Eine heitere Schule im Abschiednehmen

«Herr Doktor, miis Büsi…» lautet der Titel des Erzählbandes von Johannes Kaufmann. In 24 Kurzgeschichten erzählt er darin aus seiner Sprechstunde. Was unterhaltsam kurzweilig ist, birgt Tiefgang: einfühlsame Beobachtungen über das Zusammenleben mit Tieren.


Tierliebende müssen gut im Abschiednehmen sein. Denn die vierbeinigen Begleiter haben im Vergleich zum Menschen eine kurze Lebensdauer: Eine Katze wird bei guter Gesundheit und viel Glück 18 Jahre alt. Hunde können ihr Frauchen oder Herrchen 10 bis 15 Jahre lang begleiten.

Dazwischen kann den treuen Begleitern alles Mögliche zustossen: Sie können sich in einen Knochen verbeissen, sich einen Katzenschnupfen einfangen, eine Lismernadel oder einen Tanga verschlucken oder einfach zu viel gutes Futter vorgesetzt bekommen.

Johannes Kaufmann, Tierarzt in Trimbach, mit dem Chihuahua Bingo bei einer Untersuchung. Das Hündchen ist ein wenig verängstigt; es wurde von seinem früheren Besitzer geschlagen.
Bild: Bruno Kissling

Davon jedenfalls erfährt man bei der Lektüre von Johannes Kaufmanns Buch «Herr Doktor, miis Büsi…». In 24 kurzweiligen, zwei bis fünf Seiten langen Geschichten erzählt der in Trimbach praktizierende Tierarzt von Erlebnissen im Alltag; von kranken Hunden, Katzen, Schildkröten und Kanarienvögeln, die er oft wieder gesund pflegen kann, manchmal aber von ihrem Leid erlösen muss.

Tier und Mensch im Fokus

«Viele Sprechstunden gleichen einer Theaterbühne, auf welcher sich tragikomische Einakter, aber auch lustige Schauspiele und eindrückliche Dramen abspielen», schreibt Kaufmann. So stehen traurige und humorvolle Geschichten nebeneinander. Meistens spielt der Mensch dabei die Hauptrolle. Denn Kaufmann wendet den erzählerischen Blick vom kranken Tier geschickt auf den Menschen, der besorgt um seinen Gefährten in die Sprechstunde kommt.

Dabei erhält der Tierarzt Einblicke in die menschliche Psyche in Ausnahmesituationen, Verlustangst und Trauer. «Ins ewige Licht eingehen» oder auch «über die Regenbogenbrücke gehen» sind Redewendungen, das erfährt man bei der Lektüre, mit denen Trauernde versuchen, das Sterben ihrer Tiere in Sprache zu fassen und damit zu begreifen. Man liest heraus: Oft geht mit dem Tier auch eine Aufgabe oder sogar ein Lebenssinn verloren.

Das nimmt manchmal skurrile Züge an. Vor allem, wenn das Loslassen sehr schwerfällt. Etwa wenn ein Mann für die Verabschiedung seines Hundes im Tierarztsprechzimmer eine vom Hinduismus inspirierte Abschiedszeremonie mit Gesang, Rosenblättern und Meditationsmusik durchführt. Oder wenn eine Frau ihr Hündchen derart bemuttert, dass sie, anstatt es herumrennen zu lassen, es lieber an ihrem Busen spazieren führt und das Tier in der Folge eine regelrechte Angststörung entwickelt.

An solchen Stellen greift Kaufmann mit tiermedizinischem Fachwissen ein und macht verständlich, warum die eine oder andere Fürsorgemassnahme aus menschlicher Perspektive durchaus gut gemeint, für ein Tier aber unangenehm oder sogar leidvoll ist.

Johannes Kaufmann mit seinem Buch «Herr Doktor, miis Büsi…». Seit März arbeitet er in der Tierarztpraxis Carevet in Trimbach.
Bild: Bruno Kissling

Johannes Kaufmann: Der Tierarzt arbeitet als Pensionär in der Tierarztpraxis CareVet in Trimbach, nachdem er über zehn Jahre in seiner eigenen Praxis in Wangen gearbeitet hatte. Sein Werdegang führte ihn unter anderem als Assistent der Universität Bern in die Feldforschung und er betrieb in Gambia eine Buschklinik. Danach kehrte er als Oberassistent in Parasitologie ans Tierspital Bern zurück. Von 1998 bis 2002 war er Wissenschaftsattaché an der Schweizer Botschaft in Washington, D.C. Danach leitete er die Bundesstelle für Innovationsförderung.

Heiter, aber nicht harmlos

Der Autor schafft das Kunststück, von Krankheit und Sterben in unaufgeregtem, oft auch heiterem Ton zu erzählen. Damit gelingt ihm etwas Besonderes: Lesende werden von der Thematik nicht heruntergezogen, sondern in sie hineingezogen. Man entwickelt bei der Lektüre nicht nur Mitgefühl mit den Menschen, die sich um ihre Tiere sorgen, sondern erlebt ihr Sorgen und Bangen sozusagen aus dem sicheren Hafen mit.

So beginnt man, sich daran zu gewöhnen, dass Krankheit und Sterben zum Leben mit Tieren dazugehört und man eines Tages Abschied nehmen muss. Und vielleicht lernt man die gegebene Zeit damit umso mehr zu schätzen. Das ist keine Kleinigkeit. Und man staunt, dass das mit einem doch harmlos daherkommenden Büchlein möglich ist.



Nachgefragt: «Es kann helfen, das Abschiednehmen von Tieren als Lebensschule zu betrachten»

Beim Lesen Ihres Buches entsteht der Eindruck, dass Sie sich in Ihrer Sprechstunde nicht nur auf das Tier, sondern auch stark auf sein Frauchen oder Herrchen konzentrieren. Stimmt das?

Johannes Kaufmann: Ja. Man sagt, Tiere lassen ihre Symptome zu Hause, wenn sie in die Praxis kommen. Tiere können nicht mit uns sprechen. Nicht selten zeigen dann die Menschen in ihrer Beobachtung, was dem Tier fehlt. Katzen zum Beispiel reagieren stark, wenn etwas in ihrem Umfeld nicht stimmt, zum Beispiel wenn ihre Besitzer gestresst sind. Deshalb ist es mir wichtig, dass ich mir in meinen Sprechstunden viel Zeit nehmen kann, um mit den Menschen zu sprechen.

Wie geht man am besten damit um, wenn ein lieb gewonnenes Tier schwer erkrankt und man sogar damit rechnen muss, sich von ihm verabschieden zu müssen?

Solange ein krankes Tier noch lebt, befinden wir uns in der palliativen Phase. Wir versuchen, ihm mit Schmerzmitteln das Leben möglichst angenehm zu machen. In dieser Zeit empfehle ich, jeden Tag mit dem Tier zu geniessen, als wäre es der einzige – nicht der letzte. Denn so kann man auch die Freude und nicht nur die Trauer an der verbleibenden Zeit bewusst erleben. Und dann ist man auch eher bereit, loszulassen. Zudem kann es helfen, das Abschiednehmen von Tieren als Lebensschule zu betrachten. Denn früher oder später sind wir alle damit konfrontiert, Geliebte gehen zu lassen – Tiere und Menschen.

Beim Lesen erfolgt manchmal Kopfschütteln: Manche Menschen scheinen ihre Haustiere stark zu vermenschlichen und zu verhätscheln.

Die Vermenschlichung ist ein grosses Thema in der Sprechstunde. Deshalb bedauere ich es auch, dass der Bund die Tierpflichtkurse wieder abgeschafft hat. Hunde zum Beispiel müssen mit Artgenossen spielen können, um sich zu sozialisieren. Das Buch ist auch als Aufklärung über die artgerechte Haltung von Haustieren gedacht.

Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch