Kurz nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine erzählte Bruno Giudice aus dem kriegsgebeutelten Donezk. Zwei Jahre später fragen wir nach, wie sein Leben unter russischer Besatzung aussieht. Seine Eindrücke sind nicht nur negativ.
Italienisch, Deutsch, Ukrainisch und Russisch: Alle vier Sprachen spricht Bruno Giudice. Er wuchs als Sohn italienischer Einwanderer in Olten auf, besuchte die Schulen Bifang und Frohheim und machte eine Lehre als Elektromonteur. Vor gut zwanzig Jahren verschlug es den heute 49-Jährigen in die Ukraine. Nach Donezk, der Liebe wegen. Dann begann 2014 – und nicht erst 2022, das betont Giudice immer wieder – die russische Okkupation, zuerst durch russische Separatisten, dann durch das Militär.
«Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie es hier ist, das geht einfach nicht», sagt Bruno Giudice als Erstes, als wir ihn aus dem friedlichen Olten anrufen. «Sie müssen sich vorstellen: Es ist, als würden Sie in Olten sitzen und Dulliken wird mit Raketen beschossen. So etwa fühlt sich das an hier.»
Die Stimme aus dem Telefon wirkt gefasst, ein wenig gedämpft. Angst habe er schon. Sein Bild möchte er zum Beispiel nicht mehr in der Zeitung sehen. Doch nach all den Jahren habe er sich an die ständige Bedrohung durch den Krieg gewöhnt. So wie die meisten Menschen, mit denen er in Donezk spreche. Die Stimmung auf der Strasse sei etwa so: «Wenn’s passiert, dann passiert’s».
Berichte über Raketeneinschläge in Donezk
Die Grossstadt Donezk liegt im Osten der Ukraine, rund 20 Kilometer von der Front entfernt. Laut Agenturberichten kam es Ende Januar in einem Markt in Donezk zu einem Raketeneinschlag, bei dem mindestens 25 Menschen starben. Russland macht die Ukraine dafür verantwortlich. Das ukrainische Militär dementiert jedoch und beschuldigt Russland, die Region um Donezk wahllos unter Beschuss zu nehmen. Ende Februar kursierten auf X, ehemals Twitter, Bilder von einer grossen Zahl getöteter russischer Soldaten auf einem Truppenübungsplatz im Raum Donezk. Nachrichten über Tote in Donezk erreichen die Schweiz, seit die Stadt 2014 von russischen Separatisten besetzt worden ist. (rac)
«Wir haben alles, das geht schon»
Die Menschen in Donezk versuchten, so gut es gehe, ein normales Leben zu führen, berichtet Bruno Giudice. Arbeiten könnten seiner Einschätzung nach die meisten. Internetzugang hätten sie auch. Ausser, es komme in der Nähe zu einem Angriff, dann gerate die Verbindung ins Stocken.
Nur die Schulen seien seit zwei Jahren geschlossen, der Unterricht finde online statt. Die Kinder träfen sich mit ihren Freunden zum Spielen auf den Quartierstrassen. Dann horche Giudice jeweils genau hin, um noch irgendwie rechtzeitig reagieren zu können, falls eine Rakete einschlage. Jetzt kann man die Angst in seiner Stimme hören.
Giudice lebt mit seiner Frau, sie ist Ukrainerin, und den zwei Kindern in einer Dreizimmerwohnung. Auch ein Neffe habe sich noch bei ihnen einquartiert. «Das geht, jeder hat sein Zimmer», erklärt er. Haupteinnahmequelle für die Familie sei ein kleiner Laden, den seine Frau betreibe; «vom Bleistift bis zu der Jeanshose verkaufen wir alles, so wie ein Türkischbasar».
Die Läden in Donezk seien regelmässig geöffnet. Das sei kein Problem. Die Benzinpreise seien im Vergleich zum Vorjahr gesunken, betrugen umgerechnet noch etwa 90 Rappen für einen Liter. Nur Importwaren seien merklich teurer geworden. Eigentlich hätten sie alles, was sie zum Leben brauchten, unterstreicht Giudice.
Was die Bevölkerung will
An den vier Sprachen, die Bruno Guidice spricht, lässt sich nicht nur dessen Lebensweg beschreiben, sondern auch seine Einstellung dem Krieg gegenüber: Er schaue sich deutsche, italienische, ukrainische und russische Nachrichten an. «Objektiv kann man den Krieg nicht betrachten», sagt er.
Er verstehe alle Seiten, nur die Politiker verstehe er nicht; sie würden Machtspiele auf Kosten der Bevölkerung spielen. Aus dem Westen höre er viel von Waffenlieferungen. «Aber das sind die Waffen, die mir in Donezk auf den Kopf fallen.»
«Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie es hier ist», wiederholt Giudice. «Donezk ist nicht erst seit 2022 besetzt, sondern seit 2014, aber damals interessierte sich noch niemand für die Ukraine. Die meisten wussten nicht einmal, dass es das Land überhaupt gibt.» Und man kann den Vorwurf in seiner Stimme hören, wenn er anfügt: «Und jetzt interessieren sich auf einmal alle für die Ukraine.» Doch was die Menschen hier wollten, darum kümmere sich niemand.
Was denn die Menschen in Donezk wollen? Darauf weiss Giudice schnell eine Antwort: keinen Krieg mehr, sich ein normales Leben aufbauen. «Wer regiert, ist nicht so wichtig. Das ist hier nicht wie in der Schweiz, das Volk wird nur alle vier oder fünf Jahre gebraucht – dann, wenn Wahlen sind.» Die restliche Zeit werde über die Menschen entschieden.
Keine Flucht in die Schweiz
Vor zwei Jahren fragte ihn diese Zeitung, ob er sich vorstellen könnte, wieder in die Schweiz zurückzukehren: Er verneint erneut. «Wenn schon Italien», er sei italienischer Staatsbürger. Doch er habe sich in Donezk etwas aufgebaut, er habe Freunde und Familie, diese könne er nicht einfach so zurücklassen.
Er kenne auch Ukrainer, die in die Schweiz geflohen sind. Es gehe ihnen gut, einer arbeite auf einem Bauernhof, ein anderer lebe in Zürich. Sie würden sich in der Schweiz ein Leben aufbauen und sich integrieren. Er könne sich nicht vorstellen, dass sie zurück in die Ukraine gingen. Dort hätten sie nichts mehr: keine Wohnung und keine Arbeit und irgendwann binde einem dann nichts mehr an die alte Heimat. Und: «Solange Krieg herrscht, müssten die Männer, die zurückkehren, direkt an die Front.»
Hoffnungen in die Schweiz
«Was ist das Ziel dieser ganzen Sache?», fragt Bruno Giudice ins Telefon und meint damit den Krieg und dass dieser bereits zwei Jahre dauert – ohne handfeste Aussicht auf Frieden. Nun kann man auch Wut in seiner Stimme hören. Auf den Strassen gebe es viel Militär, überall würden Soldaten hin und her geschickt. Man würde einfach über die Menschen entscheiden.
Dennoch sieht Giudice auch Hoffnung in der Politik: Er habe von den Friedensgesprächen gehört, die in der Schweiz stattfinden sollen. «Vielleicht bringen diese ja endlich etwas», sagt er. Er würde gerne wieder einmal in die Schweiz kommen, auf Besuch, um seine Freunde und seine Schwester zu sehen. Doch zurzeit gebe es keine direkten Flugverbindungen aus Donezk in seine frühere Heimat.
Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch
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