch positive Seiten

    Die Notlage der Gemeinde hat jedoch auch positive Seiten: Die Stimmung im Gemeinderat sei gut, versichert der Gemeindepräsident. Man sei durch die Notlage eher zusammengerückt und spreche zunehmend mit einer Stimme – politische Spiele würden hintangestellt, das Tagesgeschäft stehe im Vordergrund. «Wir gehen zusammen durch einen Erkenntnisprozess», formuliert Bühler und macht darauf aufmerksam, dass es eine schwierige Aufgabe ist, eine Gemeinde in finanzieller Notlage zu verwalten.

    Mitte des Jahres will Bühler die finanzielle Situation seiner Gemeinde neu bewerten. «Dann werden wir sehen, ob unsere Massnahmen greifen.» Ob die grösste Gemeinde des Niederamts das Geschehen im Dorf bald wieder vielfältiger im «Niederämter Anzeiger» publiziert und abbildet, wird sich dann zeigen.

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch



  • Der Dulliker Zukunftsforscher Joël Luc Cachelin wagt die vegane Utopie in erzählerischer Form

    Der Dulliker Zukunftsforscher Joël Luc Cachelin wagt die vegane Utopie in erzählerischer Form

    «Veganomics» heisst das neue Sachbuch des Dulliker Zukunftsforschers Joël Luc Cachelin. Auf spielerische Weise erkundet der Niederämter Möglichkeiten des veganen Lebens und Wirtschaftens. Er kommt zum Schluss: Eine florierende Wirtschaft ohne das Töten von Tieren ist prinzipiell möglich.

    Joël Luc Cachelin lebt in Dulliken und betreibt hier seine «Wissensfabrik», einen Ort, an dem die Zukunft der Menschheit erforscht werden soll.
    Bild: Bruno Kissling

    Im Jahr 2045, nachdem die Menschheit immer mehr unter Klimawandel und Pandemien zu leiden hatte, haben vier Inseln in der Nordsee ihre Unabhängigkeit erklärt – sie wollen fortan vegan leben. Denn in der industriellen Tierhaltung sehen die vier Stadtinseln die Ursache für die globale Krise. Mit dieser Zukunftsvision beginnt das etwas andere Sachbuch von Joël Luc Cachelin über das Essen von Tieren, die «vegane Revolution» und deren wirtschaftliche Perspektiven.

    Vier wirtschaftliche Utopien entwickelt

    In erzählerischer Form nimmt Cachelin Ansätze auf, die bereits heute existieren und zeigt, was passieren würde, wenn man diese konsequent umsetzt. Entsprechend entwickeln die vier Stadtinseln ihre jeweils eigene Art und Weise, vegan zu leben und zu wirtschaften:

    Auf Chlorella leben die Menschen strikt vegan in einer Art ökologischem Paradies. Alle tierischen Rohstoffe haben sie durch pflanzliche ersetzt; Erbsen, Sojabohnen und auch Algen dienen zur Produktion von Nahrungsmitteln, aus Hanf und Flachs werden Kleider hergestellt.

    Die High Tech Islands wiederum setzen ganz auf neue Technologien: Die Wissenschaftsstadt produziert synthetisches Fleisch und Fisch im Bioreaktor und betreibt Präzisionslandwirtschaft.

    Tenebrio lebt streng genommen nicht vegan, hier werden Insekten, Würmer und Quallen verarbeitet und gegessen – Tiere ohne zentrales Nervensystem, die nach aktuellem Wissensstand nicht leiden.

    Zirkula schliesslich setzt ganz auf Kreislaufwirtschaft und Recycling. Nur wenige Kühe, Ziegen und Hühner werden gehalten. Nach deren natürlichem Tod werden die Kadaver in die Kreisläufe zurückgeführt.

    Stärken und Schwächen einer veganen Wirtschaft

    Diese vier veganen Wirtschaftsansätze untersucht der promovierte Betriebswirtschaftler dann über 130 Seiten akribisch auf ihre Stärken und Schwächen. Die Untersuchungen sind detailliert und werden durch aktuelle Forschungsergebnisse untermauert – mit rund 600 Anmerkungen aus der Fachliteratur belegt er seine Aussagen. Dabei bleibt das Buch dank des erzählerischen Rahmens zugänglich und driftet kaum in den wissenschaftlichen Jargon ab.

    Um ein Beispiel zu geben: Den High Tech Islands ist es gelungen, «die Kühe vollständig zu ersetzen und Kasein, die Eiweissbasis von Käse, künstlich herzustellen. Dabei greifen die Neo-Landwirte auf die Fermentation zurück. Sie ist die wichtigste Super-Technologie der Insel und beruht auf intelligenten Mikroorganismen wie Bakterien, Schimmelpilzen oder Hefen, die organische Stoffe umwandeln».

    Perspektiven für eine bessere Welt

    Das Fazit von Cachelins Untersuchungen: Veganomics, also eine Wirtschaft ohne das industrielle Töten von Tieren, könnte gelingen und «hat nicht nur ökologische und tierethische Vorteile, sondern auch ökonomische».

    Veganomics sei jedoch nur realistisch, wenn man alle vier Möglichkeiten des Wirtschaftens kombiniere. Entsprechend beginnen in seiner Geschichte die vier Inseln untereinander Handel zu treiben. Man könne auf Industrie und auf Nachhaltigkeit setzen, auf natürlich hergestellte Produkte und auf innovative Zukunftstechnologie, schreibt Cachelin.

    Der erzählerische Rahmen mag etwas bemüht wirken, doch gelingt dem Dulliker Zukunftsforscher damit etwas, was viele Bücher zu dem Thema gar nicht erst versuchen: Er eröffnet Zukunftsperspektiven. Zwar zeigt auch Cachelin die Folgen der industriellen Tierhaltung auf, doch er begnügt sich damit nicht. Er scheint verstanden zu haben, dass sich die meisten Menschen nicht allein durch Abschreckung zu neuen Verhaltensweisen anleiten lassen, sondern auch Anreize und vor allem Visionen brauchen.

    Nachgefragt: «Essen muss Spass machen und einfach lecker sein»

    Was hat Sie angetrieben, das Buch zu schreiben: War es Mitleid mit den Tieren oder waren es rationale Überlegungen, wie wir als Menschheit gut leben können?

    Der wichtigste Grund war für mich tatsächlich das Wohl der Tiere. Ich lebe schon lange vegetarisch, aber als ich begann, Hühner zu halten, stellte ich mir Fragen. Welche Gesetze existieren zu ihrem Schutz? Kann man Eier beim Kochen ersetzen? Während des Schreibprozesses entdeckte ich dann immer mehr ökologische Probleme, die aufgrund des globalen Ernährungssystems entstehen.

    Wie kann man den Menschen eine vegane Lebensweise schmackhaft machen?

    Wichtig ist sicherlich der Preis. Es darf nicht sein, dass Hafermilch teurer als Kuhmilch ist oder dass Fleischersatz teurer ist als echtes Fleisch. Diese Preise müssen über eine Umverteilung der Subventionen hin zu pflanzlichen Proteinen angepasst werden. Die Preise werden sich angleichen, je grösser die veganen Märkte werden. Viele Menschen denken, dass Veganismus Verzicht bedeutet. Ich denke aber, er ist eine Möglichkeit, um viel gesünder und abwechslungsreicher zu leben. Essen muss Spass machen und einfach lecker sein.

    Man hört derzeit viel Dystopisches, es scheint, als würde uns angesichts der Probleme die Perspektive für eine gute Zukunft fehlen. Denken Sie, dass Ihr Buch da helfen kann?

    Das hoffe ich zumindest. Mir war wichtig den Fakten und düsteren Szenarien eine positive Vision gegenüberzustellen. Mit den verschiedenen Varianten einer anderen Ernährung wollte ich zeigen, dass die Zukunft mehrere Gesichter hat. Es sind tatsächlich düstere, tückische Zeiten. Gleichzeitig halte ich die Menschen auch für kreative und intelligente Wesen. Leider reagieren sie häufig zu spät, anstatt sich sorgfältig mit der Zukunft zu beschäftigen und dann auch konsequent zu handeln.

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch


  • «Wir sind kein Konsum-Festival»: Beim «Jor Cana» soll man nicht nur Musik hören, sondern auch mit anpacken

    «Wir sind kein Konsum-Festival»: Beim «Jor Cana» soll man nicht nur Musik hören, sondern auch mit anpacken

    Zum dritten Mal findet dieses Wochenende auf einem Hügel oberhalb von Trimbach das Jor-Cana-Festival statt. Die «Organisatoren» erwarten die Besucherinnen und Besucher mit einem aussergewöhnlichen Konzept: Sie sagen dem Konsum den Kampf an.

    Auf dem Festivalgelände sind die Aufbauarbeiten seit Montag im Gange.
    Bild: Bruno Kissling

    «Jor Cana» sei ein keltischer Ausdruck für «Jura-Gefäss», erklärt Reto Meister die auffällige Namenswahl für das Festival, das an diesem Wochenende auf den Jurahöhen oberhalb von Trimbach stattfindet.

    «Das Festival soll ein Ort sein, ein Gefäss, in dem Menschen zusammenkommen und sich kreativ ausleben», erklärt der grossgewachsene Mann und zeigt auf das Festivalgelände: ein Stück Wiese mit Blick auf die Hügel über Trimbach.Einige junge Männer arbeiten am Donnerstag an Installationen aus Holz: eine kleine Bühne für die Konzerte, die am Donnerstagabend beginnen, und ein hölzerner Turm für den DJ, der beim Eindunkeln eine Lichtshow mit «psychedelischen Visuals» zeigen wird.

    Reto Meister, Mitgründer des Jor-Cana-Festival.
    Bild Bruno Kissling

    In der Mitte des Geländes steht bereits das grosse Zelt, in dem sich die Menschen treffen sollen. Hier können sie Filme auf einer Leinwand anschauen und an verschiedenen Workshops teilnehmen, darunter Meditation und Yoga. Etwas abseits steht ein grosses Küchenzelt, in dem man sich verpflegen kann.

    Ein Festival zum Mitmachen

    Die Verpflegung sei kostenlos, erklärt Meister. Aber die Organisatoren haben nicht viel auf Lager. Deshalb sind alle, die kommen, dazu angehalten, selbst Verpflegung mitzubringen. «Wir sind kein Konsumfestival», umschreibt Meister das Konzept. Es gehe darum, das Festival mitzugestalten: «Viele Menschen, die den steilen Weg zum Festivalgelände auf sich genommen haben, reagieren erst einmal verwirrt, wenn sie hören, dass sie das Festival mitgestalten sollen», so Meister weiter. Dabei müsse es gar nicht viel sein, man könne beim Aufräumen helfen oder das Essen zubereiten.

    • Auf dem Festivalgelände haben die Aufbauarbeiten begonnen
      Bilder: Bruno Kissling

    Manche würden sich aber auch spontan entscheiden, etwas Grösseres zu organisieren, einen zusätzlichen Workshop oder einen musikalischen Beitrag. Das sei die Vision, betont Meister: «Wir wollen, dass die Menschen, die hierher kommen, nicht nur passiv konsumieren, sondern sich aktiv einbringen. Wir laden sie ein, kreativ zu sein.» Deshalb nehme man auch keine Geldspenden an, sondern animiere die Gäste zum Mitmachen.

    Am Wochenende wird an den Abenden mit etwa 300 Personen gerechnet. Es kämen Leute allen Alters und mit den verschiedensten beruflichen Hintergründen. Auf die Frage, wie sie das Festival finanzieren, zeigt Meister auf die drei hölzernen Toilettenhäuschen. «Das sind unsere grössten Ausgaben», erklärt er. «Wir versuchen, alles auf ein Minimum zu beschränken.»

    Die 20 Franken teuren Tickets seien für zwingende Unkosten gedacht. Geld verdienten sie mit dem Festival nicht. Das Gelände bekommt die Gruppe um Meister von einem Bekannten zur Verfügung gestellt. Beim Transport der Zelt- und Bühneneinrichtungen haben ihnen Bauern aus der Umgebung geholfen. Sie seien in der Region gut vernetzt, erklärt der gebürtige Trimbacher.

    Hier erlebt man kleine Acts hautnah

    Rund 15 verschiedene Bands werden am Festival auftreten. «Es sind wenig bekannte Musikerinnen und Musiker, vor allem aus der Schweiz, aber auch einige aus dem Ausland», erklärt Christoph Schärli, der als Kontaktperson für die Musikerinnen und Musiker fungiert, das musikalische Programm. Dazu zählen Ophelia’s Iron Vest, eine Bluegrass-Band aus Luzern; Cairo Jag aus den USA, die psychedelischen Rock’n’Roll spielen oder die deutsche Singer-Songwriterin Ella Julie.

    Organisieren müsse er nicht viel, sagt Schärli, denn obwohl sie den Musikerinnen und Musikern nur einen Unkostenbeitrag zahlen, hätten sich viele von selbst gemeldet, manche schon im Frühjahr. Die gute Atmosphäre auf dem Festivalgelände und das gesellige Beisammensein hätten sie angelockt, vermutet Schärli.

    Christoph Schärli, Mitgründer des Jor-Cana-Festivals.
    Bild: Bruno Kissling

    Von der guten Stimmung und dem Miteinander in den vergangenen zwei Jahren berichten auch Senâ Gülkanat und Julia Schärli, die beiden jungen Frauen, die im Küchenzelt, in dessen Mitte ein Feuer brennt, ein Mittagessen zubereiten. Hier oben erhalte sie eine Auszeit vom konsumorientierten Denken der Gesellschaft, sagt die Oltnerin. Und Schärli ergänzt: «Hier herrscht kein Individualismus, wir arbeiten zusammen.»

    Senâ Gülkanat und Julia Schärli bereiten im Küchenzelt ein Mittagessen für die Helferinnen und Helfer zu.
    Bild: Bruno Kissling

    Auf den für den Abend angekündigten Regen angesprochen, zuckt Schärli mit den Schultern: «Solange es keinen Sturm gibt, sind wir mit den Zelten gut ausgerüstet», erklärt sie lachend. «Wir nehmen es, wie es kommt», sagt Reto Meister. Er vertraut darauf, dass es schon irgendwie gut kommt. Das habe er bei der Organisation des Festivals gelernt.

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch


  • Sparrunde auf Kosten der Jugendarbeit

    Sparrunde auf Kosten der Jugendarbeit

    Die Sparmassnahmen der Gemeinde Trimbach wirken sich auch auf die Jugendarbeit aus. Das Betreuungspersonal berichtet von Stress, die Jugendlichen sind weniger oft betreut. Doch der Gemeindepräsident benennt die Prioritäten des Gemeinderats.

    Auch der Jugendtreff Chillout ist von der finanziellen Not der Gemeinde Trimbach betroffen.
    Bild: Bruno Kissling

    «Die Situation ist wirklich schwierig», sagte Martin Bühler, Gemeindepräsident von Trimbach, vergangene Woche zu dieser Zeitung. Damit betonte er die finanzielle Notlage, in der sich seine Gemeinde befindet: ein Fehlbetrag von fast zwei Millionen Franken für 2024. Eine Steuererhöhung sollte helfen, aus den roten Zahlen zu kommen, wurde jedoch von der Bevölkerung Ende des vergangenen Jahres abgelehnt. Der Gemeinderat spart jetzt deshalb auch bei der Jugendarbeit.

    Auftrag der Bevölkerung lautete anders

    Das lässt aufhorchen. Denn die Bevölkerung hat sich in der Gemeindeversammlung im Dezember 2022 nicht nur gegen höhere Steuern ausgesprochen, sondern eben auch gegen Kürzungen bei der Jugendarbeit. Um rund die Hälfte wollte der Gemeinderat das Budget und damit die Stellenprozente für die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJAT) damals streichen. Der Souverän befand jedoch, dass diese Abstriche dem Zusammenleben in der Gemeinde schaden würden.

    Gerade in einer Gemeinde, in der viele Eltern und Kinder einen Migrationshintergrund mitbringen, sei die Jugendarbeit und ihre integrative Leistung sehr wertvoll, argumentierte damals Julien Vonesch, Mitglied der Jugendkommission Trimbach. Vor allem die Jugendlichen aus weniger gut situierten Familien seien auf die Beratung, Begleitung und Vernetzungsarbeit angewiesen.

    Die Offene Kinder- und Jugendarbeit Trimbach (OKJAT) dient Kindern, Jugendlichen und deren Bezugspersonen als Anlaufstelle. Sie betreibt am Mühleweg 11 eine Infothek mit Informationen zu Kinder- und Jugendthemen, wie Berufswahl, Freizeit oder Gesundheit, und betreut den Kinder- und Jugendtreff Chillout. Daneben unterhält die OKJAT den Jugendraum Schürli. Die OKJAT wird von der Kinder- und Jugendförderung Bieli GmbH betrieben.

    Bis Mitte 2023 hatte die OKJAT ein Budget von 140’000 Franken für 120 Stellenprozente erhalten. Per Ende August 2023 wurde das Mandat für die OKJAT, das David Bieli mit seiner Kinder- und Jugendförderung Bieli GmbH 2019 übernommen hat, von der Gemeinde gekündigt. Somit konnte die Gemeinde das Mandat neu an die OKJAT vergeben – jedoch hat der Gemeinderat das Mandat nur zur Hälfte der ursprünglichen Stellenprozente ausgeschrieben; die OKJAT arbeitet seither mit reduziertem Personal.

    Sparen bei der Jugendarbeit?

    Warum kürzt Trimbach trotz anderem Auftrag bei der Jugendarbeit? Martin Bühler, Gemeindepräsident von Trimbach, sagt auf Anfrage, dass es sich weniger um eine Kürzung, sondern eher um eine Umstrukturierung handle. Die finanziellen Mittel in Trimbach müssten gezielter eingesetzt werden; so hätte die Gemeinde die Frühförderung in Deutsch ausgebaut und zusätzliches Geld in Spielgruppen investiert. Dazu kämen noch Ausgaben für die Schulsozialarbeit, und diese seien unantastbar.

    Martin Bühler, Gemeindepräsident Trimbach.
    Bild: Bruno Kissling

    Aber er könne es nicht von der Hand weisen: «Jeder Einschnitt schmerzt. Aber falls es zur Zwangsverwaltung durch den Kanton kommt, gibt es gar keine Jugendarbeit mehr, diese ist vom Gesetz nicht vorgeschrieben.»

    Sparmassnahmen mit Folgen

    Das OKJAT-Personal spüre die Sparmassnahmen der Gemeinde, sagt David Bieli, Betreiber des OKJAT. Seit sie das Mandat neu übernommen hätten, sei die Situation schwieriger. Das Personal erledige jetzt viele Aufgaben gleichzeitig, das sei bei dieser anspruchsvollen Arbeit schwierig und führe zu Stress.

    Aber vor allem die Kinder und Jugendlichen Trimbachs bekämen die Folgen der Sparmassnahmen zu spüren: Im Januar gab die OKJAT auf ihrer Internetseite bekannt, dass der Jugendtreff Chillout künftig nicht mehr verbilligt an Jugendliche vermietet werden könne. Zudem mussten dessen Öffnungszeiten eingeschränkt werden, da das Betreuungspersonal nicht mehr rund um die Uhr verfügbar sei.

    «Das ist schade, es ist ein cooles Angebot für Jugendliche», sagt David Bieli. Das Chillout sei bei ihnen beliebt. Sie mieteten das Chillout auch gerne für ihre Feste, Abschlüsse von Schulklassen, Geburtstagspartys und einfach für spontane Anlässe.

    Martin Bühler betont, dass er die Arbeit der OKJAT sehr schätze. Leider sei Trimbach wirklich eine arme Gemeinde und man müsse Abstriche machen. Gute Vorschläge von Jugendlichen, zum Beispiel für ein Sommerprogramm, werde die Gemeinde gerne unterstützen.

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch