Bienen, Seerosen und Solarpanels: Das unerwartete Biotop über der Fabrik

Flachdächer können Wasser speichern und Lebensräume schaffen. In Uetendorf hat die Firma Contec ihr Dach in einen Garten verwandelt und macht ihn nun der Öffentlichkeit zugänglich.

In Kürze:

  • Ein neuer Themenweg auf dem Dach der Uetendorfer Firma Contec zeigt Möglichkeiten moderner Dachbegrünung.
  • Begrünte Dächer können die Umgebungstemperatur in Städten um bis zu 2,8 Grad senken.
  • Begrünte Dächer sind im Trend und bieten neuen Lebensraum für Flora und Fauna.
  • Solarpanels lassen sich bei korrekter Installation problemlos mit Dachbegrünungen kombinieren.

Beton, Stahl, Glas und flimmernde Hitze – ein beliebiges Industriegebiet, wie es auch in Uetendorf eines gibt, an einem drückend heissen Tag. Ein Ort, ganz auf Funktionalität ausgerichtet. Werkhallen und Parkplätze bestimmen das Gelände. Die Strassen strahlen Hitze ab, kein Mensch ist zu sehen. Nur am Glütschbach am Rande der Industrie ist Leben zu finden.

Das Bächlein umfliesst das Firmengebäude von Contec, und auf dessen Dach hat sich eine eigene grüne Welt entwickelt. Hier arbeitet Simon Schopfer. Der gelernte Landschaftsgärtner ist als Spezialist für Dachbegrünungen tätig. «In der Sonne sind es gefühlt 40 Grad, hier im Schatten 20», sagt er und zeigt auf eine Gruppe Sträucher, die einen schmalen Fussweg beschatten. Dahinter liegt ein Teich mit Schilf und Seerosen, in dessen Mitte ein Pavillon steht. Hier ist die Luft feucht, fast tropisch.

Simon Schopfer steht mit verschränkten Armen vor einem Fenster, das einen grünen Dachgarten reflektiert. Hintergrund zeigt Bäume und Beton.
Simon Schopfer arbeitet als Dachbegrünungsspezialist bei der Firma Contec.
Foto: Beat Mathys

Diese grüne Idylle ist der Vorzeigegarten der Firma Contec. «Sozusagen unsere Produktpalette», sagt Schopfer. Hier will das Unternehmen zeigen, was auf Dächern möglich ist, und prüft gleichzeitig neue Konzepte im Alltagstest.

Ab dem 4. September wird der Garten auf dem Dach auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – «als Contec-Themenweg», wie die Firma schreibt. Der Rundgang führt über das begrünte Dach und um das Firmenareal und soll zeigen, wie auf begrenzter Fläche neuer Lebensraum entstehen kann.

Biotop auf dem Dach der Firma Contec in Uetendorf, mit Themenweg und üppiger Vegetation, unter blauem Himmel.
Auf einem Fabrikdach ist viel möglich. Hier ein Pavillon mit Teich auf dem Dach der Firma Contec.
Foto: Beat Mathys

Flachdächer sollen Wasser speichern

In erster Linie stellt Contec Abdichtungen für Flachdächer und Teiche her, aus Kautschukbahnen, die in der Werkhalle unterhalb des Dachgartens geplant, zugeschnitten und verschweisst werden. «Kautschuk ist langlebig», sagt Co-CEO Philipp Heiniger. Im Unterschied zu Kunststoffbahnen bleibe Gummi auch nach Jahrzehnten elastisch und sei weniger anfällig auf Witterungseinflüsse.

Sinnigerweise entwickelt die Firma auch Lösungen für Flachdächer, von der Abdichtung bis zur Unterkonstruktion der Photovoltaikanlagen. Contec vermarktet solche Anlagen unter dem Begriff «Energiegründächer» – also Flachdächer, die gleichzeitig begrünt und mit Solarpanels ausgestattet sind. Die Installation der Solaranlagen übernehmen spezialisierte Partnerfirmen.

In den dreissig Jahren seit der Firmengründung habe sich das Geschäftsmodell verändert. Nicht zuletzt durch das wachsende Umweltbewusstsein. «Früher wollten alle, dass das Wasser vom Flachdach runterkommt, heute soll es oben bleiben», sagt Heiniger. Gemeint ist die Begrünung anstelle Nackt- oder Kiesdächer.

Seit einigen Jahren ist daraus ein Trend geworden. Sichtbar etwa bei Techkonzernen wie Google oder Meta, die auf ihren Prestigebauten in London und Kalifornien regelrechte Parks erstellt haben. Auch in der Schweiz gibt es Beispiele im kleineren Massstab – etwa das Einkaufszentrum Sihlcity in Zürich oder das Tramdepot Wiesenplatz in Basel. Jüngst hat auch die Berner VCS-Sektion mit einer begrünten Vision für das Bahnhofareal Aufmerksamkeit erregt.

Luftaufnahme eines modern gestalteten Stadtviertels mit einem grossen Gebäude im Vordergrund und einem begrünten Bereich mit dem Schriftzug ’Bahnhof Markthalle’ im Hintergrund.
Die Berner VCS-Sektion und das Zentrum für Nachhaltigkeit Bollwerkstadt haben eine Vision für die künftige Gestaltung des Stadtraums rund um den Berner Bahnhof entwickelt. (Archivfoto)
Visualisierung: VCS/Reinventing Society/loomn

«Begrünte Flachdächer eignen sich im kleineren Stil auch für Wohnhäuser», sagt Simon Schopfer. Der Aufwand nach der Installation sei überschaubar: Einmal im Jahr müsse man jäten sowie Anschlüsse und Wasserabläufe kontrollieren.

Honig vom Flachdach

Erich Steiner, Geschäftsführer der Schweizerischen Fachvereinigung Gebäudebegrünung, erklärt: «Begrünte Dächer leisten einen wichtigen Beitrag zum Schwammstadtprinzip.» Gemeint ist ein Ansatz, bei dem Regenwasser gespeichert und genutzt wird, anstatt es abzuleiten. Konkret: Die Begrünung wirkt wie ein Schwamm.

Sie nimmt Regenwasser auf, die Pflanzen verdunsten einen Teil davon und geben die Feuchtigkeit an die Umgebung ab. So kühlt die Luft ab. Zusätzlich wird bei starkem Regen die Kanalisation entlastet. In Zahlen ausgedrückt: «Studien zeigen, dass grossflächige Dachbegrünungen die Umgebungstemperatur in Städten um bis zu 2,8 Grad senken können, im Vergleich mit versiegelten Flächen wie Plätze oder Strassen», sagt Steiner.

Auf dem Dach in Uetendorf blüht es. «Es sind Blumen, die mit viel Sonne zurechtkommen», sagt Schopfer. Dazwischen setzten sie Sukkulenten, also Pflanzen, die viel Wasser in ihren Blättern speichern. Wie ein leuchtend grün-gelber Teppich bedecken sie das Flachdach, das seinen industriellen Charakter verloren hat. Als Substrat würden auf Flachdächern wie diesem Ziegel- und Lavagranulat verwendet, vermischt mit organischen Materialien wie Kompost oder Humus.

Tatsächlich finden auch Tiere hier einen Lebensraum: Vier Bienenstöcke stehen auf dem Dach, rund zehn Kilo Honig können die Mitarbeitenden von Contec in diesem Jahr ernten. Der Verband Gebäudebegrünung bestätigt: Gerade in dicht bebauten Gebieten können solche Dächer Lebensraum für Vögel und Insekten schaffen.

Begrünte Dachfläche mit Solarzellen der Firma Contec in Uetendorf, umgeben von Bäumen unter blauem Himmel.
Sukkulenten, Pflanzen, die viel Wasser aufnehmen können, bevölkern das Dach.
Foto: Beat Mathys

Grüne Flachdächer und grüner Strom

Das Bild des grünen Paradieses wird jedoch durchbrochen: Lange Reihen von Solarpanels ziehen sich durch die Anlage. Die Firma will damit zeigen, dass Dachbegrünung und Photovoltaikanlagen miteinander bestehen können. Denn trotz des Bedürfnisses nach mehr Grün sei es in den letzten Jahren zu einem Rückwärtstrend gekommen.

Paradoxerweise auch aus Umweltgründen: Gerade bei Grossprojekten würden anstelle von Dachgärten Solaranlagen installiert oder bestehende Begrünungen zurückgebaut, so der Schweizerische Fachverband für Gebäudebegrünung. Dabei könnten beide durchaus nebeneinander funktionieren.

Blick auf das Gründach der Firma Contec in Uetendorf mit Solarpaneelen und bepflanzten Bereichen, Teil eines Themenwegs auf der Produktionshalle.
Solarpanels in verschiedenen Ausführungen zeigen, wie sich Dachbegrünung und Photovoltaikanlagen kombinieren lassen.
Foto: Beat Mathys

Es kommt auf die richtige Höhe an: «Mindestens 30 Zentimeter über dem Boden müssen die Solarpanels angebracht werden, nicht tiefer», sagt Christian Hofstetter, der bei Contec als Verkaufsleiter zuständig ist. Stünden die Anlagen zu tief, würden ungewollte Pflanzen unter ihnen wurzeln, hochwachsen und die Anlage verschatten. Bepflanze man mit der richtigen Höhe, entstünden besonnte und beschattete Bereiche, die die Vielfalt an Lebensräumen vergrösserten.

Dachbiotop der Firma Contec in Uetendorf mit Themenweg, schattenspendender Pergola und Steinbrunnen.
Die Terrasse auf dem Dach mit Teich und Ofen.
Foto: Beat Mathys

Erich Steiner von der Fachvereinigung Gebäudebegrünung weist noch darauf hin, dass sich nicht nur Solarpanels und begrünte Dächer gut kombinieren lassen. Auch die Vertikale bietet noch Spielraum: Bei Fassadenbegrünungen gebe es viel Potenzial, gerade in dicht bebauten Orten.

Veröffentlicht im Thuner Tagblatt und der Berner Zeitung am 02.09.25

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert