Auf der ARA Thunersee steht jetzt die grösste faltbare Solaranlage der Welt

Die Solaranlage über den Klärbecken faltet sich bei Unwetter oder Betriebsarbeiten zusammen. Ihr Vorteil: Sie steht auf bereits bebautem Raum und verbraucht keine wertvollen Grünflächen.

In Kürze:

  • Die weltweit grösste Solarfaltdachanlage wurde über der ARA Thunersee in Betrieb genommen.
  • Bei Unwetterwarnungen oder Hagelschlag faltet sich die Anlage automatisch zusammen.
  • Im Gegensatz zu anderen grossen Solarprojekten im Berner Oberland gab es kaum Widerstand.
  • Für überschüssigen Solarstrom prüft die ARA derzeit nachhaltige Nutzungsmöglichkeiten.

Es mutet futuristisch an – eine weite, im Sonnenlicht glänzende Decke aus Solarpanels erstreckt sich über den Abwasserbecken der ARA Thunersee am Rand von Uetendorf. Unten wird das Wasser gereinigt, oben die Energie dafür produziert.

Tatsächlich ist hier eine neue Technologie am Werk. «Wenn der Wind bläst oder Hagelschlag droht, faltet die Anlage die Solarpanels zusammen und fährt sie ein», erklärt Ingo Schoppe, Geschäftsführer der ARA Thunersee. Die Konstruktion gleitet über Rollen, wie man sie aus der Seilbahntechnik kennt. Solarfaltdach nennt sich dieses System. Entwickelt wurde es von der Firma DHP Technology mit Sitz in Graubünden.

Ingo Schoppe von der ARA Thunersee steht unter einem Solarfaltdach, einer automatischen Photovoltaikanlage, in Uetendorf.
Ingo Schoppe, der Geschäftsführer der ARA Thunersee, ist sichtlich stolz auf die neue Anlage.
Foto: Nicole Philipp

«Das geschieht vollautomatisch, ohne dass wir hier etwas zu tun hätten», ergänzt er. Mit sechs verschiedenen Wetter-Apps lasse DHP Technology die Wetterlage überwachen; ein Algorithmus entscheide dann, ob es nötig sei, die Solarpanels einzufahren. Auch Arbeiten an den Becken mit grösseren Maschinen sei durch das Einfahren möglich.

Seit November ist das Solarfaltdach über der ARA Thunersee in Betrieb. «Es ist das weltweit grösste», sagt Schoppe. 3400 Megawattstunden Strom soll die Anlage im Jahr produzieren – das entspricht dem Bedarf von rund 700 Haushalten. Etwa ein Drittel ihres Strombedarfs deckt die ARA mit der Anlage.

Faltbare Photovoltaikanlage auf der ARA Thunersee, mit vollständig ausgefahrenem Solarfaltdach. Im Hintergrund sind Bäume und Berge sichtbar, unter klarem Himmel.
Die Solarpanels über der ARA Thunersee sind an Rollen befestigt und lassen sich einziehen.
Foto: Nicole Philipp

Solarprojekte haben es schwer im Berner Oberland

Die ARA Thunersee scheint mit der Faltdachanlage eine praktikable Lösung gefunden zu haben. Denn grosse Solarprojekte haben es schwer im Berner Oberland. Deutlich wurde das beim geplanten Projekt Tschingel oberhalb von Schattenhalb. Obwohl die Gemeinde Schattenhalb dahinterstand, gab die BKW das Vorhaben im Juni auf. Der Widerstand war zu gross, Bedenken rund um Landschaftsschutz und Biodiversität überwogen.

Grosse Solaranlage auf grüner Berglandschaft mit steilen Klippen.
Diese Visualisierung zeigt, wie die Solaranlage Tschingel ausgesehen hätte. Die BKW hat das Projekt inzwischen aufgegeben.
Visualisierung: PD/BKW

Auch die alpine Solaranlage auf der Alp Morgeten bei Oberwil kommt derzeit nicht vom Fleck. Zwar erhielt sie 2024 eine Baubewilligung und wurde vom Kanton als umweltverträglich eingestuft, doch mehrere Umweltorganisationen legten dennoch Beschwerde ein.

«Es hat sehr wenig Widerstand gegen unser Projekt gegeben. Wir bauten keine Grünflächen zu, sondern überspannen ohnehin schon verbautes Gelände», sagt Schoppe. Die 36 Verbandsgemeinden der ARA seien einstimmig dabei gewesen. Aus der Anwohnerschaft habe es einzelne Bedenken gegeben, dass sie Solarpanels bei Sonneneinstrahlung stark blenden würden, doch diese hätten sich an Infoveranstaltungen aufgelöst. «Da die Panels aus Kunststoff bestehen und nur leicht geneigt sind, ist kaum mit Blendwirkungen zu rechnen», erklärt er.

Umsetzung wegen hohen Strompreises möglich

Allerdings sei die Umsetzung einer Faltdachanlage dieser Grösse lange unrealistisch gewesen. Dreimal habe die ARA Thunersee zwischen 2010 und 2020 eine Machbarkeitsstudie durchgeführt mit dem Ergebnis, dass die Kosten zu hoch seien. Erst als 2022 die Strompreise in die Höhe schossen, änderte sich das. «Mit dem Preisschock rentierte sich die Stromproduktion auf einmal, und die Gemeinden waren dabei», sagt Schoppe. Bewilligt waren 12,3 Millionen Franken; effektiv liege der Betrag dank Einsparungen und Bundesbeiträgen tiefer, sagt Schoppe über die Kosten.

Ingo Schoppe präsentiert das Kontrollsystem einer faltbaren Photovoltaikanlage auf einer grossen Bildschirmwand in der ARA Thunersee, Uetendorf.
Ein Blick in den Kontrollraum: An diesem Bildschirm wird die Photovoltaikanlage überwacht.
Foto: Nicole Philipp

In der Kosten-Nutzen-Rechnung bleibt indes eine wichtige Frage offen: Was geschieht mit dem überschüssigen Strom, den die ARA zeitweise nicht verbraucht? Ab 2026 werden die Einspeisevergütungen der Energieversorger an den Strommarkt gekoppelt und sind damit schwer voraussehbar.

«Drei Optionen stehen im Raum», sagt Schoppe: erstens eine lokale Energiegemeinschaft mit den vielen Industriebetrieben in Uetendorf; zweitens beschäftigt die ARA sich mit Speicherlösungen – doch weil die Preise für Batteriespeicher stark sinken, wäre derzeit ein Kauf unklug; und drittens steht die Einspeisung ins Stromnetz zur Diskussion, wofür die BKW bereits Interesse gezeigt hat. Die Evaluation läuft noch bis nächsten August.

Es gehe der ARA nicht darum, Geld zu verdienen, betont Schoppe. «Unser Ziel ist eine möglichst nachhaltige Abwasserreinigung – ökologisch wie wirtschaftlich.» Jede selbst produzierte Kilowattstunde senke langfristig die Betriebskosten und damit die Gebühren für die Bevölkerung.

Veröffentlicht im Thuner Tagblatt und der Berner Zeitung am 20.12.25

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