Autor: ramoncunz

  • Eine heitere Schule im Abschiednehmen

    Eine heitere Schule im Abschiednehmen

    «Herr Doktor, miis Büsi…» lautet der Titel des Erzählbandes von Johannes Kaufmann. In 24 Kurzgeschichten erzählt er darin aus seiner Sprechstunde. Was unterhaltsam kurzweilig ist, birgt Tiefgang: einfühlsame Beobachtungen über das Zusammenleben mit Tieren.


    Tierliebende müssen gut im Abschiednehmen sein. Denn die vierbeinigen Begleiter haben im Vergleich zum Menschen eine kurze Lebensdauer: Eine Katze wird bei guter Gesundheit und viel Glück 18 Jahre alt. Hunde können ihr Frauchen oder Herrchen 10 bis 15 Jahre lang begleiten.

    Dazwischen kann den treuen Begleitern alles Mögliche zustossen: Sie können sich in einen Knochen verbeissen, sich einen Katzenschnupfen einfangen, eine Lismernadel oder einen Tanga verschlucken oder einfach zu viel gutes Futter vorgesetzt bekommen.

    Johannes Kaufmann, Tierarzt in Trimbach, mit dem Chihuahua Bingo bei einer Untersuchung. Das Hündchen ist ein wenig verängstigt; es wurde von seinem früheren Besitzer geschlagen.
    Bild: Bruno Kissling

    Davon jedenfalls erfährt man bei der Lektüre von Johannes Kaufmanns Buch «Herr Doktor, miis Büsi…». In 24 kurzweiligen, zwei bis fünf Seiten langen Geschichten erzählt der in Trimbach praktizierende Tierarzt von Erlebnissen im Alltag; von kranken Hunden, Katzen, Schildkröten und Kanarienvögeln, die er oft wieder gesund pflegen kann, manchmal aber von ihrem Leid erlösen muss.

    Tier und Mensch im Fokus

    «Viele Sprechstunden gleichen einer Theaterbühne, auf welcher sich tragikomische Einakter, aber auch lustige Schauspiele und eindrückliche Dramen abspielen», schreibt Kaufmann. So stehen traurige und humorvolle Geschichten nebeneinander. Meistens spielt der Mensch dabei die Hauptrolle. Denn Kaufmann wendet den erzählerischen Blick vom kranken Tier geschickt auf den Menschen, der besorgt um seinen Gefährten in die Sprechstunde kommt.

    Dabei erhält der Tierarzt Einblicke in die menschliche Psyche in Ausnahmesituationen, Verlustangst und Trauer. «Ins ewige Licht eingehen» oder auch «über die Regenbogenbrücke gehen» sind Redewendungen, das erfährt man bei der Lektüre, mit denen Trauernde versuchen, das Sterben ihrer Tiere in Sprache zu fassen und damit zu begreifen. Man liest heraus: Oft geht mit dem Tier auch eine Aufgabe oder sogar ein Lebenssinn verloren.

    Das nimmt manchmal skurrile Züge an. Vor allem, wenn das Loslassen sehr schwerfällt. Etwa wenn ein Mann für die Verabschiedung seines Hundes im Tierarztsprechzimmer eine vom Hinduismus inspirierte Abschiedszeremonie mit Gesang, Rosenblättern und Meditationsmusik durchführt. Oder wenn eine Frau ihr Hündchen derart bemuttert, dass sie, anstatt es herumrennen zu lassen, es lieber an ihrem Busen spazieren führt und das Tier in der Folge eine regelrechte Angststörung entwickelt.

    An solchen Stellen greift Kaufmann mit tiermedizinischem Fachwissen ein und macht verständlich, warum die eine oder andere Fürsorgemassnahme aus menschlicher Perspektive durchaus gut gemeint, für ein Tier aber unangenehm oder sogar leidvoll ist.

    Johannes Kaufmann mit seinem Buch «Herr Doktor, miis Büsi…». Seit März arbeitet er in der Tierarztpraxis Carevet in Trimbach.
    Bild: Bruno Kissling

    Johannes Kaufmann: Der Tierarzt arbeitet als Pensionär in der Tierarztpraxis CareVet in Trimbach, nachdem er über zehn Jahre in seiner eigenen Praxis in Wangen gearbeitet hatte. Sein Werdegang führte ihn unter anderem als Assistent der Universität Bern in die Feldforschung und er betrieb in Gambia eine Buschklinik. Danach kehrte er als Oberassistent in Parasitologie ans Tierspital Bern zurück. Von 1998 bis 2002 war er Wissenschaftsattaché an der Schweizer Botschaft in Washington, D.C. Danach leitete er die Bundesstelle für Innovationsförderung.

    Heiter, aber nicht harmlos

    Der Autor schafft das Kunststück, von Krankheit und Sterben in unaufgeregtem, oft auch heiterem Ton zu erzählen. Damit gelingt ihm etwas Besonderes: Lesende werden von der Thematik nicht heruntergezogen, sondern in sie hineingezogen. Man entwickelt bei der Lektüre nicht nur Mitgefühl mit den Menschen, die sich um ihre Tiere sorgen, sondern erlebt ihr Sorgen und Bangen sozusagen aus dem sicheren Hafen mit.

    So beginnt man, sich daran zu gewöhnen, dass Krankheit und Sterben zum Leben mit Tieren dazugehört und man eines Tages Abschied nehmen muss. Und vielleicht lernt man die gegebene Zeit damit umso mehr zu schätzen. Das ist keine Kleinigkeit. Und man staunt, dass das mit einem doch harmlos daherkommenden Büchlein möglich ist.



    Nachgefragt: «Es kann helfen, das Abschiednehmen von Tieren als Lebensschule zu betrachten»

    Beim Lesen Ihres Buches entsteht der Eindruck, dass Sie sich in Ihrer Sprechstunde nicht nur auf das Tier, sondern auch stark auf sein Frauchen oder Herrchen konzentrieren. Stimmt das?

    Johannes Kaufmann: Ja. Man sagt, Tiere lassen ihre Symptome zu Hause, wenn sie in die Praxis kommen. Tiere können nicht mit uns sprechen. Nicht selten zeigen dann die Menschen in ihrer Beobachtung, was dem Tier fehlt. Katzen zum Beispiel reagieren stark, wenn etwas in ihrem Umfeld nicht stimmt, zum Beispiel wenn ihre Besitzer gestresst sind. Deshalb ist es mir wichtig, dass ich mir in meinen Sprechstunden viel Zeit nehmen kann, um mit den Menschen zu sprechen.

    Wie geht man am besten damit um, wenn ein lieb gewonnenes Tier schwer erkrankt und man sogar damit rechnen muss, sich von ihm verabschieden zu müssen?

    Solange ein krankes Tier noch lebt, befinden wir uns in der palliativen Phase. Wir versuchen, ihm mit Schmerzmitteln das Leben möglichst angenehm zu machen. In dieser Zeit empfehle ich, jeden Tag mit dem Tier zu geniessen, als wäre es der einzige – nicht der letzte. Denn so kann man auch die Freude und nicht nur die Trauer an der verbleibenden Zeit bewusst erleben. Und dann ist man auch eher bereit, loszulassen. Zudem kann es helfen, das Abschiednehmen von Tieren als Lebensschule zu betrachten. Denn früher oder später sind wir alle damit konfrontiert, Geliebte gehen zu lassen – Tiere und Menschen.

    Beim Lesen erfolgt manchmal Kopfschütteln: Manche Menschen scheinen ihre Haustiere stark zu vermenschlichen und zu verhätscheln.

    Die Vermenschlichung ist ein grosses Thema in der Sprechstunde. Deshalb bedauere ich es auch, dass der Bund die Tierpflichtkurse wieder abgeschafft hat. Hunde zum Beispiel müssen mit Artgenossen spielen können, um sich zu sozialisieren. Das Buch ist auch als Aufklärung über die artgerechte Haltung von Haustieren gedacht.

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch


  • «Ich höre nichts, das tut doch weh»

    «Ich höre nichts, das tut doch weh»

    Seit drei Jahren gibt es die Drama Academy Switzerland in Olten. Mitgründer Luigj Jax Laski gibt einen Einblick in den Unterricht und berichtet über die Herausforderungen von angehenden Schauspielerinnen und Schauspielern. Es zeigt sich: Sie haben es schwer.

    Studierende der Drama Academy Switzerland bei einer Schauspielübung.
    Bild: Bruno Kissling

    Sechs junge Frauen und Männer werfen sich auf den Boden und stöhnen leise vor Schmerzen, als sie sich gegenseitig Dornen aus den Füssen ziehen. «Ich höre nichts, das tut doch weh», sagt Luigj Jax Laski, der über ihnen steht, und feuert sie an, ihre Not glaubhafter auszudrücken. Dann springen sie auf und setzen sich in die erste Reihe der kleinen Tribüne im Theaterstudio Olten und hören sich die Rückmeldung des Dozenten an.

    Die sechs jungen Menschen wollen Schauspielerinnen und Schauspieler werden. Dafür besuchen sie ein Jahr lang jeden Montagabend nach dem Arbeiten für drei Stunden die Drama Academy Switzerland (DAS).

    Aus Leidenschaft zum Schauspiel

    Die Schauspielschule in Olten feiert dieses Jahr ihr dreijähriges Bestehen. Sie könnte sich am Markt halten. Doch neben den staatlich finanzierten Studiengängen an den Kunsthochschulen bieten gemäss Studien- und Laufbahnberatung fünfzehn weitere private Schauspielschulen in der Deutschschweiz Schauspielunterricht an. Wie will sich die DAS behaupten und wie steht es um die Zukunft der jungen Schauspielerinnen und Schauspieler nach dem Studiengang?

    Sie hätten die DAS gegründet, um eine Alternative zu den etablierten Schauspielschulen zu bieten, sagt Luigj Jax Laski, Mitgründer und Direktor der DAS. Denn diese seien oft von den alten Hasen im Schauspielgeschäft dominiert. «Bei uns unterrichten mehrheitlich junge Menschen, die am Puls der Zeit sind», erklärt er. «Zum Beispiel Julian Quentin, ein junger Filmemacher und Schauspieler aus Zürich.» Laski betont: «Wir haben die Schule aus Leidenschaft zur Schauspielerei gegründet, es geht uns nicht ums Profitstreben.»

    Ein schwieriges Berufsfeld

    Laski ist sich der schwierigen Berufsaussichten bewusst: «Es geht um Ehrlichkeit, der Beruf ist oft ein Überlebenskampf, man kann das nicht schönreden», sagt Laski. Viele Schauspielschulen wollten den Studierenden eine «möglichst gute Experience geben». Und er fügt an: «Sie bauen ein Jahr lang eine Scheinwelt auf und dann platzt alles.» Dem wollen er und die anderen Dozierenden Gegensteuer geben. «Wir können das besser», sagt er selbstbewusst.

    Erwerbssituation von Schauspielerinnen und Schauspielern: Der Berufsverband für Schweizer Filmschaffende hat 2019 eine Umfrage zur Erwerbssituation von Schweizer Schauspielerinnen und Schauspielern durchgeführt: Zwar seien die meisten gut ausgebildet, dennoch gestalte sich ihr Werdegang meistens schwierig. Rund 58 Prozent würden gerade mal ein Jahreseinkommen von bis zu 30’000 Franken erhalten; nur 19 Prozent würden mehr als 50’000 Franken verdienen. Auch im weiteren Karriereverlauf würden nur wenige in gesicherten finanziellen Verhältnissen leben. Zum Beispiel geben viele (76 Prozent) der Befragten an, nicht ausreichend in die Altersvorsorge einzahlen zu können, um nicht von Altersarmut betroffen zu sein. (rac)

    «Das Ziel ist es, die Studierenden auf den Schauspielberuf vorzubereiten», sagt Laski. Dafür lehrten sie den Studierenden neben Schauspieltechniken den Umgang mit Agenturen. Sie zeigten ihnen, wie sie sich ein professionelles Image als Schauspielende aufbauten. «Sie sollen im umkämpften Markt bestehen können.» Sie haben auch ihre eigene Agency Group ins Leben gerufen, also eine Agentur, welche besonders talentierte Absolventen der DAS unter Vertrag nehme und vermittle.

    Rund 9000 Franken kostet das Jahr an der DAS. Der Preis sei gerechtfertigt, erklärt Laski, denn sie würden nur 10 bis 12 Studierende aufnehmen. Ansonsten könnten sie diese nicht individuell fördern.

    Studierende an der DAS diskutieren über Schauspieltheorie.
    Bild: Bruno Kissling

    Davon gibt es eine Kostprobe: In einem kurzen Theorieblock erklärt Laski die Grundlagen der Stanislawski-Methode, nach der die Schauspielenden ihre eigenen Erfahrungen und Emotionen in ihre Rollen einbringen sollen. Es gelingt: Zu zweit improvisieren die Studierenden eine kurze Szene: Sie spielen Wut und Trauer bei einem Spaziergang durch den Zoo. Alles sieht glaubwürdig aus. Man merkt: Die jungen Leute haben gelernt, ihre Emotionen für ein potenzielles Publikum lebendig auszudrücken.

    Eine Zukunft im Schauspiel?

    Wie sieht eine Studierende ihre Zukunft? Melissa Lischer studiert seit Herbst an der DAS. Angesprochen auf den Grund ihres Studiums sagt sie sofort: «Ich will professionelle Schauspielerin werden.» Sie habe hier viel gelernt, vor allem das Handwerk der Schauspielerei. «Und auch mich wohlzufühlen als Schauspielerin.» Aber sie weiss: «Die Konkurrenz ist gross. Darum muss man auffallen.» Und berichtet stolz, dass sie bereits eine Rolle in einem Musical bekommen habe. Im Sommer gehe es los.

    Die Schauspielstudentin Melissa Lischer.
    Bild: Bruno Kissling

    Auch Laski kennt die schwierigen Verhältnisse im Schauspielbusiness aus eigener Erfahrung: Zwei Schauspielschulen hat er besucht, sich bereits sehr jung als Influencer und als Showmaster einer Late-Night-Show versucht. Jetzt arbeitet er hauptberuflich im Marketing. Sein Herzblut gelte aber nach wie vor der Bühne. Zurzeit schreibe er an einem neuen Bühnenstück. Mehr will er nicht verraten, sagt aber: «Ich bin bekannt dafür, keine gewöhnlichen Sachen zu machen.»

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch

  • «Ich wurde fast depressiv, darum habe ich wieder angefangen»: Unterwegs mit Nazmi Buchs in seinem Niederämter Milchexpress

    «Ich wurde fast depressiv, darum habe ich wieder angefangen»: Unterwegs mit Nazmi Buchs in seinem Niederämter Milchexpress

    Seit mehr als zwanzig Jahren fährt Nazmi Buchs seinen Milchexpress durchs Niederamt und durch Olten. Vor Ort bedient er seine Kundschaft mit viel Charme. Mit regionalen Produkten.

    Hier gibt es (fast) alles für den täglichen Bedarf: Nazmi Buchs in seinem Milchexpress.
    Bild: Bruno Kissling

    «Es ist der schönste Job, den es gibt», sagt Nazmi Buchs, als wir im Milchexpress Richtung Trimbach fahren. Er lacht. Im zum fahrbaren Dorfladen umgebauten Lieferwagen klappert die Ladung, wenn der beschwingte Mann routiniert durch die Kurven seiner Route lenkt. Die Regale sind gut gefüllt mit Eiern, Tomaten, Pfirsichen, Erdbeeren und frischem Gemüse. Auch Nudeln, Fertigsuppen oder Konserven hat Buchs im Angebot. Es riecht nach Käse und Wurst.

    «Das kommt alles aus der Region», sagt Buchs. Das Gemüse und die Früchte kaufe er von Bauern aus der Umgebung, das Fleisch stamme aus der Dorfmetzgerei in Trimbach, das Brot aus der Bäckerei. «Nur die Fertigprodukte natürlich nicht», fügt er hinzu. Um die 400 Produkte kämen so zusammen, schätzt er, doch so genau könne er das nicht sagen.

    Arbeit aus Sympathie zu den Menschen

    Seit mehr als zwanzig Jahren ist Nazmi Buchs, der als junger Mann vor dem Krieg im Kosovo in die Schweiz floh, mit seinem Milchexpress unterwegs. Sechs Tage die Woche, jeweils von 7 bis 15 Uhr. Je nach Wochentag führen ihn seine Routen in die Gemeinden Olten, Trimbach, Wangen, Winznau, Dulliken, Däniken, Starrkirch-Wil und Schönenwerd bis nach Aarau, wo er auch eine Alterssiedlung versorgt. Zwischen 50 und 100 kaufwillige Personen bedient er so täglich.

    Der Milchexpress. Am Anfang seiner Karriere hat Nazmi Buchs Waren für die Miba-Molkerei ausgeliefert, heute kauft er seine Waren selbstständig ein.
    Bild: Ramon Cunz

    Daneben führt der geschäftige Mann noch ein Immobilienunternehmen. «Ich arbeite 140 Prozent, das ist schon streng», sagt er, doch den Milchexpress könne er nicht aufgeben. «Das ist meine Leidenschaft, dieser Job ist wie für mich gemacht.»

    Was meint er damit? «Die Menschen sind total wertschätzend», erklärt er. Und führt aus: «Viele sind meine Kollegen geworden. Wir tauschen uns aus. Sie erzählen mir von ihrem Leben, ich höre viele Geschichten.» Es sei ein sozialer Job. Während zwei Jahren hat er den Milchexpress aufgegeben, das sei eine schwierige Zeit gewesen: «Ich wurde fast depressiv, darum habe ich wieder angefangen.»

    Eine gemütliche Alternative zum Supermarkt

    Wir halten in Trimbach, in der Rankwog. Buchs lässt seine Fanfare, ein lautes «Tärütara», erklingen, sein Erkennungszeichen. Er öffnet die Seitentür des Lieferwagens, auf dem mit grosser Schrift «frisch, persönlich, regional» geschrieben steht. Es dauert nicht lange, und Menschen tauchen zwischen den Wohnblöcken und den Reihenhäusern auf. «Wir sind zu spät dran», sagt Buchs, «die haben schon gewartet».

    Buchs kennt viele seiner langjährigen Kundinnen und Kunden persönlich.
    Bild: Bruno Kissling

    Ein älterer Mann kommt schnurgerade auf den Wagen zu und grüsst herzlich. Er kaufe schon seit gut zwanzig Jahren beim Milchexpress ein, sagt er, und lobt den Schweizer Käse, den Buchs neben seiner kleinen Kasse mit einem Käseschneider auf Wunschgrösse zuschneidet. Es geschäftet sich gemütlich: Bezahlt wird bar, Preisschilder gibt es keine, man fragt einfach nach, wie teuer etwas ist. Eine Frau erkundigt sich, ob es noch Honig gebe, Buchs holt ihn heraus und zeigt noch die Aprikosen, die gerade besonders süss seien. Neben dem Einkassieren werden Befindlichkeiten ausgetauscht.

    Seit Corona kaufen auch jüngere Menschen bei Buchs ein. Gerade für Familien mit kleinen Kindern sei sein Angebot praktisch.
    Bild: Bruno Kissling

    Das alles wirkt ruhig, vertraut und auf eine angenehme Art altmodisch, ganz anders, als wenn man sich bei den Riesen des Detailhandels zwischen Hunderten von Produkten entscheiden muss – und sich dann in die Schlange vor der Selbstbedienungskasse stellt.

    Das Sortiment im «Milchexpress»: flach aber breit.
    Bild: Bruno Kissling

    Vertrautheit als Geschäftsmodell?

    Ob diese Vertrautheit mit den Kundinnen und Kunden auch ein Geschäftsmodell sei, fragen wir. Buchs winkt ab. Nein, er interessiere sich wirklich für die Menschen. «Dann kommt wie von selbst eine gute Stimmung auf.» Man glaubt dem Mann. Manchmal gebe es auch anspruchsvollere Leute, zum Beispiel, wenn sich jemand beschwere, weil er ein Produkt nicht im Angebot hat. Doch damit habe er gelernt umzugehen. Er sage dann jeweils, «dann geh halt in die Migros».

    Eine junge Frau, die jetzt hereintritt, sagt: «Ich kaufe hier ein, weil immer alles frisch ist.» Und ergänzt: «Das ist gut für die Kinder.» Sie müsse nicht extra in die Stadt und könne bei den Kindern bleiben. Seit Corona habe sich die Kundschaft etwas geändert, erklärt Buchs. Und er seufzt: «Während der Pandemie waren es wirklich sehr viele Menschen, das konnte ich fast nicht bewältigen.»

    Dann geht es weiter durchs Quartier. Auch beim nächsten Halt warten die Menschen schon. Ein Rentner erzählt, dass er regelmässig bei Buchs einkaufe. Das sei praktisch, wenn man nicht in die Stadt wolle. Nur etwas teuer sei es, fügt er an, doch man zahle wohl die Lieferung vor die Haustüre mit. Der Grund sei, weil alles regional und frisch ist, kommentiert Buchs. Schlechte Ware kaufe er gar nicht erst ein.

    «Man kann hier auch in ganz kleinen Mengen kaufen», ergänzt Geertie van Risin. Auch sie kauft seit Jahren bei Buchs ein. Manchmal auch nur ein kleines Stück Käse. Viele Quartierläden seien eingegangen, da sei der Milchexpress eine gute Alternative, sagt sie und ergänzt: «Es muss nicht immer viel und gross sein, klein ist auch gut.»

    Geertie Van Risin kauft seit vielen Jahren bei Buchs ein.
    Bild: Bruno Kissling

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch


  • Dulliken sorgt sich um seinen Wald

    Dulliken sorgt sich um seinen Wald

    Die Aargauer Nachbargemeinden wollen mehrere Wege auf ihrem Gemeindegebiet zu offiziellen Biketrails erklären. Dagegen hat Dulliken nun Einsprache erhoben: Gleich zwei der Trails würden die Kantonsgrenze tangieren.

    Der Rastplatz am Engelberg ist seit November 2022 gesperrt.
    Bild: Bruno Kissling

    Manchmal brettere einer plötzlich den Waldweg hinunter oder komme über eine Anhöhe gesprungen. Mountainbiker würden oft kreuz und quer durch die Wälder fahren. Das sagen zumindest Kritiker. Manche Spazierende fühlen sich dadurch gestört und für Wildtiere und den Wald kann das Offroaden auch eine Gefahr sein.

    Das Strassenverkehrsgesetz des Bundes verbietet das Befahren von Fusswegen eigentlich, doch es wird unterschiedlich ausgelegt und gegebenenfalls oft wenig strikt durchgesetzt. Stattdessen werden mancherorts Mountainbike-Trails freigegeben. Auf ihnen sollen sich Biker austoben können.

