Nach dem Felssturz bei Wilderswil bleibt die Kantonsstrasse offen. Fachleute führen das Ereignis auf den starken Regen zurück. Der Fall zeigt, wie sensibel das scheinbar feste Gebirge auf Veränderungen reagiert.
In Kürze:
- Rund 100’000 Kubikmeter Gesteinsmasse lösten sich oberhalb der Kantonsstrasse zwischen Wilderswil und Zweilütschinen.
- Das Tiefbauamt bestätigt die Sicherheit der Strasse nach eingehender Untersuchung.
- Starke Regenfälle haben das bereits brüchige Gestein zusätzlich destabilisiert.
- Solche Ereignisse werden vermutlich zunehmen, und es stellen sich grundsätzliche Fragen.
Der Berg ist in Bewegung. Auch im Berner Oberland. Oberhalb der Kantonsstrasse zwischen Wilderswil und Zweilütschinen gerieten am Mittwochnachmittag Gesteinsmassen ins Rutschen. Videoaufnahmen zeigen, wie sich der Fels löste und Bäume wie Zündhölzer umknickten. Die Strasse blieb verschont und ist derzeit auf beiden Seiten befahrbar. Verletzt wurde niemand.
«Das war ein Extremereignis», sagt Mirjam Dürst Stucki. Sie ist Projektleiterin Naturgefahren beim kantonalen Tiefbauamt und klärt die Bevölkerung über den Felssturz auf. «Wir gehen davon aus, dass rund 100’000 Kubikmeter Gesteinsmasse heruntergekommen sind.» Als Hauptursache nennt sie den starken Regen der vergangenen Wochen, der das ohnehin brüchige Gestein zusätzlich geschwächt habe.

Foto: Christian Pfander
Der Kanton sei vor Ort gewesen, um die Gefahrenlage zu beurteilen. Am Mittwoch wurde das Gebiet per Helikopter begutachtet. Am Donnerstag folgte dann die Begehung zu Fuss. Das Ergebnis: «Eine Gefahr für Autofahrer auf der Kantonsstrasse besteht nicht», sagt Dürst Stucki. Die Lage sei stabil, die Strasse bleibe beidseitig befahrbar. Nur einzelne Zubringerstrassen seien gesperrt worden.
Der Felssturz kam nicht unerwartet
Der Felssturz an dieser Stelle kommt für das Tiefbauamt nicht überraschend. «Das entspricht dem, was wir erwartet haben», sagt Dürst Stucki. Die Region sei bekannt für steile, brüchige Hänge. Frühere Studien hätten mögliche Abbruchstellen in der Gegend um den Felssturz erfasst – mit Schutzmassnahmen wie Netzen und Felsräumungen würden solche Stellen dann falls nötig gesichert.
In diesem Fall seien jedoch keine Massnahmen nötig gewesen. Die Modelle hätten gezeigt, dass ein Felssturz die Strasse nicht erreichen würde, sagt Dürst Stucki und ergänzt: «Das hat sich jetzt bestätigt – das Material ist im erwarteten Bereich niedergegangen.»
Ob das Erdbeben vor zehn Tagen bei Mürren eine Rolle gespielt habe, sei offen. «Das ist schwierig zu beurteilen, das schauen wir uns noch genauer an.» Klar sei aber: Die Hänge seien zerrüttet, das Gestein durchzogen von Rissen. Möglich sei, dass das Beben Spannungen im Fels verstärkt hat.
Klimaerwärmung erhöht die Felssturzgefahr
Der Berg ist in Bewegung – das ist nicht ein Bild, sondern Realität. Und der Felssturz oberhalb von Wilderswil passt in ein grösseres Muster. Flavio Anselmetti, Professor der Geologie und Direktor des Geologischen Instituts an der Universität Bern, sagt auf Anfrage: «Es kann erwartet werden, dass solche Ereignisse mit der Klimaerwärmung zunehmen.» Nicht nur im Hochgebirge durch das Schmelzen des Permafrosts, sondern vermutlich auch durch andere Prozesse und in tieferen Lagen unter 2500 Metern.

Foto: Christian Pfander
Zwar lasse sich schwer beziffern, ob solche Ereignisse tatsächlich zunähmen, da es Felsstürze und Erdrutsche schon immer gegeben habe – und systematische Erhebungen erdgeschichtlich erst seit sehr kurzer Zeit durchgeführt würden. Doch sagen könne man: «Intensiver Niederschlag, wie ihn der Juli gebracht hat, kann Felsmassive destabilisieren. Mehr Wasser kann auf verschiedene Arten die Stabilitätsgrenzen verschieben, sodass der Hang zu rutschen beginnt.»
Und dies sei wiederum eine indirekte Folge des Klimawandels, wie der Geologe erklärt. Warme Luft könne mehr Feuchtigkeit aufnehmen – bei geeigneten Bedingungen komme es dann zu intensiverem Regen. «Es ist einfach mehr Wasser im System», sagt Anselmetti. Dieses Wasser wirke in den Rissen wie ein Hebel, der die Hänge in Bewegung setzen könne.
Kann man in Gefahrenzonen noch wohnen?
Wichtig sei, dass man gefährdete Hänge kenne und beobachte, so Anselmetti. Dafür erstellt der Kanton Naturgefahrenkarten. Sie zeigen Zonen mit unterschiedlicher Gefährdung – von gelb über blau bis rot, in steigender Gefahrenstufe. Allerdings: Diese Karten sind nicht unveränderlich. «Neue Ereignisse können dazu führen, dass eine Zone neu bewertet wird und die rote Zone erweitert wird.» In der Vergangenheit sei das etwa in Brienz oder in Schwanden im Kanton Glarus passiert. Und manchmal dürfe dann nicht mehr gebaut werden.

Foto: Raphael Moser
«Die Qualität der Karten ist sehr gut», sagt er. Aber absolute Sicherheit gäbe es auch mit ihnen nicht. Am Ende stelle sich davon abgesehen eine grundlegende Frage, so Anselmetti. «Wie viel ist es uns als Gesellschaft wert, an gefährdeten Orten zu wohnen?» Es gehe nicht nur um Lebensgefahr, sondern auch um Kosten. Schutzbauten, Evakuationen, Wiederaufbau – all das trage am Ende die Allgemeinheit mit. «Wir müssen uns überlegen, ob wir an gewissen Orten überhaupt noch bauen oder leben wollen», sagt Anselmetti.

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