Hanishha Soosai wuchs als Tochter tamilischer Geflüchteter im Berner Oberland auf. Hier spricht sie über Ausgrenzung in ihrer Kindheit und ihre Arbeit für eine gerechte Gesellschaft.
Früh erlebte Hanishha Soosai, wie es sich anfühlt, anders zu sein. Die 24-Jährige ist als Tochter tamilischer Flüchtlinge in Frutigen aufgewachsen. Ihre Eltern flohen in den 1980er-Jahren vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka in die Schweiz. Im Berner Oberland war ihre Familie eine der wenigen, die nicht ins stereotype Bild von Schweizerinnen und Schweizern passte.
Heute vertritt Hanishha Soosai die Schweiz als erste UNO-Jugenddelegierte und sprach unter anderem im Plenarsaal der Vereinten Nationen in New York vor Vertreterinnen und Vertretern aus über 180 Staaten. In ihrer zweijährigen Amtszeit beschäftigt sie sich erneut mit dem Anderssein – sie setzt sich für Kinder und Jugendliche ein, die aufgrund einer Behinderung oder ihrer Herkunft ausgegrenzt oder diskriminiert werden.
Frau Soosai, Sie sind als Tochter tamilischer Eltern in Frutigen aufgewachsen. Wurden Sie diskriminiert?
Mein Bruder und ich sind in der Schweiz geboren, trotzdem galten wir manchmal als nicht von hier, als die «anderen», die Ausländer. Das, obwohl wir offiziell Schweizer sind. Zudem war meine Familie im Dorf damals eine der wenigen Familien, die anders waren, anders aussahen. Heute kann ich sagen, dass ich in Frutigen schöne Erfahrungen gemacht habe, aber es war nicht immer einfach. Besonders in der Primarschule gab es auch Mobbing.
Mögen Sie davon erzählen?
An vieles kann ich mich nicht mehr so gut erinnern, einige Erinnerungen sind aber sehr klar. Zum Beispiel ein Schultag, da war ich vielleicht acht. Ich hatte ein neues, pinkes Trottinett bekommen und war sehr glücklich. Dann wurde ich deswegen gemobbt. Ein Junge sagte, mein Trotti sei hässlich. Er rief mir «Scheiss-Tamil» nach. Ab dem Zeitpunkt hatte ich auf dem Schulweg Angst, von dem Jungen beschimpft zu werden.
Sie waren sehr jung. Wie sind Sie mit solchen Situationen umgegangen?
Ich habe das Gefühl, dass ich einfach gar nicht damit umgegangen bin. Ich war verunsichert und wusste nicht, wie ich reagieren sollte.
Und Ihre Eltern?
Meinen Eltern tat das sehr leid, aber ich denke, sie wussten selbst nicht, wie sie damit am besten umgehen sollten. Irgendwann war es dann nicht mehr: «Komm, wir wehren uns jetzt», sondern eher: «Es tut mir sehr leid, aber das gehört wohl irgendwie dazu.»
«Manchmal denke ich: Ich
bin gerade die einzige
Dunkelhäutige
im Raum.»
Ihre Eltern machten also ähnliche Erfahrungen?
Sie sprachen nicht wirklich darüber. So wird das wohl in den meisten Migrantenfamilien gehandhabt. Ich denke, sie wollten meinen Bruder und mich nicht belasten. Als wir älter wurden, erzählten sie ab und zu von Vorfällen. Heute wiederum ist es weniger direkter Rassismus, da ist man wohl zurückhaltender geworden, es ist eher ungerechte Behandlung. Dabei ist aber das Problem: Man weiss nie – wird man ungerecht behandelt, weil man eben anders ist, oder hat das einen ganz anderen Grund?
Woran machen Sie denn Ihr Anderssein fest?
Gute Frage. Optisch – dass ich einfach anders aussehe. Ich selbst vergesse es zwar immer wieder und merke es oft erst, wenn man es mir zu spüren gibt. Manchmal denke ich: Ich bin gerade die einzige Dunkelhäutige im Raum. Das kommt aber immer seltener vor.
Warum grenzen Menschen andere aus?
Als Kind konnte ich es nicht verstehen. Heute denke ich: Es ist wohl oft Angst vor dem Unbekannten. Wobei – wie unbekannt ist es eigentlich noch? Unsere Welt ist heute so durchmischt – Kulturen, Nationalitäten, Religionen. Wenn man da immer noch so eine abweisende Haltung hat, frage ich mich schon: Was ist los? Will man einfach nicht aus gewohnten Denkmustern hinaus?

Foto: Bruno Petroni
Ist Ihre Familie inzwischen im Dorf angekommen?
Auf jeden Fall. Wir leben in einem schönen Quartier mit extrem lieben Nachbarn. Meinen Eltern war es immer wichtig, in lokale Traditionen eingebunden zu sein. Einmal im Jahr machen meine Eltern am Frutigmärit mit und verkaufen tamilische Spezialitäten, zusammen mit einer anderen tamilischen Familie, die zugezogen ist. Viele kennen uns mittlerweile und freuen sich jedes Jahr. Das ist auch ein Grund, warum ich froh bin, auf dem Land aufgewachsen zu sein: Anders als in der Stadt entsteht hier nicht so schnell eine Art kulturelle Blase. In Frutigen gibt es nicht viele tamilische Familien – das war also gar nicht möglich.
Heute sprechen Sie über Themen wie Gerechtigkeit und Teilhabe. Wie prägten diese Erfahrungen Ihre Arbeit als UNO-Jugenddelegierte der Schweiz?
Es ist mir wichtig, zu sagen: Das waren Vorfälle, die mich zwar geprägt, aber nicht bestimmt haben. Oder anders gesagt: Mein Hintergrund aus einer Familie mit Fluchtgeschichte und mein Aufwachsen in Frutigen haben mich für Themen wie Gerechtigkeit und Teilhabe sensibilisiert. Jetzt möchte ich etwas bewegen – besonders für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten und verletzlichen Gemeinschaften.
Was können Sie als Jugenddelegierte bewegen?
Mein Mandat beschäftigt sich mit Bildung, Migration und Chancengerechtigkeit. Wir geben Workshops, besuchen Schulen, sprechen mit Jugendlichen. An den Schulen arbeiten wir oft auch mit Rollenspielen, damit Kinder und Jugendliche sich konkret vorstellen können, wie es sich anfühlt, in bestimmten Situationen zu sein. Oder auch, wie unterschiedlich Wahrnehmungen sein können. Es wäre ja auch komisch, wenn wir alle gleich denken würden.
Die UNO steht in der Kritik – es werde viel geredet, es passiere aber wenig. In letzter Zeit hört man oft, sie sei «zahnlos».
Die Frage ist halt immer: Wann ist solch eine Institution erfolgreich – welche Veränderung möchte man denn sehen? Ein neues Gesetz? Seine Einführung? Oder dass sich Menschen tatsächlich daran halten? Ich finde: Wenn sich in den Köpfen etwas bewegt, also wenn ein Denkprozess beginnt, hat man schon sehr viel erreicht. Genau da sehe ich im Moment meine Rolle.
Ist Ihre Familie inzwischen im Dorf angekommen?
Auf jeden Fall. Wir leben in einem schönen Quartier mit extrem lieben Nachbarn. Meinen Eltern war es immer wichtig, in lokale Traditionen eingebunden zu sein. Einmal im Jahr machen meine Eltern am Frutigmärit mit und verkaufen tamilische Spezialitäten, zusammen mit einer anderen tamilischen Familie, die zugezogen ist. Viele kennen uns mittlerweile und freuen sich jedes Jahr. Das ist auch ein Grund, warum ich froh bin, auf dem Land aufgewachsen zu sein: Anders als in der Stadt entsteht hier nicht so schnell eine Art kulturelle Blase. In Frutigen gibt es nicht viele tamilische Familien – das war also gar nicht möglich.
Heute sprechen Sie über Themen wie Gerechtigkeit und Teilhabe. Wie prägten diese Erfahrungen Ihre Arbeit als UNO-Jugenddelegierte der Schweiz?
Es ist mir wichtig, zu sagen: Das waren Vorfälle, die mich zwar geprägt, aber nicht bestimmt haben. Oder anders gesagt: Mein Hintergrund aus einer Familie mit Fluchtgeschichte und mein Aufwachsen in Frutigen haben mich für Themen wie Gerechtigkeit und Teilhabe sensibilisiert. Jetzt möchte ich etwas bewegen – besonders für Kinder und Jugendliche aus benachteiligten und verletzlichen Gemeinschaften.
Was können Sie als Jugenddelegierte bewegen?
Mein Mandat beschäftigt sich mit Bildung, Migration und Chancengerechtigkeit. Wir geben Workshops, besuchen Schulen, sprechen mit Jugendlichen. An den Schulen arbeiten wir oft auch mit Rollenspielen, damit Kinder und Jugendliche sich konkret vorstellen können, wie es sich anfühlt, in bestimmten Situationen zu sein. Oder auch, wie unterschiedlich Wahrnehmungen sein können. Es wäre ja auch komisch, wenn wir alle gleich denken würden.
https://www.instagram.com/reel/DK-G6ehM9mJ/embed/captioned/?cr=1&v=14&wp=1080&rd=https%3A%2F%2Fwww.bernerzeitung.ch&rp=%2Fbern-hanishha-soosai-aus-frutigen-vertritt-schweiz-in-der-uno-265223496228#%7B%22ci%22%3A0%2C%22os%22%3A1281%2C%22ls%22%3A469%2C%22le%22%3A1272%7D
Die UNO steht in der Kritik – es werde viel geredet, es passiere aber wenig. In letzter Zeit hört man oft, sie sei «zahnlos».
Die Frage ist halt immer: Wann ist solch eine Institution erfolgreich – welche Veränderung möchte man denn sehen? Ein neues Gesetz? Seine Einführung? Oder dass sich Menschen tatsächlich daran halten? Ich finde: Wenn sich in den Köpfen etwas bewegt, also wenn ein Denkprozess beginnt, hat man schon sehr viel erreicht. Genau da sehe ich im Moment meine Rolle.
Worum geht es Ihnen dabei im Kern?
Mir ist wichtig, dass Menschen ihren Horizont erweitern – auch mal Dinge sehen, die sie vielleicht nicht sehen wollen oder konnten. Also Offenheit zu erzeugen für gesellschaftliche Probleme. Vor allem das Thema Gerechtigkeit ist mir sehr wichtig.
Gerechtigkeit – in welchem Sinn?
Wichtig ist: Gerechtigkeit ist nicht Gleichberechtigung. Nicht alle Menschen haben die gleichen Voraussetzungen – sozial, finanziell oder kognitiv.
Gerechtigkeit ist nicht Gleichberechtigung?
Gleichberechtigung bedeutet, dass man allen das Gleiche gibt, egal, was sie mitbringen. Gerechtigkeit wiederum bedeutet, dass man auf die unterschiedlichen Voraussetzungen eingeht. Das individuelle Lebensumfeld eines Menschen ist mir sehr wichtig – gerade bei Kindern in der Schule.
Was bedeutet das konkret?
Manche Kinder haben zu Hause nicht dieselbe Unterstützung – etwa sprachlich oder auch aufgrund ihres sozialen Hintergrunds, unabhängig von der Herkunft. Deshalb braucht es individuelle Förderung. Wichtig ist, dass sich niemand dafür schämen muss, wenn er oder sie Unterstützung bekommt. Es sollte normal sein, nach Hilfe zu fragen und diese auch zu bekommen – nicht stigmatisierend.

Foto: Raphael Moser
Werden dadurch nicht Minderheiten ungerechterweise bevorzugt?
Wieso? Eine gerechte Gesellschaft misst sich für mich nicht daran, wie sie mit der Mehrheit umgeht, sondern daran, wie sie mit jenen umgeht, die bewusst oder unbewusst an den Rand gedrängt werden. Inklusion sollte kein Zusatz sein, sondern eine Grundhaltung.
Ist Gerechtigkeit nicht grundsätzlich eine Illusion – und das Leben halt hart.
Solche Sätze hört man tatsächlich oft. Und ehrlich gesagt: Ich habe nicht die perfekte Antwort darauf. Viele wollen sich gar nicht erst mit anderen Perspektiven auseinandersetzen. Aber genau das wäre wichtig: Zuhören und nicht gleich urteilen.
Was muss eine Gesellschaft leisten, damit sich alle als Teil von ihr fühlen können?
Offenheit – für mich ist sie der Schlüssel zu allem. Viele fühlen sich bedrängt, wenn jemand anders ist oder Neues mitbringt. Sie glauben, sie müssten sich direkt anpassen oder etwas werde ihnen aufgezwungen. Dabei muss sich die Gesellschaft gar nicht stark verändern. Oft reicht es, Vielfalt einfach zu akzeptieren. Unterschiedliche Religionen, Kulturen, Nationalitäten sowie Bräuche und Traditionen können auch nebeneinander existieren. Zulassen und respektieren – das genügt oft schon.
Veröffentlicht in der Berner Zeitung und dem Thuner Tagblatt am 08.10.25

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