    Eigentlich verbietet eine Passage aus dem Bundesgesetz zum Strassenverkehr aus dem Jahr 1958 das Fahren auf Fusswegen: «Wege, die sich für den Verkehr mit Motorfahrzeugen oder Fahrrädern nicht eignen oder offensichtlich nicht dafür bestimmt sind, wie Fuss- und Wanderwege, dürfen mit solchen Fahrzeugen nicht befahren werden.» (otr)

    Mountainbiker sind für Dulliken ein Problem

    Auch in der Gemeinde Dulliken wurden Mountainbiker schon zum Thema, jüngst auch aufgrund der Nachbargemeinden: Im angrenzenden Kanton Aargau hat eine Zusammenarbeit der Stadt Aarburg und der Gemeinde Oftringen im Januar eine öffentliche Planauflage für das «Velofahren abseits von Waldstrassen» vorgelegt.

    Mit der Auflage sollten offizielle Mountainbike-Trails bewilligt werden. Darunter Trails, die bis an die Gemeindegrenze von Dulliken führen. In Dulliken selbst gibt es jedoch keine offiziellen Trails.

    Gegen die öffentliche Auflage hat die Gemeinde Dulliken nun Einsprache erhoben. Michael Steiner, Gemeindeschreiber von Dulliken, erklärt, dass die geplanten Trails genau bis an die Kantonsgrenze und damit auch an die Gemeindegrenze von Dulliken reichen würden.

    Deshalb befürchte die Gemeinde, dass mit den neuen Trails vermehrt Biker wild durchs Gemeindegebiet fahren würden. Dies sei insbesondere problematisch, da es sich bei den angrenzenden Grundstücken teilweise um private Parzellen handle.

    Schon in der Vergangenheit seien bereits mehrfach Biker «wild durch den Wald gefahren», erklärt Steiner und macht darauf aufmerksam, dass dies gerade beim beliebten Engelberger Rastplatz zu Problemen geführt habe.

    Die Humusschicht des Waldes habe sich durch die intensive Befahrung mit Mountainbikes abgetragen, dadurch gehe es den Bäumen nicht gut; einige seien marode geworden und mussten gefällt werden, da sie drohten umzufallen. Entsprechend musste der Rastplatz Engelberg im November 2022 gesperrt werden.

    Ziel vieler Bikerinnen und Biker: der Engelberg ob Dulliken, gelegen an der Kantonsgrenze Solothurn-Aargau.
    Bild: Ramon Cunz

    Dulliken ist offen fürs Gespräch

    Grundsätzlich sei die Gemeinde Dulliken jedoch offen für ein Gespräch über Bikerwege – auch über solche, die durch Dulliken führten. «Aber die gewählte Vorgehensweise geht nicht», sagt Steiner. Die Probleme hörten nicht einfach an der Kantonsgrenze auf. Deshalb hätte Dulliken mit der Einsprache auch eine grundsätzliche Gesprächsbereitschaft an Aarburg und Oftringen gesendet.

    In Oftringen scheint man das Gesprächsangebot empfangen zu haben. Christoph Kuster, Gemeindeschreiber von Oftringen, erklärt auf Anfrage, dass man sich mit Dulliken zusammensetzen wolle. Das Ziel von Aarburg und Oftringen sei es, mit den geplanten Bikewegen die Mountainbiker zu kanalisieren, damit diese sich nicht länger frei durch den Wald bewegten.

    In einem entsprechenden Dokument, das dieser Zeitung vorliegt, heisst es: «Durch diese Lenkung sollen ausgewählte Lebensräume beruhigt und ökologisch wertvolle Gebiete entlastet werden.» – Die Interessen sind also über die Kantonsgrenze hinaus grundsätzlich dieselben.

    Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch