Trachselwalds Kinder sammeln für ein Leben ohne Minen

Während der Krieg in der Ukraine täglich schreckliche Nachrichten bringt, will man in Trachselwald nicht nur betroffen sein: Die Schule sammelt für eine Maschine, die Leben retten kann.

In Kürze:

  • Die Schule Heimisbach in Trachselwald sammelt Spendengelder für einen Minenräumer in der Ukraine.
  • Schülerinnen und Schüler sollen lernen, schlechte Nachrichten nicht passiv zu ertragen, sondern ins Handeln zu kommen.
  • Die Stiftung Digger in Tavannes produziert die zwölf Tonnen schwere Maschine.
  • Die Stiftung ist politisch neutral und verfolgt humanitäre Absichten.

Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Landminen wie in der Ukraine: Viermal die Fläche der Schweiz, rund 174’000 Quadratkilometer, sind nach Schätzungen der Analyseplattform ACAPS vermint. Besonders tückisch sind die kaum sichtbaren Sprengkörper für spielende Kinder und Bauern, die das Land bestellen.

Fakten und Nachrichten wie diese aus dem kriegsversehrten Land bewegen auch in der Schweiz. Und lösen konkret in der Gemeinde Trachselwald mit ihren 912 Einwohnerinnen und Einwohnern und rund 80 Schulkindern etwas aus.

«Niemand ist zu gering, um etwas zu bewegen», sagt Martin Hunziker, Gemeinderat von Trachselwald, und lässt Taten folgen: Die Schule Heimisbach sammelt Geld für einen Minenräumer. Hergestellt wird er von der Stiftung Digger in Tavannes. Er soll bald dafür sorgen, dass im verminten Grenzgebiet in der Ukraine weniger Menschen verletzt oder getötet werden.

Trachselwald will handeln statt bloss aushalten

Für die kleine Schule ist es natürlich nicht möglich, den Betrag für den Minenräumer alleine aufzubringen: Rund eine Million kostet das Gerät, inklusive Transport und Ausbildung des Personals in der Ukraine. Aber die Schule will einen Beitrag leisten, «ein Puzzleteil», sagt Hunziker. Denn es fördere die Resilienz, die Fähigkeit, mit schwierigen Situationen umzugehen, wenn man auch bei schlechten Nachrichten aktiv werde.

Andrea Schüpbach, Martin Hunziker und Viktoria Murgovska posieren vor der Schule Trachselwald.
Haben die Sammelaktion in Trachselwald lanciert: Andrea Schüpbach, Mitglied der Bildungskommission, Gemeinderat Martin Hunziker und Schulleiterin Viktoria Murgovska vor der Schule Heimisbach (von links).
Foto: Raphael Moser

«Für uns als Schule ist es wichtig, dass die Kinder nicht nur fachliche Kompetenzen erwerben, sondern sich auch emotional entwickeln», sagt auch Viktoria Murgovska, die Schulleiterin der Schule Heimisbach. «Sie lernen Mitgefühl, indem sie zum Beispiel sehen, dass es auch Kinder gibt, denen es nicht so gut geht.»

«Die Lehrpersonen machen sich viele Gedanken, wie sie dieses schwierige Thema aufgreifen können. Gerade bei jüngeren Kindern ist ein sensibler Umgang nötig», erklärt Murgovska. Ein Strassenkonzert in Sumiswald und ein Spiel der Kindergartenkinder am Schulschlussfest sind zwei der Projekte, mit denen die Kinder in den kommenden Monaten auf die Sammelaktion aufmerksam machen. Viele Aktionen seien aber noch am Entstehen.

Ein Minenräumer aus Tavannes

Inspirieren liess sich die Schule dabei von einem ähnlichen Projekt, das Schulen in der Westschweiz zusammen mit der Stiftung Digger lanciert haben. Digger ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz im bernjurassischen Tavannes und in Genf, die sich seit 1998 gegen Antipersonenminen einsetzt. Die von der Stiftung hergestellten Minenräummaschinen werden unter anderem in Afrika und auf dem Balkan eingesetzt.

Ein Minenräumfahrzeug der Stiftung Digger in einem Hof. Die Schule Trachselwald sammelt Geld für dieses Modell für die Ukraine.
Ein solcher Minenräumer soll dank der Schule Heimisbach in der Ukraine zum Einsatz kommen.
Foto: Enrique Muñoz García

Frédéric Guerne, Gründer und Direktor der Stiftung, erklärt, wie der Minenräumer funktioniert: Die Maschine wiegt 12 Tonnen, also etwa so viel wie sechs Personenwagen, und hat einen 250 PS starken Motor. Er wurde entwickelt, um Minen mit einem speziellen Werkzeug, einer sogenannten Minenfräse, zu zerstören. Damit bei der Zerstörung der Minen niemand zu Schaden kommt, wird die Maschine ferngesteuert.

Wichtig sei der Einsatz des Minenräumers nicht nur, um Menschenleben vor Ort zu schützen, sondern auch für die weltweite Ernährungssituation: «Die Ukraine ist die Kornkammer Europas und viele nordafrikanische Länder sind auf Getreideexporte aus der Ukraine angewiesen», sagt Guerne. Daher sei es vorrangig, die riesigen landwirtschaftlichen Flächen, die derzeit nicht nutzbar sind, von Minen zu befreien.

Nahaufnahme eines Steuerungsgeräts für einen Minenräumer der Stiftung Digger, mit gelbem Gehäuse und verschiedenen Knöpfen und Hebeln.
Damit beim Einsatz des Minenräumers keine Personen gefährdet werden, wird er aus der Distanz ferngesteuert.
Foto: Enrique Muñoz García

Die vom Kanton Bern als gemeinnützig anerkannte Stiftung Digger ist unpolitisch. Auf die Frage, ob es für Digger ein Problem wäre, wenn der Minenräumer während des Krieges in russische Hände fallen würde, antwortet Guerne: «Wir müssen uns an die Gesetze halten, die die Exporte unseres Landes regeln, wollen aber darüber hinaus keine politische Partei ergreifen.» Und er fügt hinzu: «Jede zerstörte Mine ist potenziell ein gerettetes Leben, und es liegt nicht in unserer Verantwortung, den Wert eines Lebens auf Kosten eines anderen zu bewerten.»

Rund hundert Minenräumer verschiedener Hersteller seien derzeit in der Ukraine im Einsatz. «Laut dem ukrainischen Ministerpräsidenten Denys Schmyhal benötigt die Ukraine mindestens noch weitere hundert Minenräumer von der internationalen Gemeinschaft», sagt Guerne.

Den Zusammenhalt in Trachselwald stärken

«Manchmal kommen wir uns als abgelegene Gemeinde schon vor wie das kleine Dorf der Gallier bei Asterix und Obelix», sagt der Gemeinderat Martin Hunziker. Umso wichtiger sei der Zusammenhalt in der Gemeinde: «Wir wollen uns mit dem humanitären Engagement für den Minenräumer auch eine Vision für das ganze Dorf geben. Alle sind eingeladen, sich an diesem Projekt zu beteiligen.»

Das Projekt habe aber auch zu Diskussionen im Dorf geführt, sagt Hunziker. Es habe Befürchtungen gegeben, dass die Aktion als politisch motiviert aufgefasst werden könnte. «Das ist definitiv nicht der Fall. Wir wollen einen Beitrag leisten, der den Menschen in der Ukraine Zuversicht gibt.»

Aus diesem Grund hat sich das Organisationskomitee des Treichler- und Viehzuchtfestes bereit erklärt, der Sammelaktion einen Platz einzuräumen: Zwischen den traditionellen Festaktivitäten wird am 27. September auf dem Festgelände in Heimisbach ein Minenräumer zur Besichtigung ausgestellt sein.

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