Fast vierzig Jahre lang war Marti Pöstler in Hinterfultigen – zuerst als Posthalter, später als Zusteller. Mit seinem Abschied geht eine Postgeschichte über vier Generationen zu Ende.
In Kürze:
- Pöstler Erich Marti beendet nach vier Generationen Familientradition seinen Dienst in Hinterfultigen.
- Marti übernahm nach dem Tod seines Vaters in den 80er-Jahren die Poststelle mit seiner Frau und modernisierte sie.
- Die Schliessung der Poststelle 2003 brachte trotz anfänglichem Verlust auch Positives mit sich.
- Marti kennt die Menschen in Hinterfultigen gut und engagiert sich als Beistand für die Kesb in der Gemeinde Rüeggisberg.
Die Bise zieht über die Hügel von Hinterfultigen. Geschneit hat es nicht, aber Frost liegt auf den Grashalmen. Strässchen winden sich um die Hügel und an den Bauernhäusern vorbei. Wald prägt das Landschaftsbild. Ab und zu trägt der Wind vielleicht den Dreiklang des Postautos herüber, den man hier wieder hören kann. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen.
Das ist das Gebiet des Pöstlers Erich Marti. Bald wird es Teil seiner Vergangenheit sein, denn mit dem neuen Jahr geht der 65-Jährige in den Ruhestand. Damit endet eine vier Generationen überspannende Geschichte von Pöstlern in Hinterfultigen.

Foto: Raphael Moser
Erich Martis Gesicht ist gerötet von Wind und Kälte, aber er lacht. Es ist der 24. Dezember. «45 Kilometer habe ich bereits hinter mir», sagt er und öffnet den Kofferraum des gelben VWs mit Allradantrieb und Spikes. Einige Päckchen und Kisten mit Briefen liegen hier, es hätte aber gut noch Platz für mehr. «Es ist 11.20 Uhr. Heute bin ich gut drin», sagt er.
Die meisten Weihnachtspakete habe er bereits in den Vortagen ausgeliefert, die grossen Päckchenberge kämen dann in der Altjahrswoche – wenn die Leute ihr Weihnachtsgeld ausgäben oder bestellten, was sie nicht geschenkt bekommen hätten.
248 Haushalte bedient der Pöstler vom Verteilzentrum Riggisberg aus. Er sprüht vor Leben. Er lacht viel, spricht schnell, fährt mit seinem Auto zügig über die schmalen, teils sehr steilen Zufahrten. Er sagt: «Es macht mir immer noch Freude, aber jetzt ist es Zeit, dass etwas anderes kommt.»

Foto: Raphael Moser
Die Poststelle im eigenen Haus
In einer kleinen Stube über dem ehemaligen Postbüro Hinterfultigen breitet Marti Fotos aus. Die Stube liegt in dem Haus, in dem er aufgewachsen ist und in dem schon sein Grossvater in den 1920er-Jahren die Post betrieb. Die Bilder zeigen Ausschnitte aus seinem Leben, etwa seine Frau Monika Marti-Zeller vor der renovierten Poststelle. Kennen gelernt hat er sie in einem Skilager der Post in Arosa. Ihretwegen zog es ihn für sieben Jahre nach St. Gallen. «Die Leute im Dorf sagten: Der kommt nicht wieder», erzählt Marti.

Foto: Raphael Moser
Doch er kam wieder. 1988 starb Erich Martis Vater mit nur 58 Jahren. Darauf meldete sich die Kreispostdirektion Bern. «Sie sagten: Wenn du die Poststelle übernimmst, dann schauen wir, dass du und deine Familie davon leben können.» Also zog er zusammen mit seiner Frau zurück nach Hinterfultigen.
Marti modernisierte die Poststelle auf eigene Rechnung. Die Liegenschaft gehört der Familie, die Post war eingemietet, wie es auf dem Land oft der Fall war. Schalter und Büro wurden erneuert, Sicherheitsvorschriften umgesetzt. «Früher konnte man einfach durch die Stube ins Büro hinein», erzählt er. Seine Frau arbeitete in der Poststelle mit. Und der Feierabend war selten klar definiert. «Wer spät noch etwas brauchte, kam vorbei oder rief an», erzählt Marti. Während dieser Jahre wuchs auch die Familie. Drei Kinder kamen zur Welt.

Foto: Thomas Wüthrich
Schliessung der Poststelle
2003 kam der Einschnitt. Die Poststelle in Hinterfultigen wurde geschlossen. Die Gründe lagen im Umbau des Postnetzes: Kleine, selbstständige Poststellen auf dem Land galten nicht mehr als zeitgemäss. Aus dem Posthalter Marti wurde ein Zusteller im neuen System der Post. Zunächst arbeitete er von der Poststelle Rüeggisberg aus. Nach deren Schliessung wurde die Zustellung in Riggisberg konzentriert; von dort aus bediente Marti fortan die Haushalte in Fultigen und Rüeggisberg.

Foto: Raphael Moser
«Zuerst litt ich unter dem Wechsel», sagt Marti rückblickend. Die Poststelle war lange Teil des Familienlebens gewesen. Doch: «Im Nachhinein erkenne ich, dass der Wechsel auch Vorteile hatte.» Der Arbeitsalltag wurde klarer strukturiert, planbarer.
Vor allem für die Familie sei die Schliessung ein Gewinn gewesen. «Früher drehte sich bei uns alles um unsere Poststelle, sogar am Esstisch am Abend war sie Thema. Es fehlte die Abwechslung, etwas von aussen», sagt Marti. Die Post blieb jedoch zentral für die Familie: Seine Frau arbeitete fortan am Postschalter in Schwarzenburg.
Die Pöstlerfamilie Marti in Hinterfultigen
«Zuerst litt ich unter dem Wechsel», sagt Marti rückblickend. Die Poststelle war lange Teil des Familienlebens gewesen. Doch: «Im Nachhinein erkenne ich, dass der Wechsel auch Vorteile hatte.» Der Arbeitsalltag wurde klarer strukturiert, planbarer.
Vor allem für die Familie sei die Schliessung ein Gewinn gewesen. «Früher drehte sich bei uns alles um unsere Poststelle, sogar am Esstisch am Abend war sie Thema. Es fehlte die Abwechslung, etwas von aussen», sagt Marti. Die Post blieb jedoch zentral für die Familie: Seine Frau arbeitete fortan am Postschalter in Schwarzenburg.
Die Pöstlerfamilie Marti in Hinterfultigen
Die Geschichte der Familie Marti im Postdienst beginnt 1891. Damals wurde Rudolf Marti offizieller Pöstler von Hinterfultigen. Zuvor hatte er sich bereits um die Post der Gegend gekümmert: Als Dachdecker und Bauer kannte er die Region gut, um Eier zu verkaufen, ging er einmal pro Woche zu Fuss nach Bern und brachte von dort jeweils auch die Post für die Höfe rund um Hinterfultigen mit.
Mit der Ernennung durch die Oberpostdirektion in Bern erhielt er eine offizielle Urkunde und einen Jahreslohn von 600 Franken. Ab dann legte er täglich zwischen 24 und 30 Kilometer zurück, zu Fuss, auch bei Sturm und Schneefall.

Foto: PD
Auch sein Sohn Fritz ging zu Fuss. In seiner Zeit richtete er im Familienhaus die Poststelle ein. «Alle im Dorf kannten den Pöstler», sagt Erich Marti. «Von November bis Februar gab es oft dreimal pro Woche Blut- und Leberwürste.» Es waren kleine Gaben während der Metzgete – ein Dank der Bauern.

Foto: PD
Erich Martis Vater führte die Poststelle weiter. «Als mein Vater die ganze Zustellung noch zu Fuss machte, hatte er immer seinen Hund dabei, auch im Büro», erzählt Marti. Sicherheitssysteme im heutigen Sinn gab es nicht. 1985 bekam er einen Motorroller. Er war auch abends erreichbar. «Ein Posthalter ist kein Angestellter mit fixen Arbeitszeiten», sagt Marti. «Er ist eher wie ein Dorfarzt.»

Foto: Raphael Moser
Das Ende der Pöstlerdynastie
Von seinen drei erwachsenen Kindern wollte keines den Pöstlerberuf übernehmen. Auf die Frage, wie es für ihn ist, der Letzte der Pöstlerdynastie zu sein, sagt er: «Es freut mich, dass meine Kinder ihren eigenen Weg gehen und das machen, was ihnen gefällt.» Trotzdem bleibt auch die nächste Generation Hinterfultigen treu: Seit kurzem lebt sein Sohn in der Wohnung neben der ehemaligen Poststelle.
Marti hat keine Angst, dass er nach der Pensionierung nichts zu tun hat. Denn neben der Post verbindet ihn mit seinen Vorfahren noch etwas anderes: Sie kümmerten sich um die Menschen im Dorf. Erich Marti arbeitet nebenbei als Beistand für die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), betreut Menschen aus der Region. «Es ist gut, wenn man die Menschen im Dorf kennt, als Pöstler und auch, wenn man helfen will», sagt er.

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