Ein Erlebnispfad im Wald oberhalb von Steffisburg macht sichtbar, was sonst verborgen bleibt – Meisen, Waldkäuze, Fledermäuse. Und er erzählt vom Engagement einer Gymnasiastin.
In Kürze:
- Aisla Spichiger hat zusammen mit fünf anderen Gymnasiasten den Erlebnispfad «Federfröhlich» eingerichtet.
- Der Pfad informiert Besuchende über heimische Vögel, Fledermäuse und Hornissen.
- Nistkästen am Weg bieten Lebensraum für viele Vogelarten.
- Banken und lokale Unternehmen unterstützen das Projekt, das bis 2030 weiterlaufen soll.
Aisla Spichiger steigt eine Leiter hinauf, die in die Bäume führt. In der einen Hand hält die 16-Jährige einen Bunsenbrenner, mit der anderen zieht sie sich zu einem Vogelhäuschen hoch, in dem im Frühling ein Vogelpaar aus Moos und Federflaum ein Nest gebaut hat. Aus den Haselbüschen und von den Ästen der Tannen ringsum zwitschert und pfeift es.
Sie weiss genau, was sie tut. Zusammen mit fünf weiteren Gymnasiastinnen und Gymnasiasten hat sie das Umweltprojekt «Federfröhlich» aufgebaut – einen Erlebnispfad am Waldrand oberhalb von Steffisburg. Tafeln entlang des Weges informieren über das Leben der Vögel, Fledermäuse und Hornissen, die hier heimisch sind.
Ein Dörfchen für Vögel
Die Tafeln entlang des Weges seien nur provisorisch zur Vorschau montiert, erklärt Spichiger, für die endgültige Installation stehe noch eine Baubewilligung aus. Wissbegierige müssen sich also noch etwas gedulden, aber man wird Spannendes erfahren können: etwa dass der Waldkauz seinen Kopf um bis zu 270 Grad drehen kann, dass der Stich einer Hornisse harmloser ist als der einer Biene oder dass der Trauerschnäpper nach seiner Reise nach Afrika oft wieder genau an denselben Ort zurückkehrt.
Das Wichtigste aber steht nicht auf Augenhöhe: Versteckt im Dunkelgrün der Tannen hängen grössere und kleinere Holzhäuschen – Nistplätze für Meisen, Kleiber und andere Vögel, die hier leben, brüten und jeden Frühling zurückkommen.

Foto: PD
«Auch Vögel mögen es sauber, wenn sie sich im Frühling ein Zuhause suchen, um ihre Jungen aufzuziehen», sagt Spichiger. Sie steigt wieder von der Leiter herunter, ohne den Bunsenbrenner gebraucht zu haben. Heute trug sie ihn nur zur Demonstration mit. Später, im Herbst nach dem ersten Frost, wird sie wieder hinaufsteigen, um dann mit ein paar Feuerstössen Milben, Bakterien und Pilzsporen, die sich während der Brut angesiedelt haben, abzutöten. Wie das funktioniert, hat ihr der Natur- und Vogelschutzverein Steffisburg gezeigt.

Foto: Franziska Rothenbühler
Tatsächlich zeigen Studien, dass gereinigte Nistkästen deutlich häufiger bezogen werden. «Chemie ist ungesund für die Vögel. Aber ein wenig Feuer reicht, um die Vogelkästen zu säubern», sagt Spichiger.
In einer Lichtung über Steffisburg
or der sommerlichen Waldkulisse stellt die junge Frau zur Anschauung eine Reihe kleinerer und grösserer Holzhäuschen auf – mit unterschiedlich weiten Einfluglöchern und weinroten Chromstahldächern. Ein grosses für den Waldkauz. Einen schwarzen Kasten für die Fledermäuse. «Sie lieben es, im Sommer zu schwitzen», erklärt Spichiger. Die Nistkästen liessen die Jugendlichen von einer Schreinerei im Emmental herstellen, rund 30 Jahre sollen sie der Witterung trotzen.
50 Nistkästen, fünf Fledermaushöhlen und zwei Hornissenkästen haben die Jugendlichen installiert, rund zwei Drittel wurden in diesem Frühling und Sommer bezogen. Nistkästen sind für bedrohte Vogelarten wichtig, weil natürliche Brutplätze etwa in alten Bäumen oder Hecken zunehmend verschwinden.

Foto: Franziska Rothenbühler
Der Erlebnispfad führt am Waldrand entlang und zieht eine Schleife um eine Waldschneise, den Schnittweier. In ihrer Mitte fliesst ein Bächlein. «Ein idyllischer Ort», sagt Spichiger – gerade im Gegensatz zur im Sommer schwitzenden Stadt, dem Asphalt und den Abgasen. Aus dem Tannenwald riecht es dunkel und satt, und plötzlich springt aus dem Waldschatten ein Reh auf die Wiese. «Die Idee mit den Nistkästen hatte ich, als ich hier mit Chesmu, meinem Hund, spazieren gegangen bin. Es ist mir sehr wichtig, dass das hier weiterbesteht.»
Aisla Spichiger wohnt in der Nähe des Schnittweiers, in einer Lichtung im Wald sei sie aufgewachsen. Sie gerät ins Träumen, wenn sie davon erzählt, umrahmt ihre Worte mit den Händen. Denkt sie an ihre Kindheit, war da immer das Zwitschern der Vögel. «Als mein Urgrossvater gestorben ist, hat uns gleich danach ein Vögelchen besucht – wir dachten, vielleicht war das ein Abschiedsgruss von ihm.»
Ein Wirtschaftsprojekt für die Natur
Doch die junge Frau ist jetzt auch Unternehmerin. Sie spricht schnell, wenn sie erzählt, wie die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten Federfröhlich im Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht aufgebaut haben. Denn bei diesem Projekt geht es nicht allein um die Tiere im Wald, die Schülerinnen und Schüler sollen auch lernen, wie man ein Unternehmen gründet.

Foto: Franziska Rothenbühler
Im September haben sie begonnen: das Aufstellen von Geschäftskonzepten, Budgetplanung, die Suche nach Geldgebern, das Vorstellen des Projekts in Besprechungsräumen von Banken, Meetings mit Unternehmen, die mitfinanzieren, und Gespräche mit der Vogelwarte Sempach.
Aisla Spichiger hat die Rolle der Koordinatorin übernommen. «Eigentlich die CEO-Rolle», sagt sie, «aber so nennen wir das nicht.» Sie zeigt auf das Logo, das mit «viel Herzblut» und KI-Unterstützung erstellt wurde: Aus dem dezenten Grün des Waldes leuchtet ein lachender Vogel. Darunter ein Code für Spenden an Federfröhlich. «Nein, wir verdienen selbst nichts daran», die Frage bringt sie zum Lachen.

Foto: Franziska Rothenbühler
Trotzdem ist Federfröhlich längst über ein Schulprojekt hinausgewachsen. Das zeigt schon die Liste mit den Sponsoren: Banken, mehrere Firmen, Gemeinden und Burgergemeinden und auch der Gasthof Schnittweierbad, der Ausgangsort des Rundwegs ist. «Vernetzen ist wichtig fürs Geschäft», sagt sie und erzählt, dass die Eröffnungsrede für den Naturerlebnispfad Hanspeter Latour gehalten hat. Der ehemalige Fussballtrainer ist inzwischen bekannt als Naturfotograf und Autor zum Thema Artenvielfalt.
Dabei zeigt die 16-Jährige kaum Stolz, klar, ein wenig schwingt mit, wenn sie spricht, doch spürbar ist vor allem Tatendrang und ein Sinn fürs Konkrete. Vor wichtigen Treffen sei sie schon ein wenig nervös. «Aber ich habe gemerkt, dass sich meine Nervosität schnell legt, sobald ich in der Situation drin bin», sagt sie.

Foto: Franziska Rothenbühler
Sie sei zufrieden, wenn sie etwas aufbauen könne. Bevor sie nach dem Gymnasium ein Studium beginnt, plant sie ein Zwischenjahr. Auch, um sich weiter um Federfröhlich zu kümmern. Sie will die Behausungen für Vögel, Hornissen und Fledermäuse pflegen und dafür sorgen, dass der Erlebnispfad am Schnittweier mindestens bis ins Jahr 2030 weiterbesteht.
Veröffentlicht im Thuner Tagblatt und der Berner Zeitung am 14.07.25

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