«In der Politik ist man nie fertig»

Nach fast 15 Jahren an der Spitze Thuns zieht Raphael Lanz einen Schlussstrich: Er stellt sich nicht mehr zur Wahl als Stapi und hofft auf den Sprung in den Regierungsrat.

Seine Kandidatur für den Regierungsrat gab Raphael Lanz im Januar bekannt. Nun folgt ein nächster Schritt: Er verzichtet bei den Thuner Wahlen 2026 auf eine erneute Kandidatur als Stadtpräsident – unabhängig davon, ob er im März in den Regierungsrat gewählt wird oder nicht. Im Gespräch erklärt Lanz seinen Entscheid, spricht über seine Zeit als Stadtpräsident und über die Zukunft Thuns nach seinem Rücktritt.

Herr Lanz, Sie betonen, nicht amtsmüde zu sein, treten aber 2026 nicht mehr zur Wiederwahl an. Warum nicht?

Raphael Lanz: Für mich ist nach vier Legislaturen die Zeit reif, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ich möchte das tun, solange ich noch Begeisterung habe – und die habe ich. Aber ich will dieses Amt nicht ausüben, wenn das Feuer einmal erlischt. 

Sie haben Ihren Rücktritt früh bekannt gegeben. Sie hätten auch abwarten können, ob Sie im März in den Regierungsrat gewählt werden.

Ich habe mich letztes Jahr intensiv damit auseinandergesetzt, im November 2026 nicht mehr zu kandidieren, und kam zur Überzeugung, etwas Neues zu beginnen. Die Chance auf einen Sitz im Regierungsrat kam erst danach. Mir ist es auch wichtig, dass die Bevölkerung und die Politik wissen, dass meine Funktion frei wird. So können sich alle vorbereiten.

Setzen Sie alles auf eine Karte – entweder in den Regierungsrat oder die Politik verlassen?

Wie gesagt, ich will ein neues Kapitel aufschlagen. Ideal wäre der Regierungsrat. Aber ich mache meine Entscheidung nicht davon abhängig. Wenn es nicht klappt, mache ich etwas anderes.

Haben Sie Ideen für den Fall, dass es nicht klappt?

Nein, es ist noch zu früh. Ich habe viele Interessen. Ich würde sicher etwas Passendes finden.

Aber in der Politik wären Sie dann nicht mehr?

Das kann ich nicht sagen. Ich kandidiere jetzt für den Regierungsrat. Alles andere sehe ich danach.

Ganz ehrlich: Wie zuversichtlich sind Sie, dass Sie im März gewählt werden?

Ich bin zuversichtlich. Ich bringe das Profil, die Exekutiverfahrung und die Begeisterungsfähigkeit für unseren Kanton mit. Ich hoffe, dass ich damit überzeugen kann.

Ein Herz für Thun haben Sie aber immer noch?

Selbstverständlich. Ich habe viel Herzblut und Leidenschaft in diese Stadt gesteckt. Das gibt man nicht einfach ab. Als Regierungsrat ist man für den ganzen Kanton zuständig. Aber regionale Verankerung und Kenntnis der örtlichen Verhältnisse sind sicher kein Nachteil.

Der Thuner Stadtpräsident Raphael Lanz sitzt in seinem Büro, lächelnd und in einem blauen Anzug.
Raphael Lanz, Stadtpräsident von Thun und Kandidat für den Regierungsrat.
Foto: Patric Spahni

Sie sind bald 15 Jahre im Amt. Wenn Sie zurückschauen auf 2011 – was konnten Sie bewirken?

Thun hat sich sehr gut entwickelt und ist heute sehr gut positioniert. Wir haben gerade die Zusage für das Swiss Football Home erhalten – ein symbolträchtiger Entscheid, der unsere gewachsene Ausstrahlung zeigt. Wir haben viele Entwicklungsprojekte umgesetzt, etwa das Schlossberg-Parking, die Ortsplanungsrevision und vieles mehr. Und die Stadt ist Vorreiterin, was die Kommunikation mit der Bevölkerung betrifft.

Und persönlich – was empfinden Sie als Ihren grössten Erfolg?

Ich würde es nicht einmal auf ein einzelnes Projekt herunterbrechen. Aber wenn ich mit der Bevölkerung im Austausch bin, spüre ich eine hohe Verbundenheit mit unserer Stadt und der Region. Und ich habe immer gesagt, ich möchte die Leute abholen, mitziehen – das ist ein gutes Zeichen.

Was würden Sie rückblickend denn anders machen?

Es klingt vielleicht seltsam, aber ich kann keine grossen politischen Misserfolge nennen. Ich war federführend in vielen grossen und komplexen Dossiers und habe stets darauf geachtet, Lösungen zu finden, die mehrheitsfähig sind. Natürlich muss man führen, aber eine Einzelperson kann nichts erzwingen – in unserem demokratischen System braucht es Mehrheiten. Das ist uns sehr häufig gelungen.

Also ist Ihnen wirklich nichts misslungen?

Es gibt sicher Leute, die Dinge als Misserfolg sehen, und selbstverständlich sind nicht alle Probleme gelöst. In der Politik ist man nie fertig. Und man darf nicht unterschätzen: Grosse Projekte haben lange Planungshorizonte. Man kann nicht auf einen Knopf drücken und dann ist es anders. Das dauert manchmal Jahre oder sogar Jahrzehnte, bis ein Entscheid Früchte trägt.

Politik ist nie fertig – was sind denn die grössten Herausforderungen für Ihre Nachfolgerin oder Ihren Nachfolger?

Die tiefe Leerwohnungsziffer – wir wollen, dass Familien in Thun bleiben können. Auch die Verkehrsinfrastruktur bleibt wegen unserer geografischen Lage eine Daueraufgabe.

Sie sprechen auch Wählerinnen und Wähler ausserhalb der SVP an. Wird es für Ihre Partei im November 2026 schwierig, eine Mehrheit zu halten, wenn Sie nicht mehr antreten?

Das werden die Wahlen zeigen. Die SVP macht in Thun gute, pragmatische Politik. Ich bin zuversichtlich, dass meine Partei weiterhin erfolgreich sein wird.

Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger?

Dass das gute politische Klima in Thun erhalten bleibt. Wir sind weniger ideologisch aufgeladen als andere Städte, und für grosse Entscheide braucht es solide Mehrheiten. Ich wünsche mir, dass dieses Klima bleibt, dass man kompromissbereit bleibt. Nur so bewegt man etwas.

Veröffentlicht im Thuner Tagbaltt und der Berner Zeitung am 27.11.25

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