In Spiez stand Zoë Më zum ersten Mal seit dem Eurovision Song Contest wieder auf der Bühne – ohne Glitzer, ohne Show, aber mit viel Persönlichkeit.
In Kürze:
- An den Spiezer Schlosskonzerten trat Zoë Më zum ersten Mal seit dem ESC auf.
- Die ESC-Teilnehmerin erreichte bei der Jury den zweiten Platz mit poetischen Klängen.
- Die Freiburger Künstlerin singt mehrsprachige Lieder über persönliche Lebenserfahrungen.
- Für Sommer und Herbst plant die 24-Jährige Festivalauftritte sowie eine Clubtour.
Zoë Më tritt an diesem regnerischen Mittwochabend im Hotel Eden in Spiez auf. Sie am Konzertflügel, ihre Begleiterin Eléonore Hirt am Cello. Hinter ihr die verhangene Spiezer Bucht. Im Konzertsaal 150 Besucherinnen und Besucher, grösstenteils ältere, gut gekleidete Menschen. Sie selbst in einem eleganten, weiten Kleid, passend zu dem eher auf Klassik ausgerichteten Programm der Schlosskonzerte Spiez und dem Viersternhaus. Es ist das erste Konzert der Freiburgerin nach dem ESC.
Der Kontrast zur Bühne des Eurovision Song Contest könnte kaum grösser sein. 160 Millionen Menschen haben den ESC verfolgt. Er war bunt, laut und schrill. Viele Acts setzten auf aufwendige Lichtshows, nackte Haut, Choreografien und visuelle Effekte. Neben der Show wurde der Länderwettbewerb teilweise auch lautstark zum politischen Thema gemacht. Als Titelverteidigerin stand Zoë Më von Anfang an im Fokus der Veranstaltung. Mit ihrem Song «Voyage» setzte sie jedoch auf leisere, poetische Töne.
Was bedeutet der ESC für Zoës Mës Zukunft als Künstlerin? Diese Frage stellen wir ihr in Spiez vor dem Konzert.

Foto: Christian Pfander
Zoë Më, Sie haben am ESC Platz 10 erreicht. Was bedeutet das für Sie als Musikerin?
Musik ist schwer in Zahlen zu fassen. Deshalb war mein Ziel, in die Top 10 zu kommen – und das habe ich erreicht. Besonders freut mich, dass mich die Jury auf Rang 2 setzte und mir die anderen Künstlerinnen und Songwriter den Preis für die beste Komposition zusprachen. Das zeigt mir, dass ich als Künstlerin auf dem richtigen Weg bin.
Sie wollten die Menschen mit einem intimen, poetischen Song berühren. Wie viel Mut brauchte es, dies am bunten und lauten ESC zu tun?
Ich denke, dass mein Auftritt vielleicht etwas ungewöhnlich war. Ich glaube, es war das erste Mal, dass man einen One-Shot gemacht hat, bei dem die Kamera drei Minuten lang nur auf eine Künstlerin gerichtet war. Man kann sagen, dass dies mutig war, aber gleichzeitig war es genau das, was ich wollte. Ich wollte 100-prozentig ich sein. Es hat sich deshalb nicht so mutig angefühlt, sondern eher wie: «Ich zeige, wer ich bin.»
Die Publikumswertung lag bei null Punkten. Hat das auch damit zu tun?
Das ist schwer zu sagen. Einerseits waren wir das Gastgeberland, da spricht man in der ESC-Bubble vom «Host Country Curse», also einem Fluch. Wenn die Leute sehen, dass man für die Schweiz antritt, voten sie auch weniger für einen. Und es war eine sehr intime Nummer, die vielen gefallen hat, aber die sie dennoch nicht auf Platz 1 sahen.
Es war nicht der typische ESC-Beitrag?
Genau. Aber ich finde, man muss sich vorher entscheiden, was man zeigen will. Beim ESC kann man sagen: Ich will gewinnen. Oder: Ich will zeigen, wer ich bin. Die Schweizer Delegation hat mich von Anfang an gefragt: Was ist deine Geschichte? Was willst du zeigen? Und genau das haben wir dann auch umgesetzt.
Sie wollten als Künstlerin wahrgenommen werden und nicht eine Show liefern?
Ja, ich habe immer gesagt, der ESC ist eine Etappe, kein Ziel. Es ist ein Schritt auf meinem Weg. Der Song «Voyage» war eine Reise, die ich dank dem ESC antreten durfte.

Foto: Christian Pfander
Wer ist die Künstlerin Zoë Më abseits des ESC? Das zeigt sich auf der kleinen Bühne in Spiez. «Stilles Lachen wird oft nicht gehört. Stille Liebe wird oft nicht gesehen. Stille Menschen. Sie werden übersehen», singt Zoë Më mit sanfter, aber klarer Stimme. Getragen wir sie von verträumten Klaviermelodien und tiefen, schwelgenden Celloklängen. «Es ist ein persönlicher Song», sagt sie.
Ein intimer Song. Und Intimität ist bei ihr Programm. Ihre Songs führen das Publikum auf eine Reise durch eine zerbrechliche, aber reflektierte Gefühlswelt, die sie selbst als «Voyage» bezeichnet. Liebe, Freundschaft, aber auch Neid und Emanzipation sind ihre Themen. Dabei wirken weder die Songs noch ihr Auftritt selbstbezogen: Es sind Auseinandersetzungen mit ihren Mitmenschen und der Welt, in der sie lebt.
Kein Material für den ESC-Hype
Zwischen den Songs erklärt sie dem Publikum, wie diese entstanden sind, und zeigt sich selbstironisch. Das ist kein Material für den ESC-Hype, sondern für kleinere Bühnen und Menschen, die bereit sind, sich Zeit zu nehmen, um zuzuhören.
Die Songs der 24-Jährigen zeigen einen eigenen Charakter und zeugen von einem künstlerischen Profil, das weit mehr ist als aufwendig produzierter Pop. Sie sind poetisch und träumerisch, aber auch komplex sowie melodisch und lyrisch.
Im Gegensatz zu ihrem ESC-Song «Voyage» enthalten die Songs, die sie in Spiez vorträgt, Ambivalenzen und Brüche, was sie spannend macht. Dazu trägt auch der fliegende Wechsel der Sprachen bei. Die in Freiburg geborene Sängerin singt auf Deutsch und Französisch, oft im selben Song, was erstaunlich gut funktioniert.

Foto: Christian Pfander
Hier in Spiez spielen Sie in einem kleinen Rahmen – ein riesiger Kontrast zum ESC. Was entspricht Ihnen mehr?
Ja, es ist anders, aber es passt zu meinem Künstlerprofil. Ich habe immer gesagt: Ich bin Vollblutmusikerin. Ich bin mit einem selbst geschriebenen Song zum ESC gekommen. Und jetzt gehe ich als Musikerin weiter. Das ist die Realität im Musikbusiness: Man steht nicht immer vor 170 Millionen Menschen.
Können Sie sich im kleinen Rahmen besser zeigen?
Auf jeden Fall anders. Die Leute spüren mehr. Egal welcher Künstler es ist: Wenn man die Musik auf das Wesentliche reduziert, spürt man viel mehr von den Geschichten. Ich liebe diese Konzerte, weil ich mehr Zeit habe zu erzählen. Ich bin auch eine Geschichtenerzählerin. Da kann ich sagen: Bei diesem Song geht es um das, das habe ich mir dabei gedacht.
Wie meinen Sie das mit dem Geschichtenerzählen?
Mein Künstlername ist Zoë Më. Zoë bedeutet auf Griechisch «Leben», und Më bedeutet auf Japanisch «Auge». Ich bin sehr sensibel, schaue genau hin und höre genau zu. Ich erzähle Geschichten aus dem Leben. Was mich am meisten inspiriert, sind Geschichten von anderen Menschen.

Foto: Christian Pfander
Wo führt Ihre Reise jetzt hin?
Spiez ist ein Zwischenstopp. Dann kommen viele Festivalauftritte im Sommer und eine Clubtour im Herbst. Auch ins Studio wird es mich wieder führen. Und hoffentlich in ganz viele Herzen.
Und was ist mit dem Songwriting? Was erwartet uns da?
Im Juni kommt ein neuer Song raus. Und bis Ende Jahr folgen viele weitere, die bereits aufgenommen sind. Das ist kein leeres Versprechen. Ich bin ständig im Studio.
Können Sie einen kleinen Teaser zum neuen Song geben? Worum geht es?
Was kann ich schon verraten – ohne zu viel zu sagen: Es geht ums Feststecken im Alltagstrott. Das Thema passt gut in die ESC-Nachzeit.
Veröffentlicht in der Berner Zeitung und Der Bund

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