Tiere durch Forstarbeiten bedroht

Im Bannwald wird grossflächig Wald gerodet: Anwohnerin zeigt zerstörte Dachsbauten – der Revierförster nimmt Stellung.

Ein Vollernter zerteilt Baumstämme im Bannwald oberhalb von Olten.
Bild: Bruno Kissling

«Holzschlag ist ein Schlag ins Gesicht», sagt Katharina Wyss und zeigt auf eine weite Schneise, die sich im Bannwald oberhalb vom Kalchofen auftut. In deren Mitte zerteilt eine grosse Forstmaschine, ein sogenannter Vollernter, mit ihrem Greifarm eine Buche. Der Motorenlärm ist konstant. Er wird nur übertönt, wenn mit lautem Krachen ein Baumstamm zersplittert.

Dann zeigt Wyss auf drei dunkle Löcher im Waldboden. Um diese zu zeigen, hat sie uns in den Wald geführt: «Das sind die Dachsbauten.» «Aufgewühlt und eingebrochen sind sie, weil man sie mit einer Forstmaschine überfahren hat», man könne auch die Stellen sehen, wo die Räder eingebrochen seien.

Von der Forstwirtschaft zerstörte Dachsbauten: Die Dachse seien geflohen, sagt die Anwohnerin.
Bild: Bruno Kissling

Wie für viele andere ist auch für Katharina Wyss der Wald eine Zuflucht vor dem hektischen und oft lauten Alltag. Fast jeden Tag gehe sie in den Bannwald oberhalb von Olten spazieren, seit 30 Jahren, meistens begleitet von einem Hund einer Nachbarin. Im Wald findet sie Ruhe und Inspiration. Sie findet dafür poetische Worte: «Im Wald lebe ich mit den Augen.»

Sie zeigt auf die jungen Bäume, die Pilze, die an morschen Baumstämmen wachsen, und macht auf die silbernen Ahornblätter aufmerksam, die am Waldboden leuchten. Mit den Waldarbeiten geschehe jedoch überall «Verwüstung», darunter litten auch die Tiere im Wald.

Dem zuständigen Forstbetrieb scheint dies bewusst zu sein. Entsprechend hat er ein Schild hingestellt, um Spazierende über die Forstarbeiten zu informieren.

Ein Schild vom Forstbetrieb Unterer Hauenstein informiert über den Holzschlag.
Bild: Bruno Kissling

Dachse im Bannwald

Auf ihren Spaziergängen habe sie früher öfter Dachse gesehen und sich gefreut, jedoch nicht mehr seit die Waldarbeiten begonnen hätten. Die scheuen Tiere seien wohl vor dem Lärm geflohen, mutmasst sie. Sie hofft, dass sie noch fliehen konnten, bevor ihr Bau zerstört worden sei.

Eigentlich bekämen Dachse im Februar Nachwuchs und hätten deshalb Schonzeit. Doch sie bezweifle, dass auch die Winzlinge mit ihren Eltern fliehen konnten. Sie zeigt sich besorgt, nicht nur um den Wald, den sie so gut kennt, sondern auch der Dachse wegen, die in ihm leben.

Schonzeit für Dachse
Während der Jungenaufzucht geniesst der Dachs eine Schonzeit, die vom 16. Januar bis zum 15. Juni dauert. Während der Zeit darf er nicht bejagt werden, und sein Bau muss vor Beschädigungen geschützt werden. So schreibt es das Bundesgesetz vor. (rac)

«Das ist uns nicht egal»

Warum aber wurden im Bannwald in der Schonzeit der Dachse Holzarbeiten vorgenommen? Es tue ihm leid, er habe von dem Vorfall mit den Dachsbauten gehört, sagt der zuständige Revierförster und Mitte-Kantonsrat Georg Nussbaumer. «Das ist uns nicht egal, ganz im Gegenteil.»
Die Forstarbeiten hätten sich immer weiter hinausgezögert, bis in den Februar, also in die Schonzeit der Dachse. Dann habe man schlicht die Lage falsch eingeschätzt: Die Arbeiter dachten, der Boden sei durchgefroren und befahrbar, dann sei wohl eine Maschine eingebrochen. «Wo gearbeitet wird, entstehen auch Schäden», sagt er. Er denke aber nicht, dass Dachse verletzt worden sind.

Der Revierförster und Kantonsrat Georg Nussbaumer.
Bild: Bruno Kissling

Katharina Wyss wünscht sich vor allem mehr Achtsamkeit dem Wald gegenüber. Dafür setzt sie sich ein. «Es darf nicht nur Nutzwald geben, der Wald ist auch für uns und viele Lebewesen da. Es geht mir vor allem darum, dass die Menschen verstehen, was sie eigentlich bewirken, wenn sie den Wald so bearbeiten.»

Auch Waldarbeiter haben es schwierig

Man forste die Stellen auch wieder auf. Jedoch mit Bäumen, die mit den veränderten Klimabedingungen besser zurechtkämen. Die Neubepflanzungen würden dann auch wieder neuen und vor allem gesunden Lebensraum für Waldtiere schaffen. Aus diesem Grund hätten sich in der ganzen Region die Forstarbeiten verzögert und sich teilweise bis in den März hineingezogen. Das sei aussergewöhnlich, betont Nussbaumer.

Nussbaumer sagt, man müsse auch das grössere Bild betrachten: «Die Förster machen alles kaputt», das höre er immer wieder. Er könne auch gut verstehen, dass die Leute sich an den Waldarbeiten störten, wenn sie in den Wald spazieren gingen: Aber: «Sie sollen sich doch einmal fragen, wie das Ganze entstanden ist». Noch Ende der 1970er-Jahre habe es im hier Wald nur Fichten und Tannen gegeben, seither habe man kontinuierlich Mischwald aufgeforstet.

Wie geht es den Dachsen in Olten?

Wie also geht es den Dachsen in den Wäldern um Olten? Peter Flückiger, Leiter vom Haus der Museen Olten, weiss Bescheid – zurzeit findet die Sonderausstellung «Wow … ein Dachs!» im Naturmuseum Olten statt.

Das Naturmuseum Olten zeigt noch bis Ende Juli in der Sonderausstellung «Wow … ein Dachs!» das verborgene Leben des scheuen Waldbewohners.
Bild: Bruno Kissling

Dem Dachs in den Wäldern um Olten gehe es gut, erklärt Flückiger auf Anfrage am Telefon. Der Bestand sei recht stabil und in den letzten Jahrzehnten leicht angewachsen. Der Dachs lebe jetzt mitten unter uns und halte sich auch gerne in Quartieren und an Stadträndern auf. Da der Dachs ein sehr anpassungsfähiges Tier sei, profitiere er auch von der Nähe zum Menschen. Als Allesfresser könnten ihm zum Beispiel auch landwirtschaftliche Kulturen als Nahrungsquelle dienen.

Inwieweit sich Forstarbeiten auf Dachse auswirkten, sei schwer abzuschätzen und müsse wohl im Einzelfall beurteilt werden. Generell sei der Dachs als nachtaktives Tier, das tagsüber im Bau ist, jedoch wenig von Lärm am Tag gestört. Auch der Klimawandel mache dem Dachs wohl kaum zu schaffen. Er reduziere seinen Stoffwechsel im Winter und könne so gut auch unter schwierigen Bedingungen zurechtkommen.

Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch