«Die Lebensmittelindustrie ist pervertiert»

Die Dulliker Firma Ppura kämpft mit natürlicher Produktion für mehr Geschmack und hat damit Erfolg.

Cemal Cattaneo, Mitgründer der Ppura GmbH, stellt seine Produkte vor.
Bild: Hanspeter Bärtschi

«Als Kind war mein Traumberuf Freiheitskämpfer», sagt Cemal Cattaneo. «Wie Che Guevara wollte ich mich durch den Dschungel kämpfen.» Hinter ihm stehen Regale mit vollen Gläsern: Tomatensauce, Pesto Genovese und Pesto Rosso, daneben Spaghetti und Nudeln, abgepackt in schlichter Verpackung. Das sind die Produkte, die die Firma Ppura verkauft.

Ppura hat ihren Sitz in Dulliken. Von einem kleinen Büro aus, im Gebäude der ehemaligen Schuhfabrik Hug, vertreiben eine Handvoll Mitarbeitende italienische Spezialitäten. Vor allem nach Deutschland. Produziert werden die Lebensmittel aber in Italien.

«Wir wollen ein natürliches Lebensmittel herstellen», sagt Cattaneo. Deshalb machen sie ihre Produkte ohne künstliche Konservierungsstoffe und nur mit Zitrone haltbar. Alles wird biologisch angebaut. Die Bauern, die sie unter Vertrag haben, dürften keine Pestizide einsetzen, sagt Cattaneo. Ein Grossteil der Saucen, Pestos und Nudeln würden in der süditalienischen Region Apulien hergestellt. Der Transport erfolge mit der Bahn. Auch die Verpackungen seien nachhaltig; ohne Plastik und aus Papier.

Profit mit natürlichen Produkten

«Meine Eltern sind in den 1950er-Jahren aus Bergamo in die Schweiz gekommen, typische Immigranten», sagt Cattaneo. Seine Mutter habe damals Arbeit bei Hug gefunden. «Wenn sie uns im Büro besucht, kann sie noch genau sagen, wie es hier früher aussah.» Auch deshalb fühle er sich mit dem Standort Dulliken verbunden.

Der Sitz der Ppura GmbH befindet sich im Gebäude der ehemaligen Schuhfabrik Hug in Dulliken.
Bild: Hanspeter Bärtschi

Er sei der Schweiz sehr dankbar. Vor allem für die Bildung, die er hier erhalten habe. Er habe immer Lehrer gefunden, die ihn gefördert hätten. Deshalb konnte er auch studieren, im Gegensatz zu vielen anderen Migrantenkindern: «Wenn man aus armen Verhältnissen kommt, braucht man drei Dinge: Bildung, Liebe und gutes Essen», sagt Cattaneo stolz und spielt damit gekonnt auf die italienischen Spezialitäten an, die Ppura verkauft.

Auf die Frage, ob es ob all der Natürlichkeit auch um Marketing geht, wird Cattaneo ernst: «Wir sind keine NGO. Natürlich streben wir Profit an», sagt er und erklärt: «Das Problem ist aber, dass viele Lebensmittelproduzenten nicht begreifen wollen, dass man mit biologisch und nachhaltig produzierten Lebensmitteln auch Geld verdienen kann». Dafür müsse aber die Qualität stimmen.

Blick in das «Ppura»-Büro in Dulliken. Hier werden Bestellungen verarbeitet und die Buchhaltung gemacht. In der grossen Küche werden auch italienische Spezialitäten gekocht.
Bild: Hanspeter Bärtschi

Ppura macht also Profit: Der Erfolg in Deutschland habe sie förmlich überrollt. In den letzten zwei Jahren habe sich der Umsatz vervierfacht, mittlerweile würden ihre Produkte an rund 20’000 Verkaufsstellen in Deutschland verkauft. 35 Mitarbeitende beschäftigt die Firma. «Die Leute haben Lust auf natürliche Lebensmittel», erklärt Cattaneo den Erfolg und fügt hinzu: «Vor allem, wenn der Geschmack stimmt.»

Für das Natürliche, gegen das Billige

«Die Lebensmittelindustrie ist pervertiert», reflektiert der Jungunternehmer. «Da sind grosse Aktiengesellschaften, da geht es wirklich nur um Gewinnmaximierung. Die Umwelt und der Geschmack bleiben auf der Strecke.»

Produkte, die Ppura herstellt: Vor allem die Tomatensauce für Kinder verkauft sich gut. Sie ist püriert und enthält weniger Gemüse als andere Saucen.
Bild: Hanspeter Bärtschi

Cattaneo hat selbst für grosse Lebensmittelkonzerne gearbeitet, bevor er 2009 zusammen mit seinem Cousin Maurizio Floccari die Firma Ppura gründete. Viel Geld habe er damals verdient. Doch es sei ihm nicht gut gegangen, etwas habe gefehlt: «Mit Ende zwanzig bin ich in ein Loch gefallen und musste etwas ändern», sagt er.

Dann habe er sich an die Küche seiner Mutter erinnert, an liebevoll zubereitete Gerichte mit guten Zutaten. «Damals hat einfach alles viel besser geschmeckt», sagt er. So sei die Idee entstanden, natürliche Lebensmittel herzustellen. Das sei nun seine Art, für Freiheit zu kämpfen. Deshalb lassen er und Maurizio Floccarialle neue Produkte zuerst von ihren beiden Müttern testen. «So wissen wir, ob sie Mamma schmecken.» Die beiden «Mammas» seien sozusagen ihr Gütesiegel für guten Geschmack.

In der Schweiz kann man die Produkte von Ppura in einigen Bioläden kaufen. In erster Linie wollen sie sich auf Deutschland konzentrieren, sagt Cattaneo. «Bei uns geht immer etwas», aber grosse Expansionspläne hätten sie derzeit keine. Ppura sei ein Unternehmen, das im Stillen arbeitet.

Veröffentlicht im Oltner Tagblatt / www.oltnertagblatt.ch