«Der grösste Lohn ist die Dankbarkeit»

Annemarie Roth ist eine von mehreren Freiwilligen, die sich im Alterszentrum Mühlefeld in Erlinsbach SO um betagte Menschen kümmern. Bei einem Besuch spricht sie über ihre Beweggründe für diese unentgeltliche Arbeit und erzählt von berührenden Gesprächen mit Bewohnenden.

Die Freiwillige Annemarie Roth begleitet einen Bewohner im AZ Mühlefeld in Erlinsbach.
Bild: Bruno Kissling

An den Hängen über Olten lag am Morgen noch Schnee. Es ist ein kalter, grauer Tag, die Menschen auf den Strassen wirken in sich gekehrt. Umso wärmer werden wir im Alterszentrum Mühlefeld in Empfang genommen: Eine Frau um die siebzig kommt mit einem breiten Lächeln auf uns zu und grüsst mit respektvollem Händedruck.

Man merkt, die fröhliche Frau hat viel Erfahrung im Umgang mit Menschen. Ihr Name ist Annemarie Roth. In der Cafeteria lädt sie zum Kaffee und erzählt: von der Freiwilligenarbeit, ihrer Motivation dazu und ein wenig von ihrem Leben.

Freiwillige bringen Abwechslung mit sich

Das AZ-Mühlefeld gehört zu ihrer Lebensgeschichte: Roth arbeitete hier dreissig Jahre lang als Fusspflegerin. Bis sie siebzig wurde: «Dann habe ich innert kurzer Zeit meine Arbeit und meine Mutter verloren, beide im AZ-Mühlefeld.» Jetzt hat ihr Lächeln etwas Trauriges. Auch ihre Mutter habe ihre letzten Lebenstage hier verbracht. Und wir erfahren, warum sich Roth zur Freiwilligenarbeit entschieden hat: «Ich vermisste das Gefühl, gebraucht zu werden», sagt sie ernst.

Roth ist eine von acht Freiwilligen, die im AZ-Mühlefeld regelmässig ihre Hilfe anbieten. An einem Nachmittag in der Woche verbringt sie Zeit mit zwei, manchmal drei Bewohnerinnen und Bewohnern, spielt mit ihnen Karten, tauscht Geschichten aus, unterstützt sie bei Handarbeiten. Oder sitzt einfach still mit ihnen zusammen.

«Und dann bist du auch noch jeden Montagabend zum Bettmümpfeli da», ergänzt Rahel Müller, Leiterin Pflege und Betreuung im AZ. «Das ist ein Abend für diejenigen, die noch nicht ins Bett wollen», erklärt Roth. «Wir singen oder spielen ein Spiel.»

Rahel Müller, Leiterin Pflege und Betreuung vom AZ Mühlefeld.
Bild: Bruno Kissling

«Sie ist jemand, der das normale Leben zu uns bringt.»

Und Müller sinniert: «Manchmal fehlt hier der Bezug zur Aussenwelt.» Viele Bewohnerinnen und Bewohner leiden an einer demenziellen Entwicklung. Manche seien in ihrer eigenen Welt gefangen, andere oft niedergeschlagen. «Annemarie hilft ihnen, aus sich herauszukommen.» Sie kenne einige der alten Menschen noch aus dem Dorf, aus Erlinsbach, wo sie wohnt. Sie sei ihnen nah und komme schnell mit ihnen ins Gespräch.

«Nah, aber nicht zu nah», präzisiert Roth. Nicht, wie es manchmal bei Verwandten der Fall sei, wenn man alle die Probleme und kleinen Kämpfe in die Beziehung hineinbringe. Darum würden manche ihr intime Geschichten anvertrauen, die sie ihren Angehörigen vorenthielten. Kürzlich habe eine Frau sie gebeten, ihr noch einmal alle Liebesbriefe ihres verstorbenen Mannes vorzulesen. «Als ich fertig war, haben wir beide geweint», sagt Roth. Doch sie lächelt: «Das sind Momente, die mir viel geben.»

Personalmangel macht zu schaffen

Es geht im AZ-Mühlefeld auch geschäftig zu und her: Das Personal, die Menschen in den blauen Kleidern, bleibt fast unbemerkt im Hintergrund. Sie schieben Rollstühle, tragen Tücher, begleiten jemanden durch die Korridore. Knapp hundert Angestellte arbeiten in der Institution, viele davon Teilzeit. In vielen Altenheimen fehlt es an Personal. Auch im AZ-Mühlefeld: «Vor allem gute Leute sind schwierig zu finden. Nicht alle haben wirklich den Wunsch, mit älteren, zum Teil dementen Menschen zu arbeiten», sagt Müller. Schweizweit verliessen rund 300 Personen pro Monat den Pflegeberuf, so Müller.

Wir schauen uns im AZ um: Das Licht, die grossen Türen und breiten Korridore schaffen eine offene Atmosphäre, erinnern aber auch an ein Krankenhaus. Zeichnungen und Bastelarbeiten geben etwas Farbe. Es ist ruhig. Die meisten der 85 Bewohnerinnen und Bewohner sind auf ihren Zimmern. Ein alter Herr an einem Stock kommt uns entgegen. Gut gelaunt begrüsst er Roth. Für ein Foto in der Zeitung posiere er gerne. Er scheint sich über die Abwechslung zu freuen.

Im Mittelpunkt stehen die Bewohnerinnen und Bewohner

Annemarie Roth will uns noch jemanden vorstellen. Zuerst erkundigt sie sich bei der betreffenden Person, ob das für sie in Ordnung ist. Wir folgen ihr durch Korridore, vorbei an Türen, die jeweils mit einem Namen und einer Nummer beschriftet sind.

Dann gehen wir zu Yvonne Hasler ins Zimmer. Die Frau sitzt in einem grossen Stuhl und scheint in sich zu ruhen. Man wird ehrfürchtig vor all der Zeit, die sich auf ihrem Gesicht abzeichnet. Zur Begrüssung blickt sie uns ein wenig schüchtern an und nickt dann mit dem Kopf, bevor sie sich wieder zu Roth wendet. «Wir sehen uns regelmässig», sagt Roth.

Besuch im Zimmer von Yvonne Hasler.
Bild: Bruno Kissling

Wir fragen, ob sie sich über die Besuche von Roth freue. Leise sagt sie: «Sie ist eine liebe.» Die beiden tauschten auch schon Geschichten aus, erzählt Roth. Was für Geschichten, wollen wir wissen. Doch jetzt werden wir abgewiesen: Die beiden Frauen blicken sich vertraut an. «Das ist ein Geheimnis», sagt schliesslich Hasler bestimmt, und Roth fügt lachend an: «Das ist zwischen uns.»

Man merkt: Annemarie Roth ist ein Mensch, der gerne zuhört, kein Mensch, der einen grossen Wirbel um sich macht. Bei ihr stehen die Menschen, denen sie im Lebensabend zur Seite steht, im Mittelpunkt. Was sie denn als Gegenleistung bekommt, wollen wir noch wissen. Immer wieder ein Abendessen, sagt sie, und fügt an: «Der grösste Lohn ist die Dankbarkeit, die ist unbezahlbar.»

Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch