Ein Hirnschlag hat dem Berner Historiker, Stadtführer und Autor die Sprache genommen. In der Logopädiepraxis von Nicole Williams lernt er wieder sprechen.
In Kürze:
- Der Berner Stadtführer und Autor Max Werren arbeitet nach einem Hirnschlag intensiv an seinen Sprachfähigkeiten.
- Den letzten Band seiner «Bümplizer Geschichte(n)» konnte er trotzdem veröffentlichen.
- In der Schweiz herrscht Mangel an Logopäden, was Therapieplätze knapp macht.
- Mit Logopädie verbessert Werren seine Sprachkompetenz und gewinnt Selbstvertrauen zurück.
Max Werren spricht. Dabei schaut er einen aufmerksam an, vorsichtig prüfend. Aber er beurteilt nicht sein Gegenüber, sondern er beobachtet, ob seine Worte ankommen. Ob die Silben, die er sich abringt, auch für andere einen Sinn ergeben. Schliesslich gibt er sich einen Ruck, und die Worte sprudeln aus ihm heraus. Er erzählt vom Schallenhaus, dem Berner Gefängnis im 19. Jahrhundert: Während der Strafarbeit habe man den Insassinnen einen sogenannten Gätzistiel um den Hals gebunden, einen Stecken mit Glöckchen dran.
Das Wort «Glöckchen» will ihm nicht so recht über die Lippen kommen. Zwischen den beiden Silben verhaspelt er sich, gerät ins Stottern. Die Logopädin Nicole Williams greift ein, «Glöckchen, Glöckchen» wiederholt sie deutlich. Werren spricht nach, fädelt ein, dann gelingt ihm das Wort. Nahtlos erzählt er die Geschichte weiter: «Man hat den Frauen die Glöckchen umgebunden, damit sie sich nicht heimlich davonmachen konnten.» Der 83-Jährige strahlt vor Freude, die Geschichte ist ihm gelungen.
Ausschliesslich das Sprachzentrum getroffen
2022 hatte der Berner Stadtführer und Autor Max Werren einen Hirnschlag. Dieser traf ausschliesslich das Sprachzentrum, alles andere blieb verschont. «Das ist nicht ungewöhnlich», erklärt die Logopädin: «Menschen mit einer Aphasie, also einer durch eine Hirnschädigung erworbenen Sprachstörung, haben nicht immer motorische Ausfälle, und man sieht ihnen ihre Einschränkungen dann nicht an.»
Ausgerechnet das Sprachzentrum. Was für jeden eine Zäsur wäre, war für Max Werren eine Katastrophe: Er verlor sein wichtigstes Werkzeug. Der ehemalige Kommunikationsberater musste sein Amt im Vorstand des Schlossvereins Bümpliz niederlegen. Und seine Stadtführungen konnte er nicht mehr machen – fast 25 Jahre lang hat er Menschen durch Bern und die Quartiere geführt und aus deren Geschichte erzählt.
Nach einigen Anläufen gelingt Werren das Wort «Improvisation». Aus seinem Gedächtnis kann der frühere Archivar von Bümpliz Geschichten frei abrufen. Seine Stadtführungen lebten aber vom Spiel mit der Sprache, von Pointen und Witz, sagt er. Das könne er nicht mehr, traue er sich auch nicht mehr zu.
Zuerst vorlesen, dann frei erzählen
Immerhin: Den dritten und letzten Band seiner «Bümplizer Geschichte(n)» konnte er 2023 doch noch veröffentlichen. «Das Buch war zum Glück schon fast fertig geschrieben. Freunde haben mir dann geholfen, es fertigzustellen», sagt Werren.

Foto: Beat Mathys
Die Bücher mit kurzen, zum Teil historischen Geschichten aus Bümpliz erfüllen seit dem Schlaganfall auch einen therapeutischen Zweck. In den gemeinsamen Sitzungen erzählt er Williams Geschichten aus den Büchern. «Am Anfang habe ich viel vorgelesen», sagt Werren. «Dann ging es immer besser.» Inzwischen kann er die Geschichten zu den Fotos im Buch wieder frei erzählen.
Wie ist es für einen gestandenen Mann, sich immer wieder in die Sprache reinreden zu lassen, sich korrigieren zu lassen? «Manchmal ist es schon schwierig», sagt er. Er schweigt, scheint nach Worten zu suchen. Dann holt er Luft und erzählt: Seine Partnerin war zu Besuch, als er in der Reha in Riggisberg war. «Wir sind spazieren gegangen, und überall am Wegrand blühten Blumen. Ich wollte ihr sagen, wie die Blumen heissen, da habe ich bemerkt, dass ich das gar nicht kann.» Und er fügt hinzu: «Jetzt kann ich es wieder, dank der harten Arbeit an meiner Sprache.»
Mangel an ausgebildeten Logopädinnen
Jährlich erleiden in der Schweiz rund 16’000 Menschen einen Hirnschlag, schreibt die Schweizerische Hirnschlaggesellschaft. Sprachstörungen wie bei Max Werren gehören zu den typischen Folgen. «Es ist oftmals ein langer Weg zurück zur Sprache mit vielen Unbekannten, aber grundsätzlich ist das Gehirn immer lernbereit und sucht nach neuen Lösungen für ein Problem», erklärt Williams die Prognosen.
Wenn das Gehirn die Chance hat zu lernen. Viele Betroffene drohten zu vereinsamen, sagt Williams. Wer Schwierigkeiten mit dem Sprechen habe, meide oft soziale Kontakte. Logopädinnen und Logopäden könnten helfen, doch in der Schweiz herrsche ein starker Fachkräftemangel. Und zwar nicht nur im Schulbereich, wo das Thema bereits 2022 für Aufsehen sorgte, sondern gerade auch bei erwachsenen Patientinnen und Patienten.

Foto: Beat Mathys
Betroffen ist vor allem die Peripherie. «Würde Herr Werren auf dem Land wohnen, hätte er wahrscheinlich lange auf einen Therapieplatz warten müssen», sagt Williams. Den Grund für den Fachkräftemangel sieht sie unter anderem in den Tarifen, welche die Krankenkassen zu zahlen bereit sind: «Für eine Therapiestunde ohne Vorbereitung liegt der Tarif im Kanton Bern bei 83 Franken. Im Vergleich dazu vergütet der Kanton eine logopädische Therapiestunde im Kinderbereich mit 140 Franken». Das mache die Arbeit mit Erwachsenen in der Praxis unattraktiv. «Zurzeit ist die Föderation der Schweizer Logopäden und Logopädinnen (FSLO) bezüglich Tarifverhandlungen mit den Einkaufsgesellschaften der Krankenkassen in Kontakt», ergänzt Williams.
Hemmungen – nicht nur die eigenen
«Für mich haben die Logopädiestunden auch einen psychologischen Effekt», sagt Max Werren. Die Arbeit an seinen sprachlichen Fähigkeiten habe ihm mehr Selbstvertrauen im Umgang mit Fremden gegeben. Zudem könne er mit Nicole Williams über seine Alltagsprobleme sprechen und gemeinsam nach Lösungen suchen.
Es sind nicht nur seine grossen Projekte, die er vermisst. Es sei viel schwieriger geworden, mit Menschen in Kontakt zu kommen. «Hemmungen» ist ein Wort, das Werren oft braucht und das ihm sofort gelingt: Er meint damit nicht nur seine eigenen Hemmungen beim Sprechen, sondern auch die Hemmungen der Menschen ihm gegenüber. Viele fühlten sich im Kontakt mit ihm unwohl und gingen ihm aus dem Weg. «Sie sind sich nicht sicher, ob ich zurechnungsfähig bin», vermutet Werren.
Er zieht eine kleine Karte aus seiner Brieftasche. Darauf steht, dass er Schwierigkeiten mit dem Sprechen habe, aber geistig nicht eingeschränkt sei. Kürzlich sei er von einem Polizisten angehalten worden: «Ich kann nicht mehr so schlagfertig sein wie früher», sagt Werren und fügt verschmitzt hinzu: «Jetzt zeige ich die Karte.»
Auf Reisen Kontakte knüpfen
Was hilft noch? Der ehemalige Leichtathlet treibt viel Sport. «Und meine Partnerin», sagt Werren sofort, «sie war immer für mich da. Sie hat mich jeden Tag in der Reha besucht.» Jetzt gehen sie gemeinsam auf Reisen. «Sie ist sprachlich sehr begabt», sagt Werren fröhlich, «und so kommen wir auf unseren Reisen mit den Menschen in Kontakt.»
Die Sprache als Werkzeug kann Max Werren nun ruhen lassen. Er findet versöhnliche Worte für sein Schicksal: «Was ich mit der Sprache gemacht habe, kann mir niemand mehr nehmen. Meine Arbeit mit der Sprache ist in jede meiner Zellen eingedrungen.»
Veröffentlicht in der Berner Zeitung und Der Bund

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