«Veganomics» heisst das neue Sachbuch des Dulliker Zukunftsforschers Joël Luc Cachelin. Auf spielerische Weise erkundet der Niederämter Möglichkeiten des veganen Lebens und Wirtschaftens. Er kommt zum Schluss: Eine florierende Wirtschaft ohne das Töten von Tieren ist prinzipiell möglich.

Bild: Bruno Kissling
Im Jahr 2045, nachdem die Menschheit immer mehr unter Klimawandel und Pandemien zu leiden hatte, haben vier Inseln in der Nordsee ihre Unabhängigkeit erklärt – sie wollen fortan vegan leben. Denn in der industriellen Tierhaltung sehen die vier Stadtinseln die Ursache für die globale Krise. Mit dieser Zukunftsvision beginnt das etwas andere Sachbuch von Joël Luc Cachelin über das Essen von Tieren, die «vegane Revolution» und deren wirtschaftliche Perspektiven.
Vier wirtschaftliche Utopien entwickelt
In erzählerischer Form nimmt Cachelin Ansätze auf, die bereits heute existieren und zeigt, was passieren würde, wenn man diese konsequent umsetzt. Entsprechend entwickeln die vier Stadtinseln ihre jeweils eigene Art und Weise, vegan zu leben und zu wirtschaften:
Auf Chlorella leben die Menschen strikt vegan in einer Art ökologischem Paradies. Alle tierischen Rohstoffe haben sie durch pflanzliche ersetzt; Erbsen, Sojabohnen und auch Algen dienen zur Produktion von Nahrungsmitteln, aus Hanf und Flachs werden Kleider hergestellt.
Die High Tech Islands wiederum setzen ganz auf neue Technologien: Die Wissenschaftsstadt produziert synthetisches Fleisch und Fisch im Bioreaktor und betreibt Präzisionslandwirtschaft.
Tenebrio lebt streng genommen nicht vegan, hier werden Insekten, Würmer und Quallen verarbeitet und gegessen – Tiere ohne zentrales Nervensystem, die nach aktuellem Wissensstand nicht leiden.
Zirkula schliesslich setzt ganz auf Kreislaufwirtschaft und Recycling. Nur wenige Kühe, Ziegen und Hühner werden gehalten. Nach deren natürlichem Tod werden die Kadaver in die Kreisläufe zurückgeführt.
Stärken und Schwächen einer veganen Wirtschaft
Diese vier veganen Wirtschaftsansätze untersucht der promovierte Betriebswirtschaftler dann über 130 Seiten akribisch auf ihre Stärken und Schwächen. Die Untersuchungen sind detailliert und werden durch aktuelle Forschungsergebnisse untermauert – mit rund 600 Anmerkungen aus der Fachliteratur belegt er seine Aussagen. Dabei bleibt das Buch dank des erzählerischen Rahmens zugänglich und driftet kaum in den wissenschaftlichen Jargon ab.
Um ein Beispiel zu geben: Den High Tech Islands ist es gelungen, «die Kühe vollständig zu ersetzen und Kasein, die Eiweissbasis von Käse, künstlich herzustellen. Dabei greifen die Neo-Landwirte auf die Fermentation zurück. Sie ist die wichtigste Super-Technologie der Insel und beruht auf intelligenten Mikroorganismen wie Bakterien, Schimmelpilzen oder Hefen, die organische Stoffe umwandeln».
Perspektiven für eine bessere Welt
Das Fazit von Cachelins Untersuchungen: Veganomics, also eine Wirtschaft ohne das industrielle Töten von Tieren, könnte gelingen und «hat nicht nur ökologische und tierethische Vorteile, sondern auch ökonomische».
Veganomics sei jedoch nur realistisch, wenn man alle vier Möglichkeiten des Wirtschaftens kombiniere. Entsprechend beginnen in seiner Geschichte die vier Inseln untereinander Handel zu treiben. Man könne auf Industrie und auf Nachhaltigkeit setzen, auf natürlich hergestellte Produkte und auf innovative Zukunftstechnologie, schreibt Cachelin.
Der erzählerische Rahmen mag etwas bemüht wirken, doch gelingt dem Dulliker Zukunftsforscher damit etwas, was viele Bücher zu dem Thema gar nicht erst versuchen: Er eröffnet Zukunftsperspektiven. Zwar zeigt auch Cachelin die Folgen der industriellen Tierhaltung auf, doch er begnügt sich damit nicht. Er scheint verstanden zu haben, dass sich die meisten Menschen nicht allein durch Abschreckung zu neuen Verhaltensweisen anleiten lassen, sondern auch Anreize und vor allem Visionen brauchen.
—
Nachgefragt: «Essen muss Spass machen und einfach lecker sein»
Was hat Sie angetrieben, das Buch zu schreiben: War es Mitleid mit den Tieren oder waren es rationale Überlegungen, wie wir als Menschheit gut leben können?
Der wichtigste Grund war für mich tatsächlich das Wohl der Tiere. Ich lebe schon lange vegetarisch, aber als ich begann, Hühner zu halten, stellte ich mir Fragen. Welche Gesetze existieren zu ihrem Schutz? Kann man Eier beim Kochen ersetzen? Während des Schreibprozesses entdeckte ich dann immer mehr ökologische Probleme, die aufgrund des globalen Ernährungssystems entstehen.
Wie kann man den Menschen eine vegane Lebensweise schmackhaft machen?
Wichtig ist sicherlich der Preis. Es darf nicht sein, dass Hafermilch teurer als Kuhmilch ist oder dass Fleischersatz teurer ist als echtes Fleisch. Diese Preise müssen über eine Umverteilung der Subventionen hin zu pflanzlichen Proteinen angepasst werden. Die Preise werden sich angleichen, je grösser die veganen Märkte werden. Viele Menschen denken, dass Veganismus Verzicht bedeutet. Ich denke aber, er ist eine Möglichkeit, um viel gesünder und abwechslungsreicher zu leben. Essen muss Spass machen und einfach lecker sein.
Man hört derzeit viel Dystopisches, es scheint, als würde uns angesichts der Probleme die Perspektive für eine gute Zukunft fehlen. Denken Sie, dass Ihr Buch da helfen kann?
Das hoffe ich zumindest. Mir war wichtig den Fakten und düsteren Szenarien eine positive Vision gegenüberzustellen. Mit den verschiedenen Varianten einer anderen Ernährung wollte ich zeigen, dass die Zukunft mehrere Gesichter hat. Es sind tatsächlich düstere, tückische Zeiten. Gleichzeitig halte ich die Menschen auch für kreative und intelligente Wesen. Leider reagieren sie häufig zu spät, anstatt sich sorgfältig mit der Zukunft zu beschäftigen und dann auch konsequent zu handeln.
Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch