«Die Kander ist ein unberechenbarer Dämon»

Nach heftigen Gewittern am Samstag zeigte sich die Kander von ihrer bedrohlichen Seite: Innert Minuten schwoll der Fluss an und richtete im Gasterntal erhebliche Schäden an.

Die heftigen Gewitter vom vergangenen Samstag haben auch im Gasterntal Spuren hinterlassen. Innert kürzester Zeit schwoll die Kander stark an und riss grosse Mengen Geröll mit sich. «Ein dramatisches Ereignis», sagt Hansueli Rauber, Präsident der Bäuert Gastern, die für den Unterhalt im Tal zuständig ist.

Die Berge seien durch die lang anhaltende Hitze aufgeheizt gewesen, dann habe mit dem Unwetter plötzlich Kälte eingesetzt – «eine explosive Mischung», sagt er. Hagelkörner von bis zu zwei Zentimetern prasselten nieder, der Wasserpegel stieg im Minutentempo. «Wenn man im Tal ist, ist das wie ein Weltuntergang.»

Folgen von Hitze und Schmelze

Der Fluss habe stellenweise seinen Lauf verändert. Strassenabschnitte seien beschädigt, bei einer Brücke sei das Fundament unterspült worden, zeitweise sei die Stromversorgung ausgefallen, berichtet Rauber. Derzeit würden Bauern und Helfer Schäden beheben – die Wanderwege seien wieder begehbar. Doch viel Land und Wald gingen verloren.

Sonnenbeschienene Berglandschaft mit einem reissenden Fluss, einer kleinen Holzhütte am Ufer und einem Hängebrücke im Hintergrund.
Die Kander riss viel Geröll mit sich. Die Wanderwege wurden behelfsmässig instand gesetzt.
Foto: PD

Als Ursache nennt Rauber den schmelzenden Permafrost und den zurückweichenden Gletscher, die instabile Schuttfelder freilegten. Bei Starkregen oder Hagel weichten diese auf und stürzten in die Kander.

Weil das Gasterntal aber ein geschütztes Auengebiet ist, sind Eingriffe am Bachbett nur beschränkt möglich. Für Rauber bleibt deshalb nur, mit den Naturgewalten zu leben. «Wir arbeiten mit der Natur und lassen den Gewässern möglichst viel Raum», sagt er.

Auch Betriebe im Tal betroffen

Das Berghotel Steinbock liegt mitten im Gasterntal in der Nähe des Bachbetts der Kander – auch hier hinterliess das Hochwasser Spuren. Im kleinen Wasserkraftwerk, das das Hotel mit Strom versorgt, drang Wasser in den Generator ein. Die Versorgung sei zeitweise zusammengebrochen, berichtet Carolyn Künzi, die den Betrieb führt. Zwar läuft die Anlage wieder, doch die Unsicherheit bleibt. «Man weiss nie, wie es am nächsten Tag aussieht. Das ist belastend.»

Bergfluss mit klarem Wasser fliesst durch eine felsige Landschaft, umgeben von Bäumen und hohen Bergen im Hintergrund.
Die Kander trat über ihr Bachbett und hinterliess Schäden an Wald und Land.
Foto: Barbara Donski

Sie kennt die Naturgewalten seit Jahren. Doch in den letzten Sommern habe die Intensität zugenommen. Gewitter seien weniger gewöhnliche Sommergewitter, sondern häufiger extreme Ereignisse. Und im Auenschutzgebiet darf die Kander ihren Lauf weitgehend selber suchen. Das Bachbett liege vielerorts hoch im Gelände, und wenn grosse Wassermengen kämen, könne der Fluss in alle Richtungen ausscheren. «Die Kander ist ein unberechenbarer Dämon», sagt Künzi. «Wir fühlen uns zwar von der Gemeinde und der Bäuert Gastern unterstützt, aber im Moment hat die Natur die Oberhand.»

Trotz dieser Sorgen bleibt Faszination. «Das Gasterntal ist wunderschön, gerade weil es so wild ist», sagt Künzi. Diese Ambivalenz präge das Leben im Tal.

Veröffentlicht im Thuner Tagblatt und der Berner Zeitung am 28.08.2025

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